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Waldlicht
von Tanja Bern

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
8 Beiträge / 38 Interviews / 5 Kurzgeschichten / 72 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Die Kälte kroch vom vereisten Boden an Aiden hinauf, obwohl er gefütterte Stiefel trug. Selbst durch die Daunenjacke suchte sie sich ihren Weg und vertrieb jegliche Wärme. Eiskristalle verzierten die Autoscheiben und der Wind wirbelte den Schnee wie Puder umher.
Aiden fröstelte und verbarg die Hände in seinen Jackentaschen. Noch nie hatte er so einen Oktober erlebt. Es mussten 15 Grad minus sein! Es schien so, als ob der Sommer direkt in den Winter übergegangen wäre. Die grünen Blätter der Bäume waren in einer Nacht abgefallen und lagen nun eingefroren am Boden. Aiden vermisste das warme Licht und das bunt gefärbte Laub des Herbstes.
Ein leises Husten ertönte aus einer Ecke und Aiden sah verwundert auf einen alten Mann, der auf einer Eingangstreppe kauerte. Er blieb stehen. Erst heute stand ein Aufruf in der Zeitung. Kein Obdachloser sollte draußen übernachten, Passanten sollten den Kältebus anrufen, um Todesfälle zu vermeiden.
Aiden konnte nicht an ihm vorbeigehen. Er hockte sich hin, um dem Mann in die Augen zu schauen. „Hey, geht es Ihnen gut?“
Der Alte blickte auf. Eisklumpen hingen in seinem Bart und er schaute Aiden mit müdem Gesichtsausdruck an. Er antwortete nicht, aber sein Blick hellte sich auf, als er den jungen Mann betrachtete.
Aiden holte sein Smartphone aus der Tasche. „Ich werde den Kältebus rufen, okay? Hier können Sie nicht …“
„Nein!“
„Aber Sie …“
„Deine Augen“, sagte der Fremde.
Aiden runzelte die Stirn. „Was ist damit?“
„Lange hab ich auf dich gewartet, Junge!“ Der Mann griff nach Aidens Arm.
„Ich verstehe nicht.“
„Hast du nicht manchmal das Gefühl, als suchtest du etwas, von dem du nichts weißt und was du trotzdem ersehnst?“
Aiden lächelte unsicher. „Tun wir das nicht alle?“
Der Obdachlose zog Aiden nah zu sich hin. „Es war unser Schicksal, hier zusammenzutreffen, glaube mir. Denn du trägst die Augen des Waldlichts.“
Was redete der Alte da? Waldlicht? Er sollte wirklich den Bus benachrichtigen. Der Mann fantasierte ja schon. Aiden erhob sich und suchte im Internet nach dieser Notfallnummer, er hatte sie sich nicht gemerkt.
Der Fremde stand auf. Er war überraschend groß und überragte Aiden. „Junge, für mich ist es längst zu spät. Zu viel Unheil habe ich über Elthyria gebracht. Du jedoch kannst es finden!“
Der Mann kramte umständlich in seinen Jackentaschen und reichte Aiden ein Schmuckstück.
„Nimm es. Das Waldlicht trägt nun deine Augenfarbe. Es hat sich schon vor Jahren gewandelt, deshalb blieb mir der Zugang verschlossen.“
Aiden konnte in dem Zwielicht der Straßenlaterne nicht viel erkennen. „Ich kann das nicht annehmen, ich …“
„Sei still und hör mir zu! Folge in der Nacht dem Weg des Waldes. Und ich rede hier nicht von einem Park. Ein Wald! Ein richtiger Wald! Folge dem Leuchten und du wirst die Bibliothek finden. Dort ist die Pforte, aber sie ist nicht immer gleich. Höre auf dein Gefühl!“
Bibliothek im Wald? Pforte? Hatte der Mann völlig den Verstand verloren?
Aiden würde nicht mehr herumdiskutieren. Er fand die Nummer im Netz, tippte sie ein … doch als er aufblickte, war der Mann fort. Verwirrt sah er sich um. Langsam öffnete er die Hand. Das Schmuckstück befand sich noch darin.
