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Startseite > Kurzgeschichten > Frank W. Haubold > Science Fiction > Am Ende der Reise

Am Ende der Reise
von Frank W. Haubold

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Der Kapitän hatte aufgehört, nach den Sternen zu sehen.
Er dachte auch nicht mehr darüber nach, in welchem Winkel des Universums die ›Orpheus‹ und er gestrandet waren. Jenseits der großen Dunkelheit schienen die Sterne wie festgefroren und es gab keinerlei vertraute Strukturen, an denen er sich hätte orientieren können.
Es war auch nicht mehr wichtig.
Die im elektronischen Gedächtnis des Schiffes gespeicherten Sternenkarten waren Menschenwerk und der Sehnsucht nach klaren Verhältnissen geschuldet. Schon unterwegs, nach den ersten Raumsprüngen und der Passage diverser Singularitäten, waren sie so hilfreich gewesen wie antike Seekarten. Der Kapitän bedurfte ihrer nicht mehr, hatte sie hinter sich gelassen wie so vieles andere auch.
Hier zählten andere Dinge, die nichts mit Koordinaten, Zahlen und Kommastellen zu tun hatten. Er hatte aufgehört, nach den Sternen zu sehen, und er führte auch kein Buch über die Stationen seiner Reise. Er musste niemandem mehr Rechenschaft ablegen, das war einer der wenigen Vorzüge, die das Alter mit sich brachte.
Der Kapitän war schon alt gewesen, als er zu dieser, seiner letzten Reise aufgebrochen war. Das war lange her, und inzwischen hatte er es aufgegeben, die Tage an Bord zu Wochen, Monaten und Jahren zusammenzufügen. Zwischen den Sternen gab es keine Zeit. Sie war eine Illusion wie der Wechsel zwischen Tag und Nacht, der in seinen Genen verankert war und seinen Ursprung an einem Ort hatte, der nur noch als Mythos existierte.
Er hatte viel gesehen unterwegs, hatte Orte besucht, die noch keines Menschen Fuß betreten hatte. Manche hatten sich ihm eingeprägt, andere - die meisten - blieben Momentaufnahmen, die verblassten wie das Licht vorbeiziehender Sterne.
An Bord der ›Orpheus‹ war der alte Mann Kapitän, Pilot und Navigator zugleich. Es war nicht besonders anstrengend, diese Positionen auszufüllen, denn die Mehrzahl der Aufgaben nahm ihm das Schiff ab. Er hatte die künstliche Intelligenz an Bord »Rector« getauft, denn letztlich war sie es, die das Schiff instand und auf Kurs hielt - zuverlässig, wachsam und niemals ermüdend.
Früher hatte der Kapitän manchmal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, einen Reisegefährten aus Fleisch und Blut zu haben. Aber das war keine ernst gemeinte Erwägung, denn die Nachteile eines derartigen Arrangements waren zu offensichtlich. Der Kapitän hatte ausreichend Erfahrung mit Zwangsgemeinschaften unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung und wusste, dass es keine härtere Prüfung für eine Freundschaft gab als das Zusammenleben in einer winzigen luftgefüllten Kapsel inmitten des Nichts.
Die Vorstellung war ohnehin rein hypothetisch, denn die ›Orpheus‹ hatte nicht nur den von Menschen bewohnten Spiralarm der Galaxis weit hinter sich gelassen, sondern auch die Sphäre der Gesetzlosen und Abenteurer, die in ihren fliegenden Nomadenstädten das Weltall durchstreiften.
Sie hatten ihm Glück gewünscht für die Reise, damals, und das war durchaus ernst gemeint gewesen ebenso wie die Segenswünsche der Ordensmänner, deren abgelegene Abteien die letzten Außenposten der Menschheit darstellten.
Im Grenzland galt sein Name noch etwas, und so hatte in ihren Grußbotschaften Respekt mitgeklungen und natürlich eine Spur Neugier. Vermutlich hatten sie von seinem Vorhaben erfahren – die Ordensmänner waren stets wohlinformiert – und schätzten seine Chancen gewiss nicht besonders hoch ein. Dennoch glaubte er zwischen den Zeilen eine gewisse Verunsicherung herauszulesen, ihm, dem Außenseiter gegenüber: Was, wenn seine Mission, bis an die Grenzen des Universums vorzudringen, tatsächlich Erfolg hatte ...?
Der Kapitän dachte in anderen Kategorien und hätte einen Begriff wie »Mission« niemals verwendet. Er hatte nicht vor, jemanden zu bekehren, nicht einmal sich selbst. Er war nicht religiös, zumindest nicht in der landläufigen Bedeutung des Wortes. Dennoch respektierte er den Orden und hatte vor seinem Abflug ein längeres und durchaus offenes Gespräch mit Pater Amseln, dem Abt von Agion Oros, geführt. Sie kannten sich seit vielen Jahren und hatten keine Geheimnisse voreinander.
Natürlich hatte der Abt sich erkundigt, was er denn dort draußen anzutreffen hoffe, doch der Kapitän war ihm die Antwort schuldig geblieben – nicht aus bösem Willen oder weil er sich für seine Naivität schämte: Es war ihm nur unmöglich, seine Motive in klare Worte zu fassen. Im Grunde war das, was er vorhatte, völlig irrational, aber das änderte nichts an seiner Entschlossenheit: Er musste diese Reise antreten, ganz gleich, was ihn am Ende erwartete. Sie war sein letzter großer törichter Traum. Ihn aufzugeben bedeutete, sich selbst aufzugeben und jenen Rest an Unternehmungsgeist und Selbstachtung, den er noch besaß ...
Der alte Mann hatte keine Angst vor dem Tod, dafür war er ihm zu oft begegnet. Die er geliebt hatte, waren ihm schon vor langer Zeit vorausgegangen. Er vermisste sie, und manchmal fand er Trost bei dem Gedanken, dass mit seinem eigenen Erlöschen auch der Schmerz von ihm genommen werde. Doch bis jetzt hatte er dieser Versuchung widerstanden. Seine Neugier war noch immer nicht erloschen und auch nicht der Funke Hoffnung, den er wider alle Vernunft in sich trug.

