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Fesseln der FInsternis
von Tanja Bern

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
8 Beiträge / 38 Interviews / 5 Kurzgeschichten / 72 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Prologstory zu dem Roman "Ruf der Geister"


Joshua sah sich unbehaglich um. Er besuchte nie gerne Partys und diese war ihm besonders unangenehm. Die Musik war zu laut, die Menschen zu betrunken und er fürchtete, zwischen den Gästen die zerfaserten Umrisse von Geistern zu sehen. Dieser Ort schien perfekt dafür.
Im Stillen verfluchte er seine hellseherische Gabe.
Die Feier fand in einem der alten Fabrikgebäude statt, die man schon lange stillgelegt hatte und seit Jahren für verschiedene Anlässe nutzte. Sein Freund Mark unterhielt sich angeregt mit seinen Kollegen und schien ihn für den Moment vergessen zu haben.
Nicht so schlimm, dachte Joshua. Heute fühlte er sich nicht gerade als Stimmungskanone. Er fuhr sich durch das dunkle Haar und suchte den Blick seines Freundes. Dieser schien das zu spüren, denn er sah auf. Joshua verdeutlichte ihm, dass er kurz raus gehen würde.
Die schwere Tür quietschte, als er sie aufstieß und in die klare Nacht hinaustrat. Einige Leute hielten sich im Vorhof auf, doch niemand beachtete sein Auftauchen. Ihm war es recht. Joshua sog die angenehme Luft ein und brauchte einen Augenblick, bis das Dröhnen in seinen Ohren nachließ. Vor ihm lag ein schmaler Trampelpfad und er folgte diesem. Der Kies knirschte unter seinen Schuhen und die letzte Beleuchtung blieb hinter ihm zurück.
Manchmal fürchtete Joshua, dass er die Seelen wie ein Magnet anzog. Mit einem unwohlen Gefühl blickte er sich um, doch das Gelände lag ruhig vor ihm. Er lief weiter. Die Musik geriet in den Hintergrund und Joshua hörte sie nur noch wie entferntes Trommeln.
Ein verrostetes Rohr lud zum Sitzen ein und er ließ sich auf dem großen Metallbauteil nieder. Hinter ihm erhob sich ein Zaun, den jemand niedergetreten hatte. Ein Stück Wiese wuchs dahinter und eine einsame Grille zirpte.
„Bist auch alleine, hm?“, murmelte er dem Insekt zu.
Völlig unerwartet tauchte eine Erscheinung vor ihm auf. Joshua erschrak so sehr, dass er fast von seinem Sitzplatz rutschte. Die Frau blieb durchlässig, trotzdem konnte Joshua sie gut erkennen. Sie trug ein helles Kleid, das an der Brust blutverschmiert war. Ihr kurzes Haar schien lieblos abgeschnitten zu sein.
Joshua starrte sie überrascht an, erhob sich, da er nicht zu dem Geist aufschauen wollte.
Wortlos wandte sie sich um, lief ein Stück voraus und drehte sich wieder zu ihm. Ihr Gesichtsausdruck schien so furchtbar traurig zu sein – zerbrochen wie ein Stück Porzellan.
„Was möchtest du von mir?“, flüsterte er.
Komm …
Für einen Augenblick existierte für Joshua nur die Seele der Verstorbenen. Wie im Trance folgte er ihr. Sie führte ihn an den alten Industriegebäuden vorbei. Der Untergrund des Weges wechselte zwischen geplatztem Asphalt und ausgetrockneter Erde. Die Klänge der Party verebbten, hallten nur noch als fernes Echo über den Platz. Dunkelheit legte sich über die verlassene Fabrik und der Geist schimmerte als blasser Schemen vor ihm.
„Warum bist du hier?“, fragte Joshua leise.
Doch sie antwortete nicht, bedeutete ihm nur, dass er mitkommen solle.
Die Finsternis kam Joshua allumfassend vor. Keine Laterne beleuchtete hier die Umgebung, nicht einmal der Mond schien auf das Gelände, war von Wolken verhüllt. Um sich zu orientieren, kramte er sein Smartphone aus der Jackentasche und schaltete die Leucht-Applikation ein. Der einsame Strahl erhellte nur einen Streifen des Weges, aber Joshua würde zumindest nicht stolpern. Trotz der unnatürlichen Lichtquelle konnte er den Geist klar erkennen. Die Verstorbene verharrte an einem Zugang und zeigte auf den Metalldeckel.
„Ich soll da rein? Das ist nicht dein Ernst!“
Bitte …
„Bist … bist du da drin?“
Sie nickte unmerklich.
Eine Leiche hat mir jetzt noch gefehlt, dachte Joshua ironisch.
Er kämpfte mit sich. Einerseits wollte er dieser Situation entfliehen. Andererseits fiel es ihm schwer, sich dem Sog des Geistes zu entziehen. Die Frau wirkte so hilflos und zerbrechlich. Was mochte ihr zugestoßen sein? Ob er Erich alarmieren sollte?
Nein, nicht um diese Uhrzeit. Wenn Joshua etwas fand, müsste er den Kommissar früh genug aus dem Bett klingeln.
Mit einem tiefen Seufzer klemmte er das Handy in einen Mauerspalt und zog an dem Deckel. Das rostige Teil öffnete sich mit einem Ächzen. Joshua nahm das Smartphone wieder an sich und spähte mit dessen Licht hinein.
Eine Eisenleiter führte in die Tiefe. Weiter unten konnte Joshua schmale Gänge ausmachen. War dies ein Notzugang zu ehemaligen Lagerräumen?
Die durchscheinende Geisterfrau schaute ausdruckslos in die Schwärze der Tunnel. Wie