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Allee der Lichter
von Annika Dick

Elke Brandt Elke Brandt
© http://www.manticor-illustrations.de
Die Geräte blinkten und piepten unaufhörlich in einem langsamen, steten Rhythmus. Franziska sah sie an und versuchte, etwas aus ihnen zu lesen. Sie betrachtete die grüne Kurve und die Zahlen, die daneben angezeigt wurden, doch wirklich etwas mit ihnen anfangen konnte sie nicht. Also sah sie von den Maschinen zu ihrem Papa, der schlafend im Krankenbett lag. Koma, so hatte Mama das genannt, was Papa gerade tat. Dabei schlief man so fest, dass man ihren Vater nicht einfach aufwecken konnte.
»Wird Papa zu Weihnachten wieder nach Hause kommen?«, fragte Franziska ihre Mutter, die neben dem Bett ihres Vaters auf einem Stuhl saß, und seine Hand hielt.
Ihre Mutter drehte sich zu ihr um und sah sie aus müden Augen an. »Das weiß ich nicht, mein Schatz. Wir können nur hoffen. Vielleicht gibt es für uns ja ein Weihnachtswunder.«
»Gibt es die wirklich? Die Weihnachtswunder?« Franziska konnte sich das schwer vorstellen. Sie hatten in der Schule darüber geredet, wie viele Menschen es nicht so gut hatten, die an Weihnachten nicht einmal einen Baum hatten, weil bei ihnen Krieg war, oder sie kein Zuhause hatten, oder sie einfach zu arm für einen Baum waren.
»Manchmal«, sprach ihre Mutter in Franziskas Gedanken, »werden Wunder wahr, wenn am Baum die Lichter erstrahlen.«
Franziska dachte auf dem Nachhauseweg darüber nach. Morgen war Heiligabend. Dann würde das Christkind mit seinen Engeln kommen und den geschmückten und von Kerzenlicht erleuchteten Weihnachtsbaum in die Stube bringen. Das Christkind kam jedes Jahr, während Franziska mit ihren Eltern in der Kirche war und wenn sie zurückkamen, standen der Baum und die Geschenke im Wohnzimmer und warteten auf sie. Franziska konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Papa dieses Jahr nicht dabei sein sollte. Sie wollte es sich auch nicht vorstellen. Sie brauchten wirklich ein Wunder. Franziska wusste nur nicht, ob ein Weihnachtswunder dafür reichen würde.
Als ihre Mutter den Wagen von der Hauptstraße lenkte und in die Allee einbog, an deren Ende ihr Haus stand, sah Franziska aus dem Fenster und betrachtete die Bäume. Leere, kahle Bäume, die sehr trostlos die Straße säumten und in dem Grau des Dezembers unterzugehen drohten.
»Das ist es!«, flüsterte sie und drückte sich die Nase an der Scheibe platt. Sie zählte die Bäume, an denen sie vorbeifuhren. Zwanzig Stück und auf der anderen Straßenseite noch einmal so viel. Das wären viele Weihnachtswunder. Sicher würde das ihren Papa wieder aufwecken.
Die letzten Meter, die das Auto ausrollte, ehe es zum Stehen kam, hüpfte Franziska ungeduldig auf ihrem Kindersitz auf und ab.
»Was ist denn mit dir los? Musst du auf die Toilette?«, fragte ihre Mutter, als sie die hintere Tür des Autos öffnete und Franziska herausließ.
»Nein, nein. Ich habe nur etwas ganz Wichtiges zu tun.«
»So, was denn?«
Franziska war schon zur Haustür gerannt, drehte sich jetzt aber noch einmal zu ihrer Mutter um und grinste sie breit an. »Ein Weihnachtswunder!« Sie lachte, als sie den verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Mutter sah. Sie würde ein Wunder vollbringen, ihren Papa aufwecken und ihre Mama wieder zum Lachen bringen und dann wäre Weihnachten wieder richtig schön und auch alle anderen Tage, die nach Weihnachten kommen würden, wären es ebenfalls.
Leise vor sich hin summend machte sich Franziska an die Arbeit. Sie nahm den Einkaufskorb ihrer Mutter aus der Vorratskammer und suchte alle Kerzen zusammen, die sie finden konnte. Teelichter und die Kerzen vom Adventskranz, die Geburtstagskerzen und die, die ihre Mutter nur so zur Dekoration in den Regalen stehen hatte. Sie alle wanderten in den Korb, mit dem Franziska schließlich nach draußen ging. Sie stand vor dem Baum, der vor ihrem Haus stand und sah an ihm hoch. Nur wie sollte sie die Kerzen an ihm festmachen? Die Klammern, die die elektrischen Kerzen für den Weihnachtsbaum hatten, konnte sie hier ja nicht nehmen. Und sie musste die Kerzen vor dem Wind schützen, damit er sie nicht ausblies.
