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Kainskinder
von Sophie Oliver

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
8 Beiträge / 38 Interviews / 5 Kurzgeschichten / 72 Galerie-Bilder vorhanden
Prologstory zur Dilogie »Immortal Blood«


Die Gaslaternen tauchten Edinburgh in ein honigfarbenes Licht, das Nathaniel noch nicht kannte. Als er zuletzt hier gewesen war, hatte die Stadt im Dunkeln gelegen, unter einer Glocke von Ausdünstungen. Es hatte nach Tieren und Menschen gerochen, nach Fäkalien und Schmutz. Nun war das Kopfsteinpflaster sauber gefegt, die breiten Straßen hell erleuchtet und der Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr absolut. Nachtschwärmer spazierten ohne Scheu die Royal Mile entlang, von einem Public House zum nächsten. Man hatte aufgeräumt. An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert brach nun auch hier die Moderne an. Trotzdem hatte Nathaniel keinen Zweifel daran, dass es unten am Hafen noch genauso dreckig war, wie immer schon. Und ebenso lebensgefährlich. Es war schön, wieder daheim zu sein.
Er stand auf der Half Moon Battery, einem halbrunden Turm in der Festungsanlage, die den Castle Rock dominierte, und blickte hinaus in die Nacht. Unter ihm lagen die Princes Street Gardens wie ein dunkler See zwischen den Laternen. Viel hatte sich verändert, seitdem er weggegangen war. Und dennoch war es seine Stadt.
Die Spanne eines Menschenlebens hatte Nathaniel in den Kolonien verbracht. Die Spanne eines Weiteren in Frankreich. Jetzt war keiner seiner damaligen Zeitgenossen hier in Edinburgh mehr am Leben. Er konnte unbehelligt von neuem beginnen, mit dem Töten. Niemand würde Nathaniels wunderschönes, ewig junges Gesicht wiedererkennen. Niemand – außer der Familie.
Langsam schlenderte er durch das Burgtor hinaus die steilen Gassen der Altstadt hinunter. Jeder Pflasterstein kam ihm vertraut vor. Nichts fühlte sich besser an, als Heimatluft zu atmen, nachdem man lange in der Fremde gewesen war. Der Sommer meinte es gut dieses Jahr, für schottische Verhältnisse. In der lauen Nachtluft lag noch immer das Aroma der Blumen aus den Parkanlagen. Plötzlich trat ein Mann vor Nathaniel und versperrte ihm den Weg.
»Es stimmt also wirklich, du bist wieder hier«, sagte er zur Begrüßung.
Nathaniel bemühte sich nicht, seinen Unmut zu verbergen. »Offensichtlich. Was willst du, Adam?«
»Die Familie schickt mich. Du sollst dich morgen melden, bei Victor. Er hat einen Auftrag für dich.«
»Ich bin kaum angekommen! Ein wenig Respekt vor meinem Privatleben ist wohl zu viel verlangt? Wenigstens so lange, bis ich mich wieder eingelebt habe. Aber wie immer interessieren euch meine Wünsche nicht. Es scheint alles beim Alten zu sein. Sonst noch etwas?«, fragte er, nachdem Adam weder den Weg freigab, noch irgendetwas zu erwidern hatte.
Es war mehr als offensichtlich, die beiden Männer konnten einander nicht ausstehen.
»Ja! Du sollst jagen. Victor will, dass du stark und satt bist, wenn du zu ihm kommst.«