Und ich hatte recht, dachte der Kapitän mit einem Lächeln und wischte die Gedanken an das Früher mit einem Schulterzucken beiseite. Besser, er widmete sich wieder seiner Schachpartie, über der er vorhin wohl ein wenig eingedämmert war. Die holografische Projektion zeigte auf den ersten Blick eine dominante Stellung von Weiß im Mittelspiel, aber dieses vermeintliche Zurückweichen von Schwarz konnte auch Taktik sein oder der Versuch, ihn in eine Falle zu locken. Die schwarzen Figuren führte natürlich Rector, dem der Kapitän allerdings ein wenig die Flügel gestutzt hatte, um Chancengleichheit herzustellen. Er hatte die Spielstärke der KI im Admin-Modus verändert und damit seine Erfolgsquote von 0 auf knapp 50 Prozent erhöht. Doch auch mit diesem Handicap blieb die Schiffsintelligenz natürlich ein ernst zu nehmender Gegner.
Nach kurzem Nachdenken wählte der Kapitän einen unverfänglichen Springerzug, der die eigene Stellung zumindest nicht schwächte, und lehnte sich zurück. Der Charakter seines Spiels hatte sich geändert, seitdem sie hier festlagen. Während er früher all seinen Ehrgeiz daran gesetzt hatte, den Gegner zu schlagen, spielte er jetzt eher, um sich abzulenken und seine Nervosität niederzuhalten.
Diese Veränderung war Rector natürlich nicht entgangen und entsprechend sarkastisch fiel sein Kommentar aus: »Darf ich Sie bei allem gebotenen Respekt daran erinnern, Sir, dass das Ziel des königlichen Spieles die Demütigung der gegnerischen Majestät ist und nicht ein Remis durch dreimalige Zugwiederholung?«
Die gestelzte, leicht näselnde Sprechweise der KI war nicht vorprogrammiert gewesen, sondern das Resultat diverser Softwareanpassungen im Kommunikationsmodul. Das Ergebnis kam den Vorstellungen des Kapitäns vom Habitus eines englischen Butlers am nächsten.
»Schön, dass du mich daran erinnerst, Rector«, erwiderte er trocken. »Aber es steht dir natürlich frei, das Ganze in eine offene Feldschlacht zu verwandeln.«
»Das ist im Moment leider unmöglich, Sir«, bedauerte Rector. »Sie bekommen nämlich Besuch.«
Helen!, dachte der Kapitän, und sein Herz machte einen kleinen Sprung. Sie kommt zurück. Ein Adrenalinstoß durchflutete seinen Körper, doch dann hörte er vom Gang her das Geräusch hastiger Trippelschritte und sank enttäuscht auf seinen Sessel zurück. Nein, das war nicht Helen, sondern der Zwerg ...
James McCabe, genannt Jimmy, war zwar nicht wirklich zwergenwüchsig, aber mit knapp einem Meter sechzig Körpergröße auch alles andere als ein Hüne. Als zusätzliches Handicap hatte ihm die Natur ausgeprägte O-Beine mitgegeben, deren Länge bzw. Kürze in krassem Missverhältnis zum Rest seines Körpers stand und ihn zu besagten hektisch anmutenden Trippelschritten nötigten. An Bord der »Liberian Star«, dem ersten selbstständigen Kommando des Kapitäns, hatte Jimmy schon vor Jahren als Lademeister angeheuert und gehörte dort sozusagen zum Inventar. Die Frotzeleien der Mannschaft ertrug er mit Humor und war nie um eine schlagfertige Antwort verlegen. In den spärlich beleuchteten Labyrinthen der Laderäume kannte er sich aus wie kein zweiter und flitzte wie ein Irrwisch zwischen Containern, Schüttgutbehältern und Tanks umher, um das Gesuchte am Ende doch aufzuspüren. Wie viele seiner irischen Landsleute besaß Jimmy eine ausgeprägte Vorliebe für geistige Getränke aller Art und gelegentlich enervierende Gesangsdarbietungen.
Doch es war nicht der Whiskey gewesen, der ihm schließlich zum Verhängnis wurde, sondern eine defekte Magnetbremse und die Fehleinschätzung seiner eigenen Kräfte. In der Schwerelosigkeit besitzen materielle Objekte zwar kein Gewicht, wohl aber ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen, ihre jeweilige Geschwindigkeit betreffend. Selbst ein Dutzend kräftiger Männer hätte den auf Jimmy zuschwebenden Container nicht aufhalten können, der ihm schließlich den Brustkorb zerquetscht hatte. Und so endete das erste Kommando des Kapitäns mit einem virtuellen Kondolenzbesuch in New Derry, wo er Sally McCabe, einer verblühten Schönheit mit blauen Vergißmeinnicht-Augen, mitteilen musste, dass sie Jimmy nie wiedersehen würde ...
Das war vielleicht voreilig gewesen, aber die Erinnerung schmerzte dennoch. Es gab keine Worte für die Veränderung, die im Augenblick des Begreifens mit Sallys Gesicht vorgegangen war. Es war buchstäblich erloschen, als hätte jemand einen unsichtbaren Draht durchtrennt, der es bis dahin mit Energie und Spannkraft versorgte hatte. Vermutlich hatte Sally die Beileidsbekundungen des Kapitäns gar nicht mehr bewusst wahrgenommen, die er sich so sorgsam zurechtgelegt hatte. Seine Worte waren ihm selbst so schal und unpassend erschienen, dass er sich beeilt hatte, das Gespräch zu beenden.
Vor dem Hintergrund dieser Erinnerungen musste ihm das Auftauchen des Betrauerten fast wie ein Sakrileg erscheinen, der im nächsten Moment quicklebendig und einen Sixpack schwenkend in der Tür stand. Vermutlich hatte er sogar angeklopft, und der Kapitän hatte es überhört.
»N’Abend, Cap’n. Ich hoffe, ich stör’ nich allzu sehr«, plauderte der kleine Mann sofort drauflos und streckte dem Kapitän die Rechte zur Begrüßung entgegen. Dem blieb gar nichts anderes übrig, als den kräftigen Händedruck des Besuchers zu erwidern. Dessen Hand war zweifellos real, ebenso wie der Sixpack, den er soeben schwungvoll auf der Computerkonsole platzierte. Rector ließ die Schmach jedoch unkommentiert über sich ergehen.
»Hab’ Ihnen was zur Stärkung mitgebracht, Cap’n«, palaverte der Eindringling munter weiter. »Sie seh’n ein bisschen mitgenommen aus, wenn ich ehrlich sein soll.«
»Lieber nicht, Jimmy«, erwiderte der Kapitän mit einem gequälten Lächeln. »Mir genügt schon der Blick in den Spiegel.« Dass er selbst den schon seit geraumer Zeit ängstlich vermied, musste er dem Zwerg ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Seitdem sie hier festlagen, hatte er sich auch nicht mehr rasiert - nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Notwendigkeit entfallen war. Seine Barthaare wuchsen nicht mehr, ebenso wie seine Finger- und Zehennägel oder sein Haupthaar. An diesem seltsamen Ort standen offenbar nicht nur die Sterne still ...
