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Die Pornodarstellerin
von Karin Semelink

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
8 Beiträge / 38 Interviews / 5 Kurzgeschichten / 72 Galerie-Bilder vorhanden
Prologstory zu QUINTA EANNA - DER WEG DES HERZENS


„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Ich fixierte Peter mit strafendem Blick. „Du glaubst was!?“
„Na jaaa“, druckste er herum, „ich find´s auch gar nicht schlimm, bin ja kein Moralist“, verteidigte er sich und legte die Gabel mit der aufgespießten Kartoffelscheibe wie in Zeitlupe auf den Teller zurück. „Aber es kam mir total logisch vor und ich fand, dass Dolly und Dino damit ihre soziale Ader beweisen, was ja super ist. Ich meine, sie kümmern sich eben um ihre ausrangierten ...“ Den Rest des Satzes schluckte er hinunter und das war auch besser so. Was Männerphantasien so alles anrichten können, dachte ich und wusste nicht, ob mir gerade zum Lachen zumute war, oder ob ich besser aufstehen und das Kellergewölbe des Burgrestaurants wortlos verlassen sollte. Ich entschied mich für das Lachen, auch wenn so gar keine ehrliche Heiterkeit in mir aufkommen wollte. „Kennst du Filme von DBM, oder besser gesagt von Dolly?“, beschloss ich, ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Seine dunkelbraunen Augen weiteten sich, während Daumen und Zeigefinger nervös am Dreitagebart bewehrten Kinn herumrieben. Eine Antwort blieb erst einmal aus. Mein erwartungsvolles Grinsen verunsicherte ihn offensichtlich noch mehr. Er atmete tief ein, blähte die Wangen leicht auf und ließ die Luft geräuschvoll durch die Lippen entweichen. Eine Antwort bekam ich noch immer nicht. „Na was denn nun?“, verstärkte ich den Druck, „kennst du oder kennst du nicht?“
„Ja … sch... sch... schon …“ Er suchte Halt an der Gabel, auf der noch immer die Kartoffelscheibe aus dem Gratin ihres Schicksals harrte. „Also, na ja, also klar kenne ich Dolly Buster“, räumte er ein, „man sieht sie ja oft genug im Fernsehen, selbst in Portugal ist sie bekannt.“
„Ach und einen richtigen Film von ihr hast du noch nie gesehen?“, versuchte ich ihn aus der Deckung zu locken.
Hektisch führte er die Gabel zum Mund und die Kartoffelscheibe schleunigst ihrer Bestimmung zu. Ein Schluck Weißwein folgte unangebracht schnell und wenig elegant, sodass ich trotz der im Hintergrund plätschernden Pianomusik hören konnte, wie der Chardonnay die Kartoffelscheibe auf ihrem Weg begleitete. Mein auffordernder, oder besser gesagt provozierender Blick, hatte ihn fixiert und ich war nicht mehr gewillt, ihn aus der Falle zu lassen, in die er sich selbst manövriert hatte. Sekunden dehnten sich zu gefühlten Minuten und die Peinlichkeit der Situation nahm durch sein Schweigen eher noch zu, nicht für mich, aber für ihn. „Also ich stehe nicht besonders auf Dolly Buster, diese künstlichen Doppel-D-Brüste und die unnatürlich schmale Taille sind nicht so mein Ding“, wich er noch immer jeglichem konkreten Farbebekennen aus. Mein Grinsen ließ ich in die Wiederholung meiner Frage münden. „Hast du oder hast du nicht?“
„Ähm, also wie gesagt …, aber ich finde es gut, wie sie sich für Tiere einsetzt und dass sie extra eine Fachfrau wie dich eingestellt hat, die sich um ihre Boxer kümmert.“ Er stach erneut beherzt in das Gratin, um meinem prüfenden Blick unauffällig ausweichen zu können. „Ist nicht einer der Boxer von einem Züchter, der ihn umbringen wollte, weil er weiß war?“, ergänzte er eher beiläufig, mit unschicklich vollem Mund und ohne mich anzusehen.
„Benny“, bestätigte ich, „ja das ist wahr, es ist der süße Benny.“ Ich ließ ihn erst einmal kauen und schlucken, bevor ich den Druck erneut verstärkte. Derweil genoss ich seine aufkeimende Nervosität. Strafe muss sein, dachte ich amüsiert und wandte mich meinem panierten Tofuschnitzel zu. Nein, ich war damals noch keine Vegetarierin, geschweige denn Veganerin. Letzteres war kurz nach der Jahrtausendwende auch noch kein relevantes Thema. Dennoch war ich bereit, mich ein wenig Peters Lebensstil anzupassen, auch wenn wir noch gar nicht so lange zusammen waren. Schlüssig fand ich seine Einstellung zum Verzehr von Fleisch allemal, schlüssiger jedenfalls als das, was er gerade bot. „Also, Margarine bei die Bohnen!“, bohrte ich weiter. „Bitte was?“ Er sah mich endlich mal wieder an und war logischerweise verwirrt. „Na, Butter bei die Fische passt ja wohl nicht so ganz, wenn ich mir unser Abendessen ansehe.“ „Ach so.“ Er lachte. „Das meinst du. Nun, man kann ja Vegetarier sein und trotzdem normal reden, nicht so wie diese Ökofreaks mit den komischen Haaren und dem stets engagierten, engstirnigen Blick, oder?“