„Dummer alter Mann“, brummte Aiden. Er war wohl in eine der Gassen verschwunden.
Frierend folgte Aiden dem Straßenverlauf und betrat ein Café. Wohlige Wärme empfing ihn. Er schälte sich aus seiner Jacke und setzte sich an den Tresen.
„Hey, Aiden. Wie immer einen Cappuccino?“, fragte Carol, die Bedienung.
Er nickte nur und betrachtete das erste Mal den Anhänger mit der Kette. Ein runder Stein war in messingfarbene Ornamente eingefasst. Die Farbe glich tatsächlich seiner Augenfarbe – ein helles Grün mit goldenen Sprenkeln darin.
Wie hatte der Mann das im Dunkeln sehen können?
Aiden strich sich über das Gesicht.
Würde der Alte heute Nacht erfrieren? Er hatte geredet, als ob er mit dem Leben abgeschlossen hatte.
Das kennst du nur zu gut, nicht wahr?, flüsterte ihm eine innere Stimme boshaft zu.
Aiden schüttelte den Kopf und unterdrückte jeglichen Wunsch nach Alkohol. Er würde dem nie wieder nachgeben. Nachdenklich rührte er in seinem Cappuccino. Der Milchschaum löste sich bereits auf und ihm wurde bewusst, dass er viel zu lange grübelte. Er konnte es sich einfach nicht abgewöhnen – seit Julie bei dem Unfall gestorben war.
Julie …
Für einen Moment konnte er ihre Leichtigkeit spüren, ihr Lachen, ihren strahlenden Blick. Als die Lichter des heranrasenden Autos näherkamen, blendete er die Erinnerung aus.
„Was hast du da?“, fragte Carol neugierig.
Aiden blickte auf und sah in Carols forschenden Blick. Ihr dunkles Haar war ein wenig zerzaust und er konnte zwischen ihrem Lächeln die Zahnspange sehen, die sie seit Neuestem trug.
Er hielt ihr die Kette hin. „Die hat mir grad ein Mann von der Straße gegeben.“
„Einfach so?“
Aiden zuckte mit den Schultern, er war nicht mehr so gesprächig.
Carol kicherte leise. „Sieht eher wie eine Mädchenkette aus.“
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf einen Neuankömmling und sie nahm freundlich seine Bestellung auf.
Aiden schnaubte innerlich. Eine Mädchenkette?! Er musste sich eingestehen, dass Carol irgendwie recht hatte. Er verbarg den Anhänger in seiner Hosentasche. Eine Wärme schien von ihm auszugehen, die er sogar durch den Jeansstoff spürte.
Sehr viel später lag er in seinem Bett und starrte auf die Schattenspiele, die das Mondlicht an die Zimmerdecke warf; die Äste der dünnen Buche vor dem Fenster bewegten sich sachte im Wind.
Folge in der Nacht dem Weg des Waldes … Folge dem Leuchten und du wirst die Bibliothek finden.
Die Worte des Fremden hatten sich in seine Gedanken gebrannt. Sie schienen ein Gespinst aus Sehnsucht in ihm zu entfachen. Genervt richtete er sich auf. Julie spukte zwischen all dem umher. Ihm war, als würde ihr Lachen noch immer durch die Wohnung hallen.
„Verdammt!“ Aiden erhob sich, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlurfte zum Kühlschrank. Doch auch die Milch beruhigte ihn nicht.
Folge in der Nacht dem Weg des Waldes.
„Was sollʼs! Ich bin wach, kann nicht schlafen und dieser Kerl hatte wirklich etwas an sich, was einen nicht loslässt“, redete er mit sich selbst und kehrte zurück ins Schlafzimmer. Er zog sich an, hängte sich das Waldlicht, wie der Mann es genannt hatte, um den Hals und stiefelte durch den Schnee zu seinem Auto.
„Ein richtiger Wald, also. Nun, da werden wir ein bisschen länger fahren müssen“, sagte er zu seinem Wagen.