»Fühlen Sie sich ruhig wie zu Hause, Jimmy«, fügte er resigniert hinzu, während der kleine Mann die ersten beiden Flaschen geschickt von ihren Kronverschlüssen befreite, »die Gläser stehen dort drüben.«
Es war fast beängstigend, wie schnell er sich bereitgefunden hatte, das Unmögliche zu akzeptieren. Jimmy McCabe war seit ...zig Jahren tot. Der Kapitän war selbst dabei gewesen, als Doktor Loewen den blutüberströmten Körper des Lademeisters untersucht und schließlich bedauernd den Kopf geschüttelt hatte, bevor er dem Toten die Augen verschloss. Und er hatte persönlich dafür gesorgt, dass der Sarg mit Jimmys sterblichen Überresten auf ein Kurierschiff gebracht und auf Kosten der Gesellschaft nach New Derry überführt worden war.
Jetzt aber saß er hier in seiner Kabine und trank mit eben jenem James McCabe irisches Bier, das nicht nur überzeugend echt aussah, sondern - wie er sich mittels eines ersten kräftigen Schlucks überzeugte - auch geschmacklich keine Wünsche offenließ.
Der Kapitän wusste, das Bier konnte nicht real sein, aber seine Sinne, angefangen von den Nerven seiner Hand, die das Glas hielt, bis hin zu den Geschmacksknospen und Thermorezeptoren seines Gaumens, suggerierten ihm das Gegenteil. Das Dilemma war unauflöslich und wurde noch durch die Tatsache vertieft, dass selbst eine unbestechliche Instanz wie Rector die Besucher als menschliche Wesen einstufte, ohne allerdings erklären zu können, auf welche Weise sie an Bord gelangt waren. Die Besucher kamen stets aus Richtung Transferschleuse, als hätten sie tatsächlich die übliche Prozedur absolviert. Dagegen sprachen nicht nur die Aufnahmen der Überwachungskamera, sondern auch der fehlende Druckausgleich - abgesehen davon, dass die Hermetisierung der ›Orpheus‹ zu keinem Zeitpunkt aufgehoben worden war. Sämtliche Luken waren und blieben verschlossen, und es gab es auch keinerlei Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen.
Die Besucher kamen buchstäblich aus dem Nichts, waren jedoch zweifellos materiell, wenn sie in der Kabine des Kapitäns auftauchten. Natürlich hatte der Kapitän versucht, Rector zu einer Stellungnahme zu bewegen, aber die blieb erstaunlich widersprüchlich, beinahe schizophren: kein fremdes Raumschiff oder Habitat im Ortungsbereich, kein ungenehmigtes oder gar gewaltsames Durchbrechen der Hermetisierung, aber dennoch eine stochastisch auftretende Präsenz definitiv humanoider Entitäten an Bord. Für ein streng logisch operierendes Computergehirn war eine derartige Verlautbarung nahe an der intellektuellen Bankrotterklärung, andererseits war es ein tröstlicher Gedanke, dass selbst die ansonsten so zuverlässig agierende KI mit der Situation überfordert schien.

Sie saßen, tranken und plauderten über die gute alte Zeit wie in Ehren ergraute Fahrensleute, die sich zufällig in einer Kneipe am Ende der Welt begegneten. Nur war die Kabine der ›Orpheus‹ keine besonders typische Kneipe, und ergraut war allein der Kapitän, während sein Gast keinen Tag älter erschien als damals auf der »Liberian Star«.
Die Toten bleiben jung, dachte der Kapitän in einem Anflug von Groll, der weniger seinem alkoholseligen Gegenüber galt als vielmehr einem Schicksal, das ihn dazu verurteilt hatte, all jene zu überleben, die ihm einst etwas bedeutet hatten.
War die ›Orpheus‹ vielleicht gar nicht zufällig hier gestrandet, sondern infolge des Wirkens einer wie auch immer gearteten höheren Gerechtigkeit?
Der Kapitän zweifelte daran und schämte sich seiner Feigheit, die ihn hinderte, den Wortschwall des toten Lademeisters zu unterbrechen und ihm die richtigen Fragen zu stellen: Wo bist du die ganze Zeit über gewesen, Jimmy McCabe, und was treibst du, wenn du dich nicht gerade in meiner Kabine betrinkst? Bis du wirklich der Jimmy, den ich einmal gekannt habe, oder etwas anderes, das du mit deinem Lachen und deiner Geschwätzigkeit vor mir verbirgst?
Vielleicht war der kleine Mann ja gar nicht imstande, wahrheitsgemäß zu antworten, aber was, wenn doch? Würde er die Antworten ertragen können, die ja nicht nur Jimmy, Simon und die anderen Besucher betrafen, sondern auch und vor allem Helen?
Nein, das Risiko war zu groß, und deshalb schwieg der Kapitän und lächelte gequält, während Jimmy eine Anekdote nach der anderen zum besten gab und dabei die nunmehr vierte Flasche Guinness in sich hineinschüttete. Der alte Mann hatte nach Glas Nummer zwei aufgehört zu trinken, erinnerte er sich doch nur zu gut an die Nachwirkungen ihres letzten Treffens und der dabei gemeinsam vertilgten Flasche Jameson-Whiskey. Das bedurfte keiner Wiederholung ...
Schließlich war auch die letzte Flasche Bier geleert, der letzte abgestandene Witz erzählt, und selbst Jimmy schien eingesehen zu haben, dass die Party für heute zu Ende war.
»Nichts für ungut, Cap’n«, nuschelte er beim Aufstehen. »Muss mich wohl wieder auf die Socken machen. Bis irgendwann später also ... Machen Sie’s gut und passen Sie bloß auf sich auf ...«
»Auf Wiedersehen, Jimmy«, erwiderte der Kapitän freundlich und stand seinerseits auf, um seinen Gast zur Tür zu bringen.
»Nur keine Umstände, Cap’n«, wehrte der trinkfeste Ire ab. »Ich find schon alleine raus.«
Das glaube ich dir aufs Wort, James McCabe, dachte der Kapitän, als die Kabinentür hinter dem Besucher ins Schloss gefallen war. Du gehst ja sogar durch Wände, wenn es sein muss ...