„Stimmt“, bestätigte ich gerne, „wenn du so einer wärst, dann säße ich jetzt auch nicht hier.“ Ich beobachtete, wie er sich langsam entspannte und wog ihn gerne für eine Minute in Sicherheit.
„Darauf trinken wir“, meinte er etwas linkisch und griff nach dem Chardonnay. Ich tat es ihm gleich. Das dezente Ping der sich zart berührenden Gläser schien die bisher greifbare Spannung zu vertreiben. „Auf dich“, fügte er an, „die Frau, die ich ein Leben lang gesucht und jetzt endlich gefunden habe.“
Ja, ja, das könnte dir so passen, dachte ich, während mich der kühle Weißwein zu einer neuen Attacke aufzufordern schien. Ich hatte nur am Glas genippt, während Peter einen kräftigen Schluck nahm. „Du schuldest mir noch eine Antwort“, stach ich in seine wiedergewonnene Ruhe, „hast du oder hast du nicht?“
Es gelang ihm noch gerade so, sich nicht zu verschlucken. Sehr langsam führte er sein Weinglas wieder an dessen angestammten Platz zurück, was ihm die Möglichkeit bot, meinen fordernden Blicken auszuweichen. „Ich glaube, er hieß Das Haus in der Toskana, oder so ähnlich“, begann er, während er sich den Mund mit der Serviette abtupfte, was er besser vor dem Wein getan hätte. Nein, ich will nicht ungerecht sein. Peter hatte ein ausgezeichnetes Benehmen, war stets galant, ganz der Kavalier der alten Schule und er wusste natürlich, wie man in einem guten Restaurant agierte. Nur jetzt, in diesen Minuten, war ihm so ziemlich alles abhanden gekommen, was sonst fester Bestandteil seines Wesens war. Mich amüsierte das, denn eigentlich störte mich seine stets kontrollierte Art ein wenig. Bisweilen wirkte er nicht sonderlich authentisch, eher wohlerzogen, dafür aber nicht spontan. Spontaneität wiederum war etwas, das ich an einem Mann sehr mochte. Daran würden wir noch arbeiten müssen, eine sicherlich reizvolle Herausforderung, vor allem, wenn es um das Thema ging, das gerade sozusagen auf dem Tisch lag. „Aha, Das Haus in der Toskana also“, wiederholte ich, „war der nicht bei HotShots DBM mit dabei?“ Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber er würde es wissen, falls er Dolly eben doch genauer kannte.
„Nein, ähm … keine Ahnung, das weiß ich nicht“, versuchte er sich herauszuwinden.
„Aber bei HotShots DBM hast du mich gesehen, oder?“
„Nein, nein, hab ich nicht“, protestierte er, „sonst hätte ich dich doch nicht … nicht gefragt“, ließ er seine Worte immer leiser werdend ausklingen. War ja klar, irgendwann würde er in die Falle tappen. Peter war clever genug, es in derselben Sekunde zu bemerken und sah mich ehrlich entgeistert an. Jetzt tat er mir aufrichtig leid, denn der Schrecken, dass er ertappt worden war, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber Strafe musste sein. Es würde ihm auch guttun, ein wenig lockerer mit diesem Thema umzugehen. „Also du hast mich nicht in einem einzigen Film gesehen?“, fragte ich mit dem Unterton einer gewissen Enttäuschung, die er mir prompt abnahm. „Nein, leider nicht, aber ich schau ja solche Filme auch praktisch nie“, beteuerte er. ,,Das ist mir alles zu ...“ „Und unpraktisch?“, nahm ich seine Worte auf.
„Wie bitte?“ Er verstand in der Aufregung mein Wortspiel nicht.
„Na, du schaust praktisch solche Filme nicht“, betonte ich dieses, für mein Gefühl unpassende, Wort, „aber das bedeutet eben auch, dass du sie hin und wieder doch schaust, oder liege ich da falsch?“
„Puuh.“ Er blies, nun leicht genervt, die Wangen auf, „ich denke, jeder Mann kennt solche Filme und die meisten Frauen sicher auch, aber deswegen ist man ja noch lange kein Konsument von diesem ...“ Er ließ den Satz unvollendet stehen.
„Von diesem Zeug, meinst du?“, ließ ich ihn nicht vom Haken.
