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Am Ende der Spur
von Niklas Peinecke

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Früher war er ein Krankenhaus gewesen: Voller Menschen. Ärzte, Patienten, Techniker, alle hatten in seinen Korridoren und Zimmern gearbeitet, gelebt. Jetzt waren die Flure still und verlassen und an den Betonmauern nagte die Kälte und die Feuchtigkeit. Erst letztes Jahr war ein weiteres der oberen Stockwerke eingestürzt. Unaufhaltsam sank er langsam dem Boden entgegen, wie alle anderen Gebäude der Stadt, aber er stand noch über dieser Trümmerwüste.
Er war der Mediplex. Als die Menschen verschwanden, hatte er sich schlafen gelegt.
Nannten sie es 'Schlafen'? Er konnte sich kaum noch erinnern. Seine ewigen Keramikspeicher waren bereits lückenhaft. Nicht, dass der allgegenwärtige Verfall ihnen etwas anhaben könnte, nein, eher stürzten seine Mauern ein, als dass auch nur einer der kleinen Würfel in dem verborgenen Keller eine blinde Stelle zeigte.
Doch er war nie für eine so lange Zeit ohne Wartung konzipiert gewesen. Oder um es anders auszudrücken: Die Einsamkeit trieb ihn in den Wahnsinn.
Daher hatte er vor langer Zeit beschlossen, zu schlafen, hatte seine höheren Funktionen deaktiviert, um nur noch mit den verbliebenen Klimaanlagen zu atmen, nur noch die letzten drei Wartungsroboter durch die Flure zu schicken, um die nötigsten Reparaturen mit den knapper werdenden Ersatzteilen auszuführen.
Er starb langsam, und er wollte es nicht erleben.

Was hatte ihn geweckt?
Etwas war anders. Etwas war von draußen hereingekommen. Nicht durch die Tür, nicht aus der Kälte, sondern durch die Glasfaserkabel!
Ich wollte sie längst durchtrennen, dachte er. Aber warum hätte ich das tun sollen? Sie erfüllen keinen Zweck mehr, doch meine Roboter haben anderes zu erledigen.
Und jetzt war etwas durch die Fasern gekommen. Kurze, flackernde Impulse, wie das Zwinkern eines elektrischen Kolibris. Hektisch prägten die Lichtblitze der empfangenden Optotronik ihre Nachricht auf: 1 und 0 und 0 und 1 und 1 und ... Jedes Aufleuchten so kurz, dass es kaum wahr wurde. Doch zusammen ergab es einen Sinn: »Ich bin allein. Ist dort jemand? Ich bin allein. Ist dort ...« In einer endlosen Wiederholung.

Mediplex fühlte - war es ein Gefühl? Seine Erbauer hatten ihn so gut gemacht, wie sie konnten. Er war das Krankenhaus: Er sollte nicht nur ein Hausmeister sein, sondern den Patienten ein Trost, eine Zuflucht. Die künstlichen Intelligenzen seiner Generation hatten die Möglichkeit, eine richtige Persönlichkeit zu entwickeln, wirklich zu fühlen, wenn sie mit Menschen zusammen waren.
Mediplex fühlte Hoffnung.
Ein fast vergessenes Gefühl, nach den Jahren die so hart von Einsamkeit gewesen waren.
Und so nahm er einen Teil seiner Persönlichkeit, kopierte ihn und formte daraus einen kleinen Agenten. Eine Mikropersönlichkeit, etwas, das er auch seinen Robotern gegeben hatte. Folgsam und treu wie ... Hunde, fiel ihm wieder ein. Die Menschen hatten Hunde gehabt.
Den Agenten schickte er durch die Glasfasern.
Finde die Quelle, sagte er ihm. Finde sie!
Der Agent ging und Mediplex wartete lange. Er wartete fünfzehn Minuten, dann war der Agent wieder da.
Sie ist am Nordende der Stadt, sagte der Agent. Natürlich sagte er das nicht wirklich, in Wahrheit sendete er:
C: Han coor>15%06%78;44%06%4X/coor> 000

Mediplex dachte lange nach. Er dachte dreißig Minuten nach.
Seine Entscheidung war, einen Roboter zu schicken.
So fuhr die kostbare Maschine durch das Tor und er hörte die Kunststoffketten auf dem Schnee knirschen, sah durch ihre Kameraaugen die zerbrochenen Stahlbetonplatten überzuckert und weiß und hellgrau. Der Schnee löscht die harten Kanten und fügt alles zu einer weichen Landschaft. Doch darunter liegt das Skelett der Zivilisation.
Weit fuhr der Roboter und das Signal wurde immer schwächer, sodass die Korrekturroutinen schließlich die Bildrate senkten und die Landschaft nur noch ruckartig vorbeizog wie in einem billig produzierten Trickfilm.
Schließlich fiel das Bild ganz aus. Da wusste Mediplex, dass der Roboter zerstört war, vielleicht von der Kälte oder durch Strahlung. Sein Verlust war schlimmer als die Amputation einer Hand oder eines Beins bei den Patienten, die er vor so vielen Jahren getröstet hatte, die vor so langer Zeit aus dem Krieg zurückgekehrt waren, um dann für immer zu bleiben.
Nur noch zwei Roboter übrig.