»Rector!«, wandte er sich im nächsten Moment der Konsole zu. »Kannst du unseren Gast orten?«
»Ich bedaure, Sir. Ihr Freund Jimmy hat das Schiff vor genau 3,24 Standardsekunden mit unbekanntem Ziel verlassen. Es steht mir natürlich nicht zu, Ihnen Ratschläge zu erteilen, Sir, aber warum fragen Sie Ihren Bekannten nicht selbst, wie er das bewerkstelligt?«
Der Kapitän hatte bereits eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, besann sich dann aber eines Besseren. Rector war eine Maschine, und den leicht impertinenten Unterton seiner akustischen Verlautbarungen hatte er selbst vorgegeben. Was wusste ein Computer schon von menschlichen Ängsten?
Das brachte ihn auf eine Idee.
»Glaubst du, dass wir hier jemals wieder wegkommen, oder wird uns dieses ... Ding einfach verschlucken?« ... wie der Wal eine Fliege, fügte er in Gedanken hinzu.
»Ich bitte um Nachsicht, Sir«, ließ sich die KI nach einer für ihre Verhältnisse ungewöhnlich langen Bedenkpause vernehmen, »aber diese Frage ist logisch nicht seriös zu beantworten ...«
»Das weiß ich, Rector«, fiel ihm der Kapitän ungeduldig ins Wort. »Ich möchte nur wissen, was du glaubst.«
»Leider verfüge ich nicht über die Fähigkeit, ohne ausreichende Datenbasis Aussagen zu treffen oder diese gar meinen eigenen Hoffnungen und Wünsche anzupassen, so ich denn welche besäße«, erwiderte die KI ungerührt. »Das Einzige, womit ich in dieser durchaus existenziellen Frage dienen kann, ist eine aus wissenschaftlicher Sicht bislang ungenügend abgesicherte Arbeitshypothese.«
»Akademisches Geschwätz«, knurrte der Kapitän, spürte aber dennoch, wie seine Handflächen feucht wurden. »Werden wir nun geschluckt oder nicht?«
»Davon ist angesichts des momentan relativ stabilen Kräftegleichgewichts nicht auszugehen. Die Gravitation des unbekannten Objekts, in dessen Sphäre sich die ›Orpheus‹ befindet, korreliert offenbar nicht mit dessen angenommener Masse, sondern unterliegt deutlichen Schwankungen. Momentan erscheint sie, zumindest was ihren Einfluss auf die ›Orpheus‹ anbetrifft, vernachlässigbar klein.«
»Wir könnten also einfach die Triebwerke starten und wegfliegen?«, erkundigte sich der Kapitän verblüfft. Will ich das überhaupt?
»Möglicherweise, Sir. Dagegen spricht allerdings der bisherige Flugverlauf im Einflussbereich der Dunkelmasse. Offensichtlich verstärkt sich die Anziehungskraft des Objektes proportional zur gegengerichteten Eigenbeschleunigung der ›Orpheus‹ mit dem Ergebnis, dass die resultierende Geschwindigkeit zu Null wird.«
Wie eine Katze, die mit einer Maus spielt, dachte der Kapitän, verwarf den Vergleich aber sofort wieder. Die Realität - sofern man an einem Ort wie diesem überhaupt von Realität sprechen konnte - war weitaus komplexer.
»Könnte es sein, dass dieses ... Objekt bewusst handelt?«, erkundigte er sich stattdessen.
»Das ist möglich, Sir, wenngleich auf Grund der Größenverhältnisse nicht unbedingt wahrscheinlich. Das Objekt müsste über ein ausgesprochen empfindliches Sensorium verfügen, von den benötigten Auswertungs- und Reaktionseinrichtungen ganz zu schweigen. Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei diesem Phänomen eher um eine Art Automatismus.«
»Der welchem Zweck dienen könnte?«
»Ich bedauere, Sir, aber für eine diesbezügliche Hypothese reicht das vorhandene Datenmaterial nicht aus.«
Versager, dachte der Kapitän nicht ohne eine Spur Genugtuung. Du bist und bleibst ein Erbsenzähler ohne einen Funken Phantasie ...
Er hatte allerdings auch nicht erwartet, dass sich die biedere Schiffsintelligenz auf Spekulationen über die physikalische Natur dieses Ortes einlassen würde. Rector hatte die Situation nicht verschuldet, in der sich die ›Orpheus‹ befand. Er steuerte zwar das Schiff, aber den Kurs hatte der Kapitän selbst bestimmt, hatte unter Hunderten Alternativen exakt jene ausgewählt, an deren Ende die große Dunkelheit lag, an deren Ufern sie nunmehr gestrandet waren. Auf welche Weise er das bewerkstelligt hatte, war dem Kapitän selbst ein Rätsel. Seine Entscheidungen waren stets rein intuitiv gewesen, und er hatte nie gezögert, sie zu treffen. Aber möglicherweise waren es ja auch gar nicht seine Entscheidungen gewesen, vielleicht hatte etwas oder jemand ihn gerufen ...
Der Besuch des trinkfreudigen Lademeisters und die anschließende Diskussion hatten den alten Mann ermüdet. Die Erschöpfung legte sich wie eine unsichtbare Last auf seine Glieder, die ihm nur noch widerstrebend gehorchten. Mit schweren Schritten schleppte sich der Kapitän ins Bad und anschließend in seine Koje. Er schaffte es nicht einmal mehr, das Licht im Raum zu löschen, bevor er einschlief.
Irgendwann erwachte er von einem Geräusch. Es waren Schritte, ihre Schritte, anderenfalls wären sie gar nicht bis in sein traumverlorenes Bewusstsein vorgedrungen. Der Kapitän hätte Helens Schritte unter Hunderten ähnlich klingenden herausgehört, und so brauchte er auch nicht die Augen zu öffnen, als die nächtliche Besucherin die Tür vorsichtig öffnete und in den Raum trat.
Sie ist da! Nur das war wichtig, und er hatte nicht vor, dieses Wunder durch eine unbedachte Reaktion auf die Probe zu stellen. Er hatte von Helen geträumt wie so oft in letzter Zeit, und so empfand er ihre Gegenwart wie eine Fortsetzung seines Traumes.
Er spürte, wie sie sich zu ihm aufs Bett setzte, roch den Duft ihrer Haut und lauschte ihren ruhigen, regelmäßigen Atemzügen. Vorsichtig tastete er nach ihrer Hand und genoss die Wärme der Berührung und den sanften, beruhigenden Druck ihrer Finger. Ihre Haut war zart und glatt, und fast schämte er sich seiner eigenen, die sich dagegen trocken und faltig anfühlen musste wie die eines Reptils, gebleicht vom Licht Hunderter Sonnen und gegerbt vom Sternenwind.