„Nein, sorry, so war das nicht gemeint, das ist ja nix Anrüchiges oder so, das … das ist auch ein Beruf wie jeder andere und wie gesagt, finde ich es absolut okay, wenn jemand als Darsteller oder Darstellerin arbeitet, das sagt ja noch lange nix über den … also ich meine … davon kann man sich doch kein Urteil über den Charakter eines Menschen … du weißt was ich meine“, stammelte er in einer Art und Weise herum, wie ich es bei ihm noch nie erlebt hatte.
„Also hast du kein negatives Bild von mir“, verwirrte ich ihn nun endgültig, oder wie man es heute nennen würde, nachhaltig.
„Nein, um Gotteswillen, wie könnte ich!“, beteuerte er.
„Na da bin ich ja wirklich beruhigt“, spielte ich einen Seufzer der Erleichterung, „nicht, dass du noch denkst, ich seine eine Schlampe oder so!“ „Oh nein, wie kommst du denn auf so was?“ Sein Gesicht begann zu erröten. „Niemals, ich kenne dich doch ganz anders und ich liebe dich, weil du bist, wie du bist. Ich kenne deinen Charakter, ich kenne dein liebevolles Wesen, ich schätze den einfühlsamen Sex mit dir, der so ganz anders ...“ Wieder unterbrach er sich selbst.
„Ganz anders?“ Jetzt wollte ich es genau wissen.
„Ähm ja, ganz anders, als dieses gefühllose Getue aufgedonnerter Frauen in diesen Filmen.“
„Aaah ja, na dann bin ich ja beruhigt.“ Ich tupfte mir mit der Serviette den Mund ab und nahm fast schon übertrieben elegant mein langstieliges Weinglas in die Hand. „Na dann trinken wir auf den Niedergang der Vorurteile, auf die Unwichtigkeit von Äußerlichkeiten und darauf, dass nur der Charakter zählt, nicht das Aussehen und schon gar nicht die Vergangenheit.“ Damit hatte ich ihn nun endgültig ausgeknockt, wusste ich doch sehr genau, dass er durchaus großen Wert auf Aussehen und Äußerlichkeiten legte. So sollte die Frau an seiner Seite stets intensiv, aufwendig, aber nicht billig geschminkt sein, eine optimale Figur, leicht oberhalb der, auch für ihn zu extremen, Modellmaße in hautenger Kleidung zur Schau tragen, und sie musste lange Fingernägel haben, am besten Frenchnails.
„Ja sicher“, bestätigte er und wiegte den Kopf leicht hin und her, als sei ihm plötzlich der Hemdkragen zu eng geworden.
„Aber du würdest gerne mal einen Film mit mir sehen?“, wollte ich das Gespräch nicht in die Belanglosigkeit von Allgemeinplätzen abgleiten lassen.
Seine Augen weiteten sich erwartungsvoll. „Schon ... klar, warum nicht?“ Doch dann huschte eine Mischung von Traurigkeit und Eifersucht über sein Gesicht.
„Oder doch nicht?“, ließ ich ihn spüren, dass es mir aufgefallen war.
Seine Mimik signalisierte mir Unentschlossenheit. „Weiß nicht, vielleicht doch nicht.“
„Und warum nicht?“
„Hm ...“ Er stieß eine Art Seufzer aus, „ich weiß nicht, ob ich sehen will, wie du mit anderen Männern herum...“ Er stockte.
„Vögelst?“, beendete ich seinen Satz. „Nein, so wollte ich das nicht sagen.“ „Würde es mich in deinen Augen entzaubern?“
„Ich weiß nicht, aber ich möchte mir weder vorstellen, noch sehen, wie du mit Anderen da rummachst“, räumte er kleinlaut ein.
„Also würde es mich in deinen Augen schon entzaubern, oder?“
Er atmete tief durch. „Dich kann nichts und niemand entzaubern, mein Schatz.“ Seine Mimik wechselte in den mir vertrauten, warmen Charme.
„Na dann.“ Ich ließ die Schmeichelei an mir abtropfen, „aber du weißt schon, was ich von Beruf bin?“
„Klar, Bereiterin!“
Nun mussten wir beide lachen, weil diese seriöse Berufsbezeichnung in ihrer Doppeldeutigkeit irgendwie zum Thema passte.
„Und Pferdewirtin und Rennreiterin“, ergänzte er hastig.
Ich nickte und sah ihn prüfend an. „Nur das mit der Pornodarstellerin hab ich dir verschwiegen.“ Mein Tonfall ließ offen, ob es nun als Frage oder als Feststellung gemeint war.
„Nein, nein, das konnte ich mir ja denken.“
„Oh je, das tut mir echt leid“, beteuerte ich.
„Leid? Es muss dir nicht leidtun, ist schon okay.“
„Doch, denn ich fürchte, dass ich dich enttäuschen muss.“
Peter wich die Farbe aus dem Gesicht. Seine nickenden Kopfbewegungen schienen eine Frage formulieren zu wollen.
Mit dir wird’s lustig werden. Lass mich erst mal in Portugal sein, dachte ich amüsiert. Doch ich hatte keine Ahnung, welch hartes und teilweise gefährliches Leben mich erwartete.

Lesen Sie mehr in dem Roman QUINTA EANNA - DER WEG DES HERZENS (Oldigor-Verlag)

11. Mar. 2015 - Karin Semelink

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