Nach über einer Stunde parkte er vor dem alten Wald, der sich ab hier durch mehrere Siedlungen zog. Zur Sicherheit steckte er seine Taschenlampe ein, klappte den Kragen seiner Jacke hoch und strebte zu den Bäumen.
Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Die Zweige der Tannen und Laubbäume waren wie kristallisiert. Er war wenige Schritte gegangen, als ein Licht durch seinen Parka drang.
Verwirrt blickte er an sich herab. Was war denn das?
Verwundert öffnete er den Reißverschluss und starrte ungläubig auf den Anhänger des Obdachlosen. Das Waldlicht glühte und warf goldene Strahlen auf die verschneite Landschaft.
„Das glaub ich jetzt nicht“, wisperte Aiden und sah sich fasziniert um.
Schneekristalle glitzerten unter dem warmen Leuchten auf und die Landschaft glich einem Zauberland. Das Licht wies in eine bestimmte Richtung.
Aiden folgte sprachlos diesem besonderen Pfad, bis seine Füße in den Stiefeln vor Kälte taub waren und er trotz des Parkas zitterte. Die Dämmerung würde bald hereinbrechen. Der finstere Himmel glitt in eine andere Farbtönung über. Das Schwarz wurde zu einem dunklen Blau und Aiden spürte, wie der Morgen erwachen wollte.
Wo führst du mich hin?
Das Waldlicht verglomm plötzlich.
Aiden blinzelte, da sich seine Augen erst an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen mussten. Graues Licht erschien am Horizont; die Wintersonne bahnte sich ihren Weg über die Hügel. Vor Aiden erhob sich ein altes Herrenhaus. Es verschwamm ein wenig vor seinen Blicken. Die vordere Hälfte war verfallen und Aiden konnte ins Innere des Hauses sehen. Ein Baum stand inmitten eines weiten Raumes. Wie ein Hüter streckte er seine Äste und Zweige zu Regalen aus, die voller Bücher waren.
Verblüfft verharrte Aiden auf der Stelle. Der Baum trug ein volles Blätterkleid, kein Schnee war in das verfallene Gebäude eingedrungen und die Regale schienen stabil zu sein.
Langsam näherte er sich, schritt über die Schwelle. Ein Gefühl überkam ihn – das Haus nahm ihn in Besitz. Die Kälte und der Schnee schienen weit entfernt zu sein. Kein Lüftchen regte sich hier.
Aiden betrachtete das dunkle Holz, mit dem alles hier gebaut war. Ein Tisch stand in der Mitte der Halle. Die Stühle waren zerbrochen und umgestoßen.
Dort ist der Zugang, aber er ist nicht immer gleich. Höre auf dein Gefühl!, hörte er tief in sich die Stimme des Alten.
„Mein Gefühl? Auf das konnte ich mich eigentlich noch nie verlassen“, spottete Aiden leise.
Vorsichtig lief er an den Regalen auf und ab, besah sich die Bücher, die dort standen. Er konnte keines von ihnen an sich nehmen, sie schienen festgeklebt zu sein und ihre Buchrücken waren geschwärzt. Nur bei einem war ein Titel in das Dunkel gedruckt, kaum leserlich, trotzdem vorhanden.
„Elthyria“, las Aiden und erinnerte sich, dass der Mann von einem ähnlichen Namen gesprochen hatte. Zaghaft berührte er die Buchstaben, das Waldlicht flammte erneut auf und das Elthyria-Buch kam ihm ein Stück entgegen, als wolle es von ihm ergriffen werden.
Aiden gehorchte einem inneren Impuls und nahm das unscheinbare Buch an sich, schlug es auf. Die Seiten waren in einer ihm unbekannten Schrift verfasst. Konzentriert schaute er auf die Zeichen, hob den Blick – und war mitten in einem Sommerwald.
Aiden stand wie vom Donner gerührt da.
Der Schnee und die Bibliothek waren fort. Vor ihm erhoben sich mächtige Bäume. Die letzten Strahlen der Abendsonne leuchteten zwischen den Stämmen. Der restliche Wald war in Schatten gehüllt. Funkelnde Lichtpunkte schwebten wie Glühwürmchen umher.