Vielleicht war es auch das Bewusstsein des eigenen körperlichen Verfalls, das ihn daran hinderte, die Augen zu öffnen und Helen ins Gesicht zu sehen. Er würde die Jahre zur Kenntnis nehmen müssen, die zwischen ihnen lagen, und im Spiegel ihrer Augen würde er sich als das erkennen, was er war: ein alter närrischer Mann.
»Du bist wirklich ein Narr, Daniel Velesco, wenn du so von mir denkst«, sagte Helen in diesem Augenblick, und der vertraute Klang ihrer Stimme jagte einen Schauer durch den Körper des alten Mannes. Jetzt konnte er nicht mehr anders, er musste sie einfach ansehen: die leicht gerunzelte Stirn, das nachsichtig-spöttische Lächeln und den Tanz der Fünkchen in ihren Augen. Der Kapitän sah sie an, und die Jahre zerrannen zu Nichts. Ja, er war alt geworden, älter als die Drachen in den Märchen seiner Kindheit, aber er liebte sie, und jeder Atemzug, der ihm noch blieb, würde ihr gehören.
»Ich hätte dich nie allein lassen dürfen«, sagte der Kapitän, als er wieder sprechen konnte.
»Ach, Dan, das hast du doch gar nicht.« Helens Stimme klang ruhig und überzeugend. »Es war meine Entscheidung, nach Pegasos zu gehen. Es war wie ein Traum für mich, dieses Stipendium und die Möglichkeit, ein ganzes Jahr lang mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die ich bewunderte. Mir war auch klar, dass die Kolonie kein Ort für uns beide sein würde. Du hättest es dort nicht einmal die ersten vier Wochen ausgehalten.«
»Das ändert nichts daran, dass ich nicht da war als ...« Der Kapitän führte den Satz nicht zu Ende. Es war auch nicht nötig. Sie wussten beide, was gemeint war.
»Du weißt, es hätte nichts geändert«, erwiderte Helen, ohne die Stimme zu heben. »Die Burgon haben Pegasos Forest ohne Vorwarnung mit sechzig Kampfeinheiten angegriffen. Nicht einmal ein kompletter Flottenverband der Föderationstruppen hätte sie aufhalten können. Und du warst damals noch nicht einmal beim Militär.«
»Wir hätten fliehen können - in die Höhlen vielleicht wie diese Kinder«, beharrte der Kapitän störrisch. Erst danach dachte er über Helens Worte nach und fragte sich, woher sie die Einzelheiten des Angriffs kannte. Er ahnte die Antwort, wollte sie aber nicht wahrhaben.
»Die Höhlenkinder haben einfach nur Glück gehabt, zwölf von fast dreitausend Bewohnern.« Ein Schatten glitt über das Gesicht der jungen Frau, aber sie fing sich sofort wieder. »Außerdem waren sie schon dort, als es passierte. Das Akademiegebäude und die Gästehäuser liegen ... lagen ... einige Kilometer oberhalb direkt am Hang. Wir wären keine hundert Meter weit gekommen ...«
»Vielleicht«, gab der Kapitän zu und drückte ihre Hand, »aber dann wäre es uns geschehen, nicht dir allein.«
»Ach, Dan«, sagte die Frau mit sanfter, trauriger Stimme. »Du tust nur dir selbst weh und mir auch, wenn du dir die Schuld daran gibst. Niemand hat das vorhersehen können, und es hätte auch niemandem geholfen, wenn wir damals zusammen gestorben wären. Das ist es doch, was du dir selbst vorwirfst, oder?«
Der Kapitän nickte und wich ihrem Blick aus. Er wollte nicht, dass sie sah, wie schwer ihn ihre Worte getroffen hatten.
Sie schwiegen, und eine Zeitlang waren nur ihre verhaltenen, fast ängstlichen Atemzüge zu hören.
»Niemand will sterben«, sagte der alte Mann dann. »Selbst im schlimmsten Elend gibt es immer etwas, das wir noch tun oder erreichen möchten. Ich hatte dich verloren, und ich hasste mich dafür, also ging ich zum Militär und machte dort Karriere. Ich war bei der Schlacht vor Joyous Gard dabei und später als Erster Offizier beim Durchbruch in das Goleaner-System. Ich war Pilot, Offizier, Chefausbilder und zuletzt Geschwaderkommandant, und als der Krieg vorbei war, habe ich mich demobilisieren lassen und geholfen, die Trans-Orion-Linie aufzubauen. Nein, ich war nicht immer nur traurig; einiges davon hat sogar Spaß gemacht ... aber eines muss du mir glauben: Es hat in all dieser Zeit keinen Tag gegeben, an dem ich mir nicht gewünscht hätte, damals an deiner Seite gewesen zu sein.«
»Auch wenn du nichts hättest ändern können?«
»Auch dann, Helen, dann erst recht.«
»Und jetzt bist du gekommen, hierher, um mir das zu sagen?«, fragte sie mit einer Stimme, die so brüchig war wie das gefrorene Laub auf den Straßen nach dem ersten Kälteeinbruch.
»Ja, Helen, es war das Einzige, was mir noch zu tun blieb.«
Er meinte es ernst, mehr noch, es war seine tiefste innere Überzeugung, und so traf ihn Helens Reaktion völlig unerwartet: Sie lachte, lachte ihn einfach aus wie einen kleinen Jungen! Erschrocken und verletzt musste der Kapitän mit ansehen, wie ihr Körper von konvulsivischem Gelächter geschüttelt wurde, in dem dennoch keine Spur von Fröhlichkeit lag.
Was ist denn los mit dir?, wollte er fragen, als etwas geschah, das ihm die Worte auf der Zunge ersterben ließ.
Helens Gesicht zerriss. Ihre helle Haut platzte auf wie eine zu straff gespannte Membran und machte Platz für etwas anderes - ein dunkles, fast schwarzes Greisinnengesicht, plattnasig, mit tief in den Höhlen liegenden Augen und einem breitlippigen, weit aufgerissenen Mund, der den Blick auf weiß blitzende Zahnreihen freigab. Noch entsetzlicher waren jedoch die Laute, die das Geschöpf ausstieß - eine Mischung aus Heulen, Winseln und Schmerzensschreien, fern jeder Menschlichkeit und jeder Hoffnung. Der Kapitän hörte diese Schreie nicht nur, sie durchdrangen sein Bewusstsein und jeden einzelnen seiner Nerven, und es gab auch keinen Ort, nirgendwo in diesem Universum, an den er hätte vor ihnen entfliehen können.
