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Help Hello
von Vincent Voss

Heiko Schulze Heiko Schulze
© http://www.falpico.wordpress.com
Die vorletzte Bewerberin. Der Bewerbung nach war sie eher durchschnittlich, Frau Zimmer hatte einen Klebezettel mit dem Vermerk „Nette, freundliche Art“ auf die Mappe geklebt und somit ihre Entscheidung, die junge Frau zum Bewerbungsgespräch einzuladen, gerechtfertigt. Er warf einen letzten Blick in die Unterlagen, legte sich einen Gesprächsfaden zurecht und fügte die Mappe in die symmetrische Ordnung seines Schreibtisches ein. Frau Albrecht betrat sein Büro, er erhob sich, begrüßte sie per Handschlag und offerierte ihr den Sitzplatz vor sich. Der erste Eindruck ist entscheidend, sagte er sich immer, und der war nicht überzeugend. Wenig Dynamik, wenig Schwung.
Er führte durch das Gespräch, um Frau Albrecht genauer kennenzulernen und merkte, dass der anstrengende Arbeitstag und sein Vorurteil, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse an ihr schwinden ließen. Ein Gespräch von vielen und er brachte es zu einem Ende.
„Haben Sie noch eine Frage, Frau Albrecht?“, fragte er und erwartete Interessensbekundungen an seinem Unternehmen.
„Ja, eine habe ich tatsächlich.“ Frau Albrecht nickte. Er wartete und ließ seinen Blick aus dem Fenster in den Hafen schweifen.
„Das Bild dort. Warum hängt es hier?“
Er war irritiert und sah sich um. Seine Frau, sein Sohn, hinter ihm der Michel bei Nacht.
„Welches meinen Sie?“
„Das dort.“ Sie deutete auf ein Bild, welches in ihrem Rücken an einer Schranktür hing, nur von einem Klebestreifen gehalten. Es zeigte eine Kinderzeichnung. Ein dunkelhäutiges Kind in bunter Kleidung und einer, nein, zwei Sprechblasen. In einer stand durchgestrichen das Wort „Help“, in der anderen das Wort „Hello“.
„Ach das, ja, das ist … ähm …“ Diese Frage hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Er nahm die vor sich liegende Mappe und verschob sie etwas nach links, dann wieder nach rechts, auf der Suche nach den richtigen Worten. Er erinnerte sich.

Szenentrenner


Tavira in der Algarve. Er hatte mit seiner Frau an der Promenade Fisch gegessen, sie hatten sich eine Flasche Wein geteilt und ihm war, kurz vor dem Ende ihres Urlaubs, nach einem Strandspaziergang. Sylvia war müde und wollte zu Bett, was ihm gelegen kam, denn er befand sich in einer philosophischen Stimmung, wie sie es nannte.
Er schlenderte den Strand entlang, begegnete anderen und fühlte sich doch allein. Er zog seine Schuhe aus, krempelte die Hose hoch und spazierte am Rande des herannahenden Wassers, den Blick in die Ferne gerichtet und die Gedanken eben dorthin schweifend.
Unrat trieb einige Meter vor ihm an Land und es ärgerte ihn. Sollte er den Müll mitnehmen oder ignorieren? Komplexe Fragen klammerten sich an die Bewältigung dieser Situation, Fragen, denen er in diesem Lebensabschnitt häufiger begegnete.
Wenn du diese Flasche jetzt aufliest, musst du es auch mit dem anderen Unrat gleich halten. Dann sammelst du hier den Müll aller anderen. Tust du es nicht, nimmst du es hin. In etwa so dachte er, als die Welle ihm die Plastikflasche vor die Füße spülte und er im fahlen Mondlicht sah, dass in der Flasche ein Zettel steckte. Seine Neugier wurde geweckt, er griff sich die Flasche, öffnete sie und fingerte den Zettel hervor. Mit dem Rücken zum Mond rollte er ihn auseinander und führte eben jene Zeichnung zutage, die nun an seinem Schrank hing. Unauffällig für andere hängen sollte.

Szenentrenner


„Eine Flaschenpost“, antwortete er und nickte. Frau Albrecht nickte ebenfalls, aber sie sah aus, als wäre sie mit seiner Antwort noch nicht zufrieden.
„Ich habe sie in Portugal am Strand gefunden und … sie bedeutet mir etwas“, erklärte er weiterführend. Frau Albrecht drehte sich zu der Zeichnung, betrachtete sie und wandte sich wieder an ihn. „Es ist eine Kinderzeichnung, oder?“
„Ja, in der Tat.“ Er blieb prägnant, es war ihm unangenehm.
„Help ist durchgestrichen und durch ein Hello ersetzt worden. Ob die Flasche wohl aus Afrika kam?“, fragte Frau Albrecht weiter und ihr offenes Gesicht zeigte aufrichtiges Interesse an der Zeichnung.
Er beugte sich vor. „Ich glaube, ja. Ich glaube, sie ist den ganzen Weg durch das Mittelmeer getrieben und an die Küste Portugals gespült worden.“
„Was die Kinder wohl gedacht haben, als sie die Flasche ins Wasser ließen?“, fragte Frau Albrecht, eher sich selbst, als ihn.
„Das habe ich mich auch gefragt. Denn sie müssen sich Gedanken gemacht haben. Help oder Hello, das wurde sich gefragt und das hat mich am meisten …“
„Berührt?“, half sie ihm bei der Wortfindung.
„Ja.“ Und es berührte ihn auch heute noch und diente ihm als moralischer Wegweiser. Unauffällig und doch präsent. Eigentlich hatte ihn bisher nie jemand darauf angesprochen, fiel ihm auf. Selbst Frau Zimmer nicht. Und warum? Er wusste es nicht. Er sah Frau Albrecht an und lächelte. Sie erwiderte das Lächeln.
„Wissen Sie, ich habe dann gemerkt, wie nah alles beieinander ist. Obwohl wir Internet haben, ständig Nachrichten aus aller Welt sehen, berührt es mich nicht. Ich kann es nicht erklären, aber es lässt mich irgendwie kalt. Aber diese Flasche mit dieser kindlichen Botschaft, der Bereitschaft, Kontakt aufzunehmen und sich zu fragen, mit welcher Absicht und aus welchem Umstand heraus das geschieht, all das hat mich dazu bewegt, mich daran täglich erinnern zu wollen.“
„Und das als Chef?“, fragte sie und überraschte ihn mit der Direktheit, aber auch mit der Klarheit ihrer Stimme. Kein spitzer Unterton.
„Ja, das ist manchmal nicht einfach. Und eben, weil man diese wichtigen Dinge des Lebens manchmal aus Bequemlichkeit übersehen möchte, hängt es dort. Hello, sagt es mir und spornt mich an, Gutes zu wollen“, erklärte er.
„Neben meiner Arbeit“, ergänzte er.
„Ich helfe mit, Gelder für Trinkwasser, für Brunnen in Afrika zu sammeln. Das macht Spaß“, sagte Frau Albrecht und er stutzte.
„Das steht nicht in Ihren Unterlagen.“
„Weil es mir etwas bedeutet“, antwortete sie und mit einem Kopfnicken zur Flaschenpost enttarnte sie die Absicht seines gewählten Standorts der Zeichnung.
„Verstehe“, sagte er und überlegte. „Frau Albrecht, wir werden uns bei Ihnen melden. Unser Gespräch habe ich als sehr interessant empfunden.“ Er stand auf, reichte ihr die Hand und dachte: Hello.

16. Jan. 2016 - Vincent Voss

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