Für einen Moment vergaß Aiden zu atmen. Er rieb sich über die Augen, doch die Szenerie veränderte sich nicht. Er umklammerte das Buch und spürte plötzlich, wie es sich zwischen seinen Fingern aufzulösen begann. Fassungslos blickte er auf seine Hände, von denen nur noch Staub rieselte.
„Aber … das kann … nicht sein“, flüsterte er.
Vögel zwitscherten in den Zweigen, ein Fuchs huschte an ihm vorbei. Die grünen Blätter der Sträucher und Bäume wiegten sich in einem lauen Wind.
„Ich träume …“
Langsam zog Aiden seine gefütterte Winterjacke aus. Es war warm und er schwitzte bereits. Er drehte sich im Kreis, schaute sich um. Da hörte er einen Schrei. Aiden zögerte, aber erneut schrie jemand auf und die Stimme klang verzweifelt. Er schüttelte seine Verwirrung ab und folgte dem Ruf. Rasch näherte er sich und blieb erstaunt stehen. Vor ihm rang eine junge Frau mit einer seltsamen Kreatur, die einem Albtraum entsprungen schien. Sie wirkte wie aus Schlamm und zog die Fremde beharrlich tiefer in den Sumpf.
Für einen Wimpernschlag wandte die Frau Aiden einen flehenden Blick zu. Sie war das schönste Geschöpf, das er je gesehen hatte! Sein Herz begann zu rasen.
Aiden handelte ohne nachzudenken. Er stieg in das brackige Wasser und spürte sofort, dass dieses Moor an ihm zerrte.
Treibsand?, dachte er erschrocken.
Die Frau schrie, das Wesen hatte sie an den Haaren gepackt und zog sie fast unter Wasser.
„Verdammt!“
Aiden sah sich gehetzt um. Ein langer Ast ragte über dem Wasser. Er griff danach, brach das tote Geäst vom Baum. Mit einer wuchtigen Bewegung holte er aus und schlug den Ast auf das Scheusal. Schlamm spritzte in alle Richtungen, als hätte er diese Moorbestie in Stücke geschlagen. Die Fremde klammerte sich an Aidens Ast. Ihr angstvoller Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte. Der Sumpf formierte sich bereits erneut zu einem dieser Ungeheuer und Aiden zog die Frau rasch ans Ufer, half ihr aus dem tückischen Treibsand.
Aiden atmete schwer, er war solche Kraftanstrengungen nicht gewohnt. Trotzdem fasste er die Schöne an der Hand und rannte mit ihr zurück in den Wald.
„Warte!“, sagte sie und bremste ihre Flucht. „Er kann nicht aus dem Moor heraus!“
„Wie, um Himmels willen, bist du da hineingeraten?!“
„Ich war unvorsichtig“, antwortete sie vage.
Ihre Augen waren honigfarben. Das Haar lag nass und verschmutzt um ihren Körper, dennoch konnte Aiden erkennen, dass es die gleiche Farbe trug. Eine zarte Feder in Goldorange war auf ihren Oberarm tätowiert. Ihr Gesicht war so wunderschön, dass Aiden kaum den Blick abwenden konnte.
„Wie nennt sich mein Retter?“, fragte sie flüsternd.
„Aiden. – Was war das für ein Vieh?“
Sie runzelte mit der Stirn, schien verwundert. „Ein Sumpfgnom.“
Aiden war sprachlos. Das alles überstieg seine Vorstellungskraft.
Ihr Blick funkelte auf. „Du bist nicht von hier!“, hauchte sie.