Nach ihrem Gesicht zerfiel auch Helens Körper, verlor seine Farbe und Struktur und schrumpfte zu einem schattenhaften Etwas zusammen, zu dem sich schließlich auch die schreiende Monstrosität verlor und mit ihm verging.
Der Kapitän hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und wagte erst wieder den Blick zu heben, als auch das letzte Echo des unmenschlichen Geheuls verhallt war.
Helen war verschwunden, und dieses Mal blieb auch das vertraute Geräusch sich entfernender Schritte aus. Die Erleichterung, die der alte Mann zunächst empfunden hatte, verflog und machte einer dumpfen Traurigkeit Platz.
Er hatte Helen noch einmal verloren, und diesmal vielleicht für immer ...

Helen kam nicht zurück, dafür erhielt der Kapitän tags darauf unerwarteten Besuch. Es war Simon, ein blasser schüchterner Junge, der vor einer halben Ewigkeit mit ihm zur Schule gegangen war und nur zwei Straßen weiter gewohnt hatte. Er war mit zwölf Jahren an einer seltenen Infektionskrankheit gestorben, die ein Tourist aus Patonga eingeschleppt und damit eine lokale Epidemie ausgelöst hatte, die bei den meisten Infizierten jedoch glimpflich verlaufen war. Simon, den sie wegen seines blonden Haarschopfes Alemão, den Deutschen, nannten, war eine der wenigen Ausnahmen, und ehe die Behörden das benötigte Serum eingeflogen hatten, war er im Krankenhaus der Barmherzigen Mütter gestorben. Zum Begräbnis waren nur seine Eltern, eine Handvoll Verwandter und ein paar Jungen aus der Nachbarschaft gekommen. Sie waren ein paar Tage lang traurig gewesen, und dann hatten sie Simon vergessen, denn Krankheit und Tod waren Dinge, die nicht in das Leben zwölfjähriger Jungen gehörten.
Simon hatte sie jedoch nicht vergessen, wie sich jetzt zeigte, vielleicht weil die Streifzüge ihrer damaligen Clique durch die Gassen von Porto Negro das Aufregendste gewesen waren, das er in seinem kurzen Leben kennen gelernt hatte. Bei seinem ersten Besuch hatte er dem Kapitän ein halbes Dutzend Namen genannt und sich aufgeregt erkundigt, was aus den Betroffenen geworden war. Der alte Mann hatte ihm die gewünschten Auskünfte schuldig bleiben müssen und war erst hinterher ins Grübeln gekommen. Eigentlich hätte Simon die Antworten kennen müssen ...
Diesmal schien der Junge jedoch etwas anderes auf dem Herzen zu haben: »Es geht ihr nicht gut, seitdem sie wieder zurück ist.« Es war klar, wen er meinte, und die Frage dahinter stand unausgesprochen im Raum. Für einen Zwölfjährigen offenbarte Simon erstaunliches diplomatisches Geschick.
»Du meinst Helen, nicht wahr?«
Der Junge nickte und senkte den Blick. Er fühlte sich offensichtlich unwohl.
»Hat sie darüber gesprochen?«
»Nein, aber sie ist anders als sonst – traurig.«
»Ist es nicht normal, dass Menschen hin und wieder traurig sind?« Der Kapitän kam sich ein wenig schäbig vor bei dieser Frage, aber wie sollte er sonst etwas über die Natur dieses Ortes herausfinden?
Der Junge dachte darüber nach und schüttelte dann den Kopf: »Nein, hier ist niemand traurig. Wir haben ja die anderen. Aber sie will sich nicht helfen lassen. Das ist nicht gut.«
»Vielleicht möchte sie nur ein wenig allein sein?«
»Das geht nicht«, erwiderte der Junge überzeugt. »Wir vermissen sie.«
»Wenn das so ist«, wandte der Kapitän ein, »müssten die anderen dich doch auch vermissen, während du hier bist?«
»Das ist doch etwas ganz anderes.« Der Junge lächelte. »Sie wissen, dass ich zurückkomme und das, was ich erfahren habe, mit ihnen teile. Wir teilen alles miteinander ...«, er zögerte, als sei ihm plötzlich etwas eingefallen, und fügte kleinlaut hinzu » ... fast alles jedenfalls.«
Der alte Mann versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, selbst Teil eines so umfassenden Bewusstseins zu sein. Es gelang ihm nicht. Wenn es keine Geheimnisse, keine auf die eigene Person bezogenen Hoffnungen und Träume mehr gab, wie bewahrte der Einzelne dann seine Individualität? Immerhin waren ja zumindest die Besucher in der Lage, zeitweise sogar ihre Körperlichkeit zurückzugewinnen. Setzte das nicht eine Art Transfermechanismus voraus, oder konnten die Betreffenden ihre früheren Körper durch pure Willenskraft wiedererstehen lassen? Und woher war dann dieses offensichtlich uralte Geschöpf gekommen, das sich in Helens Körper verborgen gehalten hatte?
Es gab zahllose ungeklärte Fragen, die jedoch alle in eine einzige mündeten: War dieser Ort tatsächlich das, was er zu sein vorgab, oder spielte etwas oder jemand ein Spiel mit ihm – ein Spiel, in dem Helen, Jimmy und Simon nur leere Hüllen waren, Spielfiguren, die einem fremden Willen gehorchten ...
In diesem Augenblick fragte Simon etwas, das so weit jenseits der Überlegungen des Kapitäns lag, dass er einen Augenblick fassungslos war.
»Wie ist das eigentlich, Danny, wenn man jemanden liebt?«
Mit Danny war natürlich er selbst gemeint, auch wenn es Ewigkeiten her war, dass ihn jemand so angesprochen hatte, und Simons Frage war keineswegs so profan, wie sie ihm im ersten Augenblick erschienen war. Wie erklärte man einem zwölfjährigen Jungen ein Gefühl, das er niemals kennen lernen wird?
Der Kapitän überlegte lange, versuchte sich zurückzuversetzen in die Zeit ihrer Jungenfreundschaft und fand schließlich etwas, das vielleicht als Ansatzpunkt taugte: »Erinnerst du dich noch an die kleine Dunkelhaarige, die immer mit uns herumgezogen ist, weil sie die Mädchenspiele nicht mochte?«
»Ja«, der Junge nickte eifrig. »Sie hieß Elvira ...«
Gut, dachte der alte Mann. Er hat sie also nicht vergessen.