Also ging sie noch einmal in die Vorratskammer und sah sich suchend um. Schließlich fiel ihr Blick auf die leeren Gläser, die ihre Mutter sammelte, um darin Marmelade einzumachen. Sie nahm sie mit sich und auch die Packung mit dem Geschenkband und brachte alles nach draußen. Dort stellte sie die Kerzen in die verschiedenen Gläser und wickelte dann das Geschenkband um die Glashälse. Als sie alle Kerzen in Gläsern verstaut hatte, ging sie in die Garage und holte sich die große Leiter. Drinnen hörte sie ihre Mutter telefonieren. Sehr gut, dann konnte sie die Überraschung wenigstens noch nicht sehen, bevor Franziska fertig war.
Mit einem Glas in der Hand kletterte sie die Leiter hinauf, die sie unter den Baum gestellt hatte und band das Glas mit dem Geschenkband an einem Ast fest. Zufrieden mit ihrem ersten Licht am Baum stieg sie die Leiter hinab und nahm sich das nächste Glas. Als sie den ersten Baum fertig geschmückt hatte. Sah sie ihn sich von allen Seiten zufrieden an. Ja, genau so hatte sie sich das vorgestellt. Wenn es dann dunkel wurde, und sie alle Kerzen anzünden würde, dann musste einfach ein Wunder passieren. Auch den zweiten Baum, der auf der anderen Straßenseite gegenüber ihrem Haus stand, schmückte sie mit den Kerzen in den Marmeladengläsern, und trug dazu sogar die Leiter über die Straße.
Doch als sie mitten im dritten Baum war, der vor dem Haus von Herrn und Frau Meister stand, gingen ihr die Kerzen aus. Sie stieg gerade die Leiter herab, als ihre Nachbarn vom Einkaufen nach Hause kamen.
»Ja aber Franziska, was machst du denn da?«, fragte Frau Meister verdutzt, als Franziska von der letzten Sprosse sprang.
»Mir fehlen Kerzen«, erklärte das Mädchen, verwirrte das alte Ehepaar damit aber nur noch mehr.
»Wofür denn Kerzen?«
Franziska deutete auf den Baum. »Ich muss die Bäume zum Leuchten bringen. Mein Papa ist doch so krank und Mama meinte, wir bräuchten ein Weihnachtswunder und wenn die Lichter am Baum leuchten, dann passieren manchmal Wunder. Aber ein einfaches Weihnachtswunder reicht nicht und ich brauche ganz viele Weihnachtswunder, deswegen dachte ich, ich schmücke einfach viele Bäume … aber jetzt habe ich keine Kerzen mehr.« Franziska holte tief Luft und sah Frau Meister flehend an. »Haben Sie noch Kerzen?«
Frau Meister sah zu dem Baum hoch, den Franziska geschmückt hatte und dann zu den beiden anderen, an denen sie schon gearbeitet hatte.
»Lass uns mal nachsehen, vielleicht habe ich noch ein paar.« Frau Meister führte Franziska ins Haus und gemeinsam suchten sie noch einige Kerzen und Gläser zusammen, die Franziska benutzen konnte. Herr Meister bestand allerdings darauf, dass er auf die Leiter stieg, um sie anzubringen, und dass Franziska sie ihm nur hochreichen sollte. Doch bald mussten sie feststellen, dass auch ihre Kerzen nicht reichten.
»Tut mir leid, Franziska, mehr Kerzen haben wir nicht.«
»Aber das sind erst vier Bäume. Das reicht doch nicht.« Bevor Franziska aber etwas dagegen unternehmen konnte, rief ihre Mutter sie zum Abendessen hinein. Mit hängenden Schultern ging Franziska nach Hause. Sie hörte noch, wie Herr Meister seine Frau fragte, ob er die Gläser wieder von den Bäumen herunterholen sollte, aber Frau Meister meinte, er solle sie hängen lassen.
Vier Wunder, dachte Franziska und knabberte lustlos an ihrem Käsebrot. Vier Wunder würden bestimmt nicht reichen. Mit vier Wundern würde ihr Papa nicht aufwachen und an Weihnachten wachwerden. Sie zog hörbar die Nase hoch. Ihre Mutter sah sie besorgt an.
»Franziska?«
»Er wird nicht wachwerden, oder?«
Ihre Mutter sah sie entsetzt an und strich ihr mit der Hand durchs Haar.
»Ich habe alles versucht, habe alle Kerzen zusammengesucht, die ich finden konnte, aber es reichte nicht. Ich habe nur vier Bäume schmücken können und das ist nicht genug und morgen ist Heiligabend und dann leuchten doch die Weihnachtsbäume und bis dahin bekomme ich nie so viele Kerzen zusammen und …«
»Franzi …« Ihre Mutter zog sie in die Arme und ließ sie weinen. Franziska klammerte sich an ihrem Pullover fest und ließ den Tränen freien Lauf, bis sie schließlich eingeschlafen war.