„Vorhin … war noch Winter … Wie kann das sein?“
„Du hast die Welten gewechselt!“ Sie berührte seinen Anhänger und prüfte seine Augen. „Aber du gehörst hierher. Deine Iris trägt die Goldfunken. Doch …“
„Warte! Ich komm nicht mit. Goldfunken? Wo bin ich hier? Und wer bist du?“
„Mein Name ist Isaja von Fether und du bist in Elthyria.“
„Und was ist Elthyria?“
Isaja lächelte leicht. „Dein Zuhause?“

Szenentrenner


Aiden saß nachdenklich auf einem Baumstumpf und wartete, dass Isaja mit ihrem Bad im See fertig war. Sie war voller Schlamm gewesen und er verstand, dass sie sich säubern wollte. Nun wurde es langsam dunkel, die Sonne verschwand hinter der Anhöhe und das Licht verwandelte sich in grauen Dunst. Gelangweilt lief er ein wenig umher. Weiße Flocken tanzten in der Luft. Zuerst hielt er sie für Blütenstaub. Jedoch schmolz dieser für gewöhnlich nicht, wenn er auf warme Haut traf.
„Schnee?“ Hatte er alles nur geträumt und begann nun aufzuwachen?
Ein kalter Lufthauch blies die Flocken umher und er folgte neugierig dem weißen Zauber. Als er einige Sträucher teilte, blinzelte er verdutzt.
Vor ihm lag eine Schneelandschaft. Inmitten der weißen Hügel saß ein Kind, eingehüllt in einen weißen Pelzmantel und herzte eine kleine Katze. Vor ihm stand eine Laterne. Aus ihr erstrahlte kein Leuchten, sondern der Schnee fand dort seinen Ursprung und stob aus der Lampe wie Licht. Das helle Haar des Mädchens wogte im Wind. Sie horchte auf, als würde sie ihn wittern.
„Nicht! Komm fort von hier!“
Isaja war ihm gefolgt, packte ihn grob am Arm und zog ihn weg von dem Geschehen.
„Aber da ist nur ein …“
„Das ist die Winterkönigin und sie wird dich töten, wenn sie keinen Gefallen an dir findet!“, zischte sie.
„Aber wir haben Sommer, wie …?“
„Aiden … dies ist Elthyria! Die Jahreszeiten sind dort, wo sich die jeweilige Königin aufhält und sie heraufbeschwört. – Komm!“
Isaja lief rasch und leise durch den Wald. Aiden stolperte hinter ihr her.
„Warte, ich verstehe das nicht!“ Sie hielten und Isaja starrte ihn mit einem Raubvogelblick an. Aiden besaß sonst einen sehr wachen Verstand, aber sie stand nun sauber und in ihrer vollkommenen Schönheit vor ihm. Aus irgendeinem Grund schien sie ihn völlig durcheinanderzubringen.
„Jede Jahreszeit hat eine Königin. Diese sollen eigentlich das Gleichgewicht erhalten“, erklärte sie und führte ihn immer weiter von den Schneeflocken fort. „Die Winterkönigin ist jung. Ungeachtet dessen ist sie auch überaus grausam. Also hüte dich vor ihr, auch wenn sie noch ein Kind ist.“
„Und wo sind die anderen … Königinnen?“
„Die Herrschenden haben gerade Probleme, die nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Die Sommerkönigin verbirgt sich in diesem Wald. Die Frühlingskönigin ist weiter westlich, zumindest war sie das noch vor ein paar Tagen.“ Isaja verstummte. Ihr feuchtes Honighaar floss wie Seide um ihre Gestalt. Mit einer fließenden Handbewegung zog sie sich den Mantel enger um den Körper, setzte sich die Kapuze auf.
„Was ist mit der Herbstkönigin?“
Isaja sah ihn mit ernstem Gesicht an. „Sie ist tot, Aiden. Die Winterkönigin hat sie umgebracht. Und das ist unser Problem.“
Aiden starrte sie dümmlich an. Dieses Kind sollte eine erwachsene Frau getötet haben?
„Ich weiß, was du denkst, Aiden. Niemand hätte das für möglich gehalten. Doch sie ist Esariusʼ letzte Tochter und voller Macht.“
„Wer ist Esarius?“
Isaja begegnete seinem fragenden Blick. „Der Dunkle, der aus dieser Welt geflüchtet ist.“
Aiden seufzte. Jetzt war er so schlau wie zuvor.
„Sie ist böse“, wisperte Isaja so leise, dass er sie kaum verstand, und führte ihn zielstrebig durch die abendliche Landschaft.