»Und wie war das, Simon, wenn sie dich für irgendetwas, das du gesagt oder getan hast, angelächelt hat?«
»Es war ... nett.« Der Junge zögerte und wurde rot. »Und ich habe mich gefreut.«
»Nein, es war nicht einfach nur nett, du Schafskopf!«, ereiferte sich der Kapitän. »Wir Jungs waren damals alle in Elvira verknallt, und wenn sie einen von uns angelächelt hat, dann wurde der gleich ein ganzes Stück größer, und die anderen waren stinksauer. Erinnerst du dich noch daran?«
Der Junge nickte, aber sein Blick war in die Ferne gerichtet, und um seine Mundwinkel spielte ein seltsam entrücktes Lächeln.
»Sehr gut«, murmelte der alte Mann. »Und nun stell dir vor, die anderen wären weit weg, und nur Elvira wäre noch da, und ihr Lächeln gehörte allein dir. Du schaust sie an, sonnst dich in der Wärme ihres Lächeln und weißt auf einmal, nein, du weißt es nicht nur, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers: Sie gehört zu dir und du wirst bei ihr bleiben, was immer geschieht, ihre Freude und ihren Schmerz teilen und dich sogar auf einen Wink von ihr zum Narren machen, weil du ...«, die Stimme des Kapitäns klang mit einem Mal alt und müde, » ... ohne sie nicht mehr leben möchtest. Verstehst du das, Simon?«
»Ja ... vielleicht«, erwiderte der Junge mechanisch, den Blick noch immer in die Ferne gerichtet, als könne er dort tatsächlich Elvira Sanchez sehen und einen Schimmer ihres Lächelns erhaschen ...
In seiner Versunkenheit ähnelte Simon noch mehr dem Jungen von damals, und einen Moment lang dachte der Kapitän daran, ihm den Arm um die Schultern zu legen, als könne er ihn vor irgendetwas beschützen.
Doch als der Junge ihm das Gesicht zuwandte, war alle Verträumtheit aus seinem Blick geschwunden.
»Danke, dass du mich erinnert hast, alter Junge«, sagte er in leicht ironischem Unterton, der allerdings nicht zum nervösen Zucken seiner Mundwinkel passen wollte. »Aber es war nur ein Traum. Sie ist tot, nicht wahr?«
Der alte Mann nickte. Elvira Sanchez war nicht mehr lange mit ihrer Clique herumgezogen. Sie fand andere Freunde und verlor ihr unbefangenes Lächeln. Was sie dafür bekam, war ihr wohl zu wenig. Als sie an einer Überdosis CET starb, war sie noch nicht einmal sechzehn. Man fand sie auf einer Bank an der Hafenmauer, den starren Blick auf das Meer gerichtet, in dem ihr Schiff versunken war.
»Hast du das nicht gewußt, Simon?«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist nicht da. Wenn sie hier wäre, hätte ich sie gefunden.«
»Dann gibt es also noch andere Orte wie diesen?«, erkundigte sich der Kapitän verblüfft.
»Vielleicht.« Simon zuckte mit den Schultern. »Das weiß niemand genau.«
Plötzlich straffte sich seine Gestalt, als hätte er einen Entschluss gefasst, und zum ersten Mal sah er dem Kapitän direkt in die Augen: »Ich habe vorhin gelogen, als du mich wegen Helen gefragt hast, aber ich war so ...« Er biss sich auf die Lippen und suchte nach Worten. »Ich wollte nicht, dass ihr weggeht.«
Der Junge blickte immer noch etwas unglücklich drein, schien aber erleichtert, dass es nun endlich heraus war.
Ihr könnt also hier weg, wenn ihr das möchtet?, wollte der Kapitän fragen, brachte aber nur ein heiseres Krächzen heraus. Seine Hände zitterten, und unterhalb seines Brustbeins verspürte er einen brennenden Schmerz. Wie ein Ertrinkender schnappte er nach Luft, bis sich sein Atem beruhigte und der Schmerz verging.
»Ist das dein Ernst?« flüsterte er heiser.
»Ja, aber nur, wenn du sie holen kommst, hat Helen gesagt ...« In der Stimme des Jungen lag jetzt ein trotziger Unterton - nun sieh zu, wie du damit zurechtkommst! -, aber vielleicht tat der Kapitän ihm damit auch unrecht, denn was er im Blick des Jungen zu lesen glaubte, war mehr als nur Neugier.
»Ist so etwas schon einmal vorgekommen?«
»Helen sagt: ja.« Der Junge grinste. »Hast du etwa Angst?«
Offenbar fand Simon die Vorstellung amüsant, dass jemand, der so alt war wie der Kapitän, Angst vor dem Sterben hatte. Und der Junge hatte recht damit, wie sich der alte Mann beschämt eingestand.
»Nein, wenn Helen das gesagt hat, nicht.« Jetzt, da seine Entscheidung feststand, fühlte er, wie alle Anspannung von ihm abfiel. »Natürlich werde ich zu ihr kommen, Simon«, versprach er. »Wirst du das Helen ausrichten?«
»Klar doch«, erwiderte der Junge mit einem verschwörerischen Lächeln. »Wenn ihr mich mitnehmt ...?«
Das war es also. Der Kapitän grinste. Eigentlich war alles ganz einfach. Er musste nur sterben, bei den lokalen Autoritäten - Menschen, Aliens oder gar ihm? - die Freigabe seiner Frau und einen jüngeren Körper erbitten sowie einen demnächst pubertierenden Bengel als Zugabe, zum Schiff zurückkehren und durch das halbe Universum den Weg zurück zu einem winzigen Spiralarm einer unbedeutenden Galaxis finden, denn anderswo würde Simon kaum ein Mädchen finden, dem er seine Liebe schenken konnte.
Dagegen war das Entwenden des Goldenen Vlieses ein reines Kinderspiel gewesen und hatte am Ende doch nichts als Ärger eingebracht. Allerdings hatten Jason und seine Gefährten im Gegensatz zu ihm etwas zu verlieren gehabt, denn selbst wenn er scheiterte, würde er Helen näher sein als in all den Jahren zuvor ...
»Abgemacht, Simon«, sagte der Kapitän und lauschte dem aufgeregten Schlag seines Herzens, das wie ein junger Vogel in seinem knöchernen Käfig umhersprang. »Natürlich nehmen wir dich mit.«
Der Junge errötete vor Freude und schüttelte die Hand des Kapitäns so kräftig, dass der alte Mann es immer noch spürte, als die Schritte des Besuchers auf den stählernen Planken des Schiffes längst verhallt waren.