Wütend schob Nathaniel Adam beiseite und verschwand in der Nacht. Er war einer der ältesten Jäger in Edinburgh. Niemand musste ihm sagen, wann er zu töten hatte! Dennoch beugte er sich Victors Wunsch, weil er wusste, sie würden davon erfahren. Die Kinder Kains waren untereinander verbunden, durch ein unsichtbares Band, wie eine Familie. Und deren Regeln hatte Nathaniel zu befolgen, wenn er sein neues Leben in der Stadt nicht von vorneherein im Streit beginnen wollte. Es bereitete ihm keinerlei Mühe, passende Opfer zu finden. Rasch tötete er zwei Männer, die sich auf dem Weg in ein Bordell in der New Town befanden. Die Lebenskraft, die sie Nathaniel schenkten, sog er gierig in sich auf, genoss sie wie guten Wein, bis er wie berauscht war, von der Energie, die ihn durchströmte.
Am nächsten Tag zögerte er den verlangten Besuch so lange wie möglich hinaus, ohne unhöflich zu wirken. Doch schließlich musste er sich auf den Weg machen. Durch die Eingangstür eines unscheinbaren Hauses in der Old Town stieg er hinab in Edinburghs unterirdische Stadt. Er folgte einer Treppe, auf deren obersten Stufen sich ein paar zerlumpte Bettler ein Lager eingerichtet hatten. Weiter unten, in den Katakomben, hauste schon lange niemand mehr. Die Laterne, die Nathaniel bei sich trug, brauchte er eigentlich nicht. Er würde sich blind im Labyrinth aus Gängen, Straßen, Räumen und Häusern zurechtfinden. Vor einer schweren Eichentür hielt er inne. Noch bevor er anklopfen konnte, hörte er eine Stimme von der anderen Seite, die ihn hereinbat.
»Schön dich zu sehen, Bruder«, sagte Victor zur Begrüßung. »Du warst lange weg. Länger als notwendig.«
Nathaniel schritt auf den Respekt einflößenden Mann zu und die beiden umarmten sich herzlich. »Aber nun bin ich zurück. Und ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen. Auch wenn deine Einladung sehr uncharmant ausgesprochen wurde.«
»Von Adam? Es wäre wirklich an der Zeit, eure Differenzen beizulegen. Wie lange geht dieser Zwist schon? Ich habe aufgehört, die Jahrhunderte zu zählen ...«
Der Raum, in dem sie sich befanden, war nur spärlich möbliert. Ein Tisch und einige Stühle standen darin, auf die Victor nun wies. Sie setzten sich und Nathaniel ließ seinen Blick über die roh behauenen Backsteinwände gleiten. Massive Messingleuchter standen ringsherum, die alles in sanftes Kerzenlicht tauchten. Er schwieg. Die Höflichkeit gebot es, seinem Gegenüber das Wort zu überlassen.
»Ich habe eine Aufgabe für dich«, sagte Victor schließlich. »Du musst jemanden für uns gewinnen.«
»Ein neues Familienmitglied?« Nathaniel horchte auf. Schon lange hatte man niemanden mehr aufgenommen, in die Ränge der Unsterblichen. Und normalerweise übernahmen Oberhäupter wie Victor das selbst.
»Eine Frau. Sie hat das Potential, eine mächtige Jägerin zu werden, stärker, als die meisten vor ihr. Wir brauchen sie unbedingt. Sie lebt in London. Du wirst sie zu uns holen – aber sie muss es freiwillig wollen.«
Nathaniels Augen weiteten sich. »Wie soll das funktionieren? Wir sind ein Geheimbund, die Sterblichen wissen nicht von unserer Existenz. Und unsere Aufnahmebedingungen sind, wie soll ich es formulieren – ziemlich endgültig. Nicht besonders attraktiv für junge Damen.«
»Deshalb schicke ich meinen besten Mann. Du musst sie für uns gewinnen, überzeuge sie – um jeden Preis!« Victor stand auf und zog einen Umschlag aus seiner Jacke. »Darin findest du alle nötigen Informationen. Am besten reist du sofort ab.«
»Aber ich bin gerade erst hier angekommen!«
»Tut mir leid. Die Sache hat oberste Priorität.«