„Isaja, wie bist du in die Fänge dieses komischen Sumpfgnoms gelangt? Du scheinst dich hier gut auszukennen und …“
„Ich flüchtete vor ihr.“
„Vor ihr?“ War er wirklich begriffsstutzig, oder war diese Frau einfach nur furchtbar einsilbig?
„Ich rede von Crystáel, der Winterkönigin. Ich hatte die Aufgabe sie aufzuspüren. Ich war unvorsichtig und kam ihr zu nah. Sie entdeckte mich und trieb mich in den Sumpf.“
„Soll sie bestraft werden?“
„Wir wollen sie aufhalten und zugleich flüchten die ›Jahreszeiten‹ vor ihr. Sie will, dass der Winter Elthyria beherrscht.“
Nun breitete sich ein flaues Gefühl in seiner Magengegend aus. „Sie will die anderen auch töten?“
„So scheint ihr Plan auszusehen.“
Isaja machte Anstalten weiterzugehen, aber Aiden hielt sie auf. „Was wollt ihr dagegen tun?“
Ihre Augen glühten in dem aufgehenden Vollmond wie Bernsteinkristalle. Aiden fiel auf, dass der Schein dieses Mondes golden und nicht silbern war.
„Wir brauchen eine neue Herbstkönigin. Das Orakel von Elthyria sprach von jemandem, der kommen wird, und dessen Augen das Licht in sich tragen.“
„Und was heißt das? Wer hat denn Licht in seinen Augen?“
Isaja senkte den Kopf. „Das weiß niemand …“
Sie führte ihn zu einem Gewässer und Aiden stockte der Atem, als er seinen Blick vom Wasser hob. Hinter dem kleinen See, der umringt war von hohen Bäumen, sah er eine Festung mit hohen Türmen, die vom Nebel fast verschluckt war. Die Mauern wurden von der Dämmerung eingehüllt, doch Aiden sah trotz allem die Erhabenheit dieses Ortes. Ein Zauber schien über dem Land zu liegen, der Aiden einhüllte wie eine Daunendecke.
„Das ist die Festung Inladyr. Sie ist der Hauptsitz der Sommerkönigin.“
„Die sich aber im Wald verbirgt?“
Isaja zuckte mit den Schultern. „Sie ist nicht sehr mutig, und als Crystáel hier durchzog, und ihre Festung mit Eis und Kälte überzog, flüchtete sie durch einen Geheimgang.“
„Aber findet Crystáel sie nicht aufgrund der sommerlichen Verhältnisse hier?“
Isaja lachte. „Wenn Shailys ihre Kräfte verbirgt, nicht.“
„Gehen wir dorthin?“ Aiden zeigte zu Inladyr.
Isaja schüttelte den Kopf. „Nein, wir müssen zu Feylinn, der Königin des Frühlings. Sie ist die Besonnenste und vor allem die Mächtigste, da sie das Leben erwecken kann. Sie ist auch die, die Crystáel am meisten fürchtet. Feylinn muss geschützt werden und ich muss ihr Bericht erstatten.“
„Arbeitest du für sie?“
Isajas Gesicht verzog sich voller Kummer. „Vor ihrem Tod war ich eine Vertraute der Herbstkönigin. Ich gehörte ihrem innersten Kreis an und man nannte uns die Gilde der Feder.“
„Der Feder?“
„Weil wir leicht und sanft wie eine Feder die Natur auf den Winter vorbereiten.“
Aiden erinnerte sich an Isajas Tätowierung – eine Feder – und er verstand.
Sie ließen die Festung Inladyr hinter sich und schlichen durch den mondbeschienenen Wald. Manchmal sah er vereinzelte Schneeflocken, dann zog Isaja ihn fort, suchte einen anderen Weg. Sonst blieben sie unbehelligt.
Weiße Blumen öffneten plötzlich ihre Köpfe und verströmten einen süßen Duft. Wie helle Wegweiser wuchsen sie am Rande des Pfades.
„Mondblumen“, erklärte Isaja wortkarg.