Der Kapitän wartete drei Tage. Nach Jahren der Einsamkeit bestand kein Grund zu überstürztem Handeln. Er rechnete nicht mit weiteren Besuchen und erhielt auch keine. Vielleicht hoffte er auf ein Zeichen, wenngleich er keine Vorstellung hatte, wie ein derartiges Zeichen aussehen könne.
Er nutzte die Zeit, um ein wenig Ordnung an Bord zu schaffen. Obwohl eine zufällige Entdeckung der ›Orpheus‹ ausgeschlossen war, wollte er das Schiff in einem akzeptablen Zustand hinterlassen. Er ließ die Wäsche reinigen und rüstete einen der Technikräume mit Liegen aus dem Havarieset als Behelfskabine um. Als er die frische Bettwäsche aufzog, fühlte er sich ein wenig an die winzige Studentenunterkunft erinnert, die er in New Cambridge mit Helen geteilt hatte – ihre erste und letzte gemeinsame Wohnung. Doch dieses Mal schmeckte die Erinnerung nicht bitter ...
Dann schrieb er einen Abschiedsbrief – ein angesichts der Umstände vollkommen irrationales Unterfangen, das er aus irgendeinem Grund dennoch für angemessen hielt. Er diktierte den Text nicht wie seine sonstigen Memos, sondern tippte ihn Wort für Wort auf einer virtuellen Tastatur ein, die ihm Rector auf den Schreibtisch projizierte.
Was ihm danach noch zu tun blieb, würde vielleicht schmerzhaft sein, aber irgendwie musste er es hinter sich bringen.
»Rector?«
»Ja, Sir, haben Sie sich endlich dazu durchgerungen, die Partie aufzugeben?«
Der Kapitän lächelte: »Natürlich nicht. Sie bleibt so gespeichert, bis ich zurückkomme.«
»Ich verstehe nicht, Sir. Haben Sie denn vor, wegzugehen?«
Täuschte er sich, oder klang in der Frage tatsächlich eine Spur Verunsicherung mit?
»Ja, Rector. Ich werde die ›Orpheus‹ für unbestimmte Zeit verlassen und dir für die Dauer meiner Abwesenheit die volle Verantwortung für das Schiff übertragen.«
»Es ist mir eine Ehre, Sir«, erklärte die KI stolz. »Darf ich Sie dennoch auf die Risiken eines derartigen Unternehmens aufmerksam machen?«
»Später, Rector, später«, wehrte der Kapitän ab. »Zunächst möchte ich dich bitten, dir ein paar Instruktionen einzuprägen, die meine zeitweilige Abwesenheit betreffen.«
»Selbstverständlich, Sir.«
»Sobald ich von Bord gegangen bin, wirst du sämtliche Anlagen in den Passivmodus schalten und das Lebenserhaltungssystem deaktivieren. Wie lange könnte die ›Orpheus‹ unter diesen Bedingungen mit ihren Energiereserven auskommen?«
»Etwa 650 Standardjahre, Sir«, kam die prompte Antwort. »Solange keine Kurskorrektur vorgenommen werden muss oder sonstige unvorhersehbare Ereignisse eintreten.«
»Und würde der Betrieb eines Positions-Signalfeuers die Energiebilanz signifikant beeinflussen?«
»Im Intervallbetrieb kaum, Sir. Allerdings vermag ich im Augenblick keinerlei praktischen Nutzen in einem derartigen Arrangement zu erkennen.«
»Betrachte es einfach als sentimentale Geste, Rector. Früher haben die Menschen eine Kerze ins Fenster gestellt, wenn sie jemanden zurückerwarteten.«
»Danke, Sir, ich werde die Information speichern. Darf ich anmerken, dass Ihnen diese Uniform ausgezeichnet steht? Erwarten Sie noch Besuch?«
Du bist doch nicht etwa neugierig, Superhirn?
»Nein, mein getreuer Wagenlenker«, erwiderte er amüsiert. »Diesmal bin ich es, der einen Besuch abstattet. Ich werde mich jetzt auf den Weg machen und verlasse mich darauf, dass du hier für mich wachst und das Feuer hütest.«
»Zu Befehl, Sir. Welchen Raumanzug darf ich vorbereiten?«
»Keinen, Rector. Dort, wo ich hingehe, bedarf man dergleichen nicht.«
»Dann werden Sie sterben, Sir«, erwiderte die KI nach einer Weile konsterniert. »Ich weiß nicht, ob ich das zulassen darf.«
»Das ist ein direkter Befehl«, erklärte der alte Mann mit sorgfältiger Betonung. »Du musst ihn weder verstehen noch billigen. Aber ich möchte eigentlich gar nicht so formell werden. Ich bin gern mit dir geflogen, Rector, in all den Jahren, und ich bin überzeugt, dass unsere gemeinsame Zeit noch nicht vorüber ist. Vertrau mir ganz einfach und stell’ eine Kerze ins Fenster für mich ... für uns
»Danke, Sir«, erwiderte das Schiffsgehirn nach einer fast unmerklichen Pause. »Es war auch mir stets eine Ehre und ein großes Privileg, Ihnen zu Diensten zu sein. Auch ich habe etwas gelernt an diesem seltsamen Ort. Ich weiß jetzt, was Hoffnung ist. Die ›Orpheus‹ wird hier auf Sie warten, Sir, was auch immer geschieht. Befehlsgemäß leite ich jetzt die Dehermetisierungs-Prozedur ein.«
Der Kapitän sagte nichts, aber als er sich abwandte und zur Tür ging, wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
Seine Schritte waren fest und hallten laut von den Schiffwänden wider, während er den Gang zur Transferschleuse durchquerte. Zischend schloß sich die hydraulische Tür hinter ihm, als er die Schleusenkammer betrat und ein letztes Mal tief ausatmete.
Dann glitt das Außenschott träge zur Seite, und aus kalten Kameraaugen beobachtete das Schiff, wie der Kapitän in seiner goldbetressten Uniform hinausgeschleudert wurde und mit ausgebreiteten Armen der großen Dunkelheit entgegenschwebte, als wolle er sie umarmen.

And all that Memory loves the most
Was once our only Hope to be,
And all that Hope adored and lost
Hath melted into Memory.

Alas it is delusion all:
The future cheats us from afar,
Nor can we be what we recall,
Nor dare we think on what we are.


deklamierte eine körperlose Intelligenz Lord Byrons melancholische Verse in der Abgeschiedenheit des verlassenen Schiffes, bevor sie sich daran machte, das Signalfeuer zu entzünden, das den alten Kapitän am Tag seiner Rückkehr sicher nach Hause geleiten würde.

20. Mar. 2015 - Frank W. Haubold

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