Szenentrenner


Am nächsten Tag saß sie nach dem Mittagessen am Wohnzimmerfenster und sah nach draußen auf die Straße.
»Sie sehen trotzdem wunderschön aus«, meinte ihre Mutter und strich ihr über den Kopf. »Wollen wir sie nach der Kirche anmachen?«
Franziska nickte langsam, auch wenn sie wusste, dass sie nicht reichen würden. Vier Wunder waren einfach nicht genug.
»Du kannst noch zwei Stunden spielen, dann müssen wir uns für die Kirche umziehen.«
Wieder nickte Franziska und ging in ihr Zimmer, auch wenn ihr so gar nicht nach Spielen zumute war. Stattdessen saß sie mit ihrem Lieblingsteddy auf dem Bett und sah durch das Fenster in den Himmel.
»Weißt du, Christkind, ich hab dir doch diesen langen Wunschzettel geschickt. Eigentlich will ich davon gar nichts mehr. Ich will nur, dass mein Papa wieder aufwacht. Wenn es hilft, brauchst du auch gar keinen Baum zu bringen. Es sei denn, das Leuchten muss hier passieren und reicht nicht, wenn es bei dir im Himmel am Baum ist, dann bring bitte ganz viele leuchtende Bäume. Bitte.« Sie sah auf ihren Teddy, der sie wie immer fröhlich anlächelte. »Ob es mich gehört hat?« Weder der Teddy noch das Christkind gaben ihr eine Antwort.
Draußen wurde es langsam dunkel und Franziska machte den Rollladen ihres Fensters zu, als sie sich für die Kirche fertigmachte. Sie trödelte heute sehr, das wusste sie, aber ausnahmsweise schimpfte ihre Mutter nicht. Sie wartete am Fuß der Treppe mit Franziskas Jacke, Mütze und Schal und hielt ihr alles hin. Franziska zog sich fertig an und schlüpfte in ihre Stiefel.
»Bist du fertig?«
Franziska nickte. Ihre Mutter griff nach ihrer Handtasche, als das Telefon klingelte.
»Wer ruft denn um diese Zeit an?«, murmelte sie und ging ins Wohnzimmer. Franziska, der es in der dicken Winterjacke viel zu warm wurde, machte die Haustür auf und ging nach draußen. Sie blickte auf den Boden, weil sie die Stufen vor der Haustür auch im Winter immer hinabhüpfte, aber irgendetwas war heute anders.
Es war so hell.
Sie sah von den Treppenstufen hoch und sah, dass die Lichter in den Bäumen, die sie geschmückt hatte, alle angezündet worden waren.
»Ist das schön«, flüsterte sie und vergaß für einen Moment, dass es nicht reichen würde. Ihre Mutter rief aus dem Wohnzimmer nach ihr, doch Franziska hatte gerade etwas entdeckt, dass sie alles um sich herum vergessen ließ. Jetzt sprang sie doch die Stufen hinunter – allerdings ohne hinzusehen – und rannte an die Straße. Mit großen Augen sah sie die Allee entlang. Alle Bäume waren geschmückt. Jeder einzelne erstrahlte im Licht der Kerzen. Nun rief Franziska nach ihrer Mutter, die auf der Suche nach ihr bereits aus dem Haus gekommen war. Franziska strahlte über das ganze Gesicht, als sie sich zu ihrer Mutter umdrehte.
»Ganz viele Wunder. Siehst du das, Mama?«
Ihre Mutter nickte wortlos und zog die Nase hoch. Franziskas Lächeln verschwand.
»Mama?«
»Das am Telefon war das Krankenhaus. Dein Papa ist vor einer halben Stunde aus dem Koma erwacht. Wir können jetzt gleich zu ihm.«
Jubelnd fiel Franziska ihrer Mutter um den Hals und drückte sie so fest wie sie konnte.
Als sie im Auto saßen und sich auf den Weg ins Krankenhaus machten, bat Franziska ihre Mutter, langsam durch ihre Straße zu fahren, damit sie jeden Baum genau ansehen konnte. Sie wollte sich dieses Weihnachtswunder gut einprägen.

19. Dez. 2013 - Annika Dick

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