Aiden konnte den Blick von der Schönheit dieses Landes nicht mehr abwenden. Überall schienen Geheimnisse zu sein. Steine lagen am Wegesrand, die wie ein Regenbogen in dem Zwielicht schimmerten. Winzige Vögel schwirrten in den Bäumen und folgten ihnen eine Zeit lang. Isaja nannte sie Kleine Nachtjäger. Sie kamen an eine Lichtung und überall schwirrten wieder die Leuchtpunkte, die er schon bei seiner Ankunft gesehen hatte. Er folgte einem dieser Lichter, versuchte, es zu fangen, aber das war nicht nötig – eines setzte sich von allein auf seine Hand. Aiden hob sie an, um es näher zu betrachten.
Er hörte, wie Isaja nach Luft schnappte. Er wandte sich nicht um, war vertieft in die Betrachtung dieses Geschöpfes, das nur aus Licht zu bestehen schien. Im Innern meinte er vage, ein Gesicht auszumachen. Es war so winzig, dass er es nicht genau sagen konnte. Im Augenwinkel sah er, wie Isaja langsam vor ihn trat.
„Sie sind wunderschön“, flüsterte Aiden.

Szenentrenner


Isaja beobachtete Aiden von der Seite. Sein blondes Haar schimmerte im Schein des Sachylmondes und die Züge seines Gesichtes wirkten sanft, obwohl er einen Dreitagebart trug, wie einer der Räuber von Illris. Er schien fasziniert von seiner Umgebung zu sein. Wie ein kleiner Junge sog er die Eindrücke, die um ihn herum waren, auf.
Aber wie kam er an Esariusʼ Waldlicht? Denn es war unverkennbar der Anhänger des Dunklen! Isaja hatte es an der Form der Einfassungen erkannt. Diese Amulette waren Portalschlüssel, die man den Familien der ›Jahreszeiten‹ zur Verfügung gestellt hatte – und nur bei ihnen offenbarte sich der Zauber. Wieso funktionierte es bei Aiden? Sie musste diesem Geheimnis auf die Spur kommen!
Isaja trat auf die Lichtung der Neflys. Die magischen Geschöpfe schwirrten wie Honigbienen um ihren Nestbaum. Ihr Leuchten erfüllte die Luft und Isaja lächelte unwillkürlich. Diese Wesen schenkten ihrem Volk einen besonderen Frieden.
Aiden lief auf einen der Neflys zu. Er schien einen fangen zu wollen, doch da schwebte eines der Geschöpfe zu ihm herab und setzte sich auf seine Hand. Isaja traute ihren Augen kaum. Die Neflys berührten niemals einen gewöhnlichen Menschen! Verwirrt ging sie um Aiden herum und betrachtete das Schauspiel. Die Neflys hatte sich auf ihm niedergelassen und ihr Licht leuchtete heller als zuvor.
Aiden hob den Blick. „Sie sind wunderschön“, flüsterte er.
Isaja schlug vor Schreck die Hand vor den Mund. Seine Augen! Das Licht der Neflys spiegelte sich darin. Die Goldfunken seiner Iris strahlten auf – wie die Amulette der Waldlichter.
… dessen Augen das Licht in sich tragen …
„Aber das kann nicht sein!“, hauchte Isaja. Niemals war ein Mann eine der herrschenden Jahreszeiten! Wie sollte dieser Fremde die Rettung sein? Auch wenn die Sprenkel seiner Iris verrieten, dass er zu ihrem Volk gehörte, so war er ein Unwissender, der nicht von dieser Welt war. Und er trug doch keine Magie in sich! Oder doch?
„Du bist es?!“ Sie konnte es selbst nicht fassen.
Aiden sah sie mit seinem funkelnden Blick an. „Wer bin ich, Isaja?“
„Du … du bist der Herbstkönig.“

05. Jan. 2015 - Tanja Bern

Bereits veröffentlicht in:

ZAUBERHAFTE WELTEN
A. Reichart (Hrsg.)
Anthologie - Kurzgeschichten - Oldigor Verlag - Okt. 2013

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