Szenentrenner


Die Zugfahrt nach London vertrieb sich Nathaniel mit dem Studium der Unterlagen, die Victor ihm gegeben hatte. Es erschloss sich ihm nicht, weshalb gerade diese Frau so wichtig sein sollte. Sobald er angekommen war, bezog er sein Stadthaus. Zuletzt war er vor zwanzig Jahren hier gewesen. Nachdem das Leben in Frankreich begonnen hatte ihn anzuöden, hatte er sich ein paar Tage in heimischer Umgebung gegönnt. Nicht dass London auf irgendeine Art und Weise an Edinburgh heranreichen würde, aber es war dennoch besser als Paris.
Nathaniel stellte Personal ein, einen Butler und einen Kutscher. Er erfand eine neue Identität für sich, die er für die Dauer eines Menschenlebens behalten würde. Oder zumindest so lange, bis es wieder Zeit war unterzutauchen, weil die Leute misstrauisch wurden. Er würde sich Turner nennen. Nathaniel Turner. Unter diesem Namen trat er in diverse Herrenclubs der besseren Gesellschaft ein. Unter anderem in einen Club, in dem auch der Ehemann seiner Zielperson Mitglied war. Victor konnte sich auf ihn verlassen. Er würde ihn nicht enttäuschen. Nathaniel plante sein Vorhaben geschickt und von langer Hand. Es würde Zeit in Anspruch nehmen – doch das war nicht von Belang für einen Unsterblichen.
Problemlos fasste er wieder Fuß in der Londoner Society. Es war so einfach. Alle waren fasziniert von dem unverschämt gut aussehenden jungen Mann mit dem schwarzen Haar und den grünen Augen, ein jeder wollte sich mit seiner Gesellschaft schmücken. Und niemandem war klar, dass die beinahe unwirkliche Schönheit nichts anderes war, als die perfekte Tarnung der Natur für ein tödliches Raubtier. Nathaniel nutzte seine Vorzüge, um zu bekommen, was er wollte. Informationen über die Frau, die ihr Leben aufgeben sollte.
Ihr Name war Lady Emmaline Grant. Nachdem sich Nathaniel etabliert hatte, war es an der Zeit sie kennenzulernen. Eine Soiree im Hause eines gemeinsamen Freundes bot die beste Gelegenheit hierzu. Er hatte sich früh eingefunden und den Gastgeber darum gebeten, ihn vorzustellen, sobald die Grants eintrafen.
Viele Gäste waren geladen, die sich auf die Salons im Erdgeschoss des Stadtpalais verteilten. Einige spielten Bridge, andere lauschten den Klängen eines Pianos und wieder andere unterhielten sich in lockeren Gruppen. Nathaniel selbst hatte sich etwas abseits platziert. Mit einem Glas Champagner in der Hand beobachtete er die Eingangshalle und die ankommenden Gäste.
Er erkannte sie sofort. Die Fotografie, die Victor dem Umschlag beigelegt hatte, wurde ihr nicht im Mindesten gerecht. Der Anblick von Emmaline Grant raubte Nathaniel den Atem. Fasziniert betrachtete er sie, wie sie am Arm ihres Mannes das Haus betrat. Egal, weshalb Victor sie für die Kinder Kains zu gewinnen beabsichtigte – Nathaniel wollte sie für sich. Sie berührte etwas in seinem Inneren, das er verloren geglaubt hatte. Eine Sehnsucht stahl sich in sein Herz, größer als Verlangen und stärker als Begierde – und er hatte nicht vor, dagegen anzukämpfen. Emmaline musste eine von ihnen werden, eine Unsterbliche, nur so konnten sie zusammen sein.
Es wäre unklug gewesen, sich ihr in diesem aufgewühlten Zustand zu präsentieren, deshalb verließ Nathaniel die Veranstaltung. Er fuhr zum Haus der Grants und wartete auf ihre Rückkehr. Er wollte sie nur noch einmal sehen, ohne den Trubel der Abendveranstaltung. Dann würde er seine nächsten Schritte planen.
Lord Grant war ein übergewichtiger und anscheinend übellauniger Mann, denn als die Kutsche vor seinem Anwesen hielt, zog er seine Frau unsanft mit sich die Stufen hinauf. Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, konnte man Lärm hören, das Klirren von Porzellan und Emmalines Schreie. Wenig später wurde die Haustür erneut aufgerissen, Lord Grant stürmte heraus, bestieg seinen Einspänner und fuhr davon.
Es bereitete Nathaniel keinerlei Mühe, lautlos auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses zu erklimmen, von wo aus er die Fenster im ersten Stock einsehen konnte, dort, wo eben Licht gemacht wurde. Die Vorhänge standen offen und er sah, wie Emmaline ihrem Hausmädchen ins Schlafzimmer folgte. Sie presste ein Taschentuch an ihr Gesicht und hielt sich die Seite. Strähnen ihres blonden Haares hatten sich gelöst und fielen ihr in die Stirn. Das Abendkleid war zerrissen. Mit einer müden Handbewegung schickte Emmaline das Mädchen hinaus und verriegelte dann die Tür. Erst jetzt legte sie das Tuch beiseite. Ihre Nase blutete. Offensichtlich hatte ihr Mann sie geschlagen. Als sie das Kleid von ihren Schultern streifte, sah Nathaniel unzählige Blutergüsse, alte und neue, die ihren Körper übersäten. An Emmalines Armen befanden sich Abdrücke von Fingern, die sie gepackt hatten. Und Nathaniel meinte Brandwunden zu erkennen, wie von Zigaretten, oder schlimmer noch, Zigarren.
Eine nie gekannte Wut stieg in ihm auf, während Emmaline auf der anderen Straßenseite in ihr Nachthemd schlüpfte und das Licht löschte. Wut auf Jacob Grant, der seine Frau misshandelte. Wut darauf, dass Emmaline an Jacob gebunden war, wehrlos und schutzlos.
Nathaniels Blick verlor seine Wärme. Die goldenen Funken, die durch das Grün um seine Iris tanzten, verloschen und seine Augen wurden schwarz und kalt, wie zwei Obsidiane. Wenn Lord Grant nun vor ihm gestanden hätte, er hätte ihm die Kehle aus dem Hals gerissen.
Stattdessen musste Nathaniel um Fassung ringen, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Emmaline trat ans Fenster. Für einen Augenblick dachte er, sie würde ihn ansehen, aber dem war nicht so. Ihr Blick ging ins Leere und es lag eine Verzweiflung darin, die Nathaniels Herz brach. Er hätte sie befreien können. Doch er durfte es nicht.
Dennoch wurde sein Herz leichter, denn es würde nicht schwer werden, Emmaline Grant davon zu überzeugen, sich den Tod zu wünschen.

13. Jul. 2015 - Sophie Oliver

Bereits veröffentlicht in:

IMMORTAL BLOOD I
S. Oliver
Roman - Paranormale Romance - Oldigor Verlag - Apr. 2015

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