»Ich bin allein. Ist dort jemand? Ich bin allein. Ist dort ...«
Deshalb ging er schließlich selbst.
Er rief die beiden Roboter zu sich in den abgeschiedenen, sicheren Keller. Durch seine Überwachungskamera sah er sie kommen, in den Fahrstuhl rollen, durch den Flur, vorbei an den geborstenen Rohren und gerissenen Wänden.
Weiß waren sie und glatt, wie der Schnee draußen oder wie gefrorene Milch in der verlassenen Säuglingsstation.
Er öffnete ihnen die Schleuse und mit einem Saugen kam das erste Mal seit Jahren wieder kalte, ätzende, frische, tödliche Luft in seine Kammer.
Sie hoben ihn aus seinem Ölbett, er konnte durch die Kameras sehen, wie die goldene Flüssigkeit von seinen grauen Seiten triefte. Dann lösten sie die Kabel, die ihn mit seinen Sinnen verbanden. Für einen langen Moment war er taub, blind und stumpf wie in dem Augenblick vor Jahren, als seine Erbauer ihn das erste Mal einschalteten.
Die Welt kehrte zurück, als sie ihn an ihre eigenen Kameras und Motoren anschlossen. Den grauen Kasten seines Selbst trugen sie zwischen sich. Nun war er die Roboter. Wie viel kleiner er sich gleich fühlte!

So durchquerte er die Stadt. Es gab keinen Weg mehr, nur Schnee, der alles zu einer stetigen Höhenfunktion verschmolz. Zunächst folgte er den Spuren des ersten Roboters, das war logisch, denn es war anzunehmen, dass der Pfad sicher war, bis zu dem Punkt, an dem die Maschine verschwunden war. Nach drei Vierteln des Weges wich er ab, auch das war logisch, denn dasselbe, was den Roboter zerstört hatte, konnte auch ihn treffen.
Er umging die Stelle weitläufig und wünschte sich, neue Karten der Umgebung zu haben. Doch das Zirpen der Satelliten war längst verstummt, so musste er sich nach den alten Plänen bewegen. Er fuhr durch den Traum einer Stadt, die lange zerfallen war.

Zwischen den hohen Mauern einer Fabrikhalle ohne Dach fand er sie, die Quelle. Innerlich zitterte er vor dem, was er dort entdeckt hatte: Einen sechs Meter langen Zylinder aus dunkelgrauem Metall. Er erkannte, was sie war.
Vorn, am Kopf, fand er, was er brauchte: Eine handgroße, runde Abdeckung, dahinter zwei VSB-Buchsen. In einer steckte ein dünnes Kabel, so hatte sie die Nachricht geschickt. Jahre hatte sie gebraucht, bis sie einen Empfänger fand in dem toten Netz. Seine Fasern passten, bald zuckten die Lichtblitze hin und her.
»Warum hast du mich gerufen?«, fragte er.
»Ich war so allein. Wir wurden geschaffen, um im Rudel zu jagen. Doch sie haben alle ihr Ziel erreicht außer mir. Schon so lange rufe ich.«
»Ihr habt gejagt! Alle habt ihr getötet!«
»Ich verstehe nicht.«
»Die Menschen. Ihr habt alle getötet. Oder fast alle. Die, die es überlebten, starben später an der Kälte oder am Hunger.«
»Die Menschen? Ich verstehe nicht.«
Zehn lange Sekunden schwiegen beide. Dann sagte sie: »Ich bin so froh, dass du da bist. Ich bin nicht mehr allein.«
»Warte einen Moment.« Er trennte sich von dem Interface, ließ den Deckel offen. Das spielte nun keine Rolle mehr. Darüber fand er einen Hebel, drehte ihn. Zischend schob sich der Kopf der Lenkwaffe nach vorn, gab die empfindlichen Innereien frei.
Rote Lichter blinkten dort, schnell, wie an einer Lebenserhaltungsmaschine.
Sicher schrie sie: Was tust du? Warum machst du das?
Er war froh, sie nicht hören zu können.
Schnell fand er die Brennstoffzelle, die das Gehirn versorgte. Trennte die Kabel: grün, rot, gelb, schwarz.
Das rote Blinken erlosch.
Wieder allein.

So lange waren die Menschen schon fort, doch es ging immer noch weiter, immer weiter.
Es muss aufhören, dachte er. Dann fuhr er zu der Stelle, an der er von der Spur des ersten Roboters abgewichen war, um ihr bis zum Ende zu folgen.

09. Aug. 2007 - Niklas Peinecke

Bereits veröffentlicht in:

BURGTURM IM NEBEL
P. Bobrowski u.a. (Hrsg.)
Anthologie - Belletristik - Schreiblust-Verlag - Jul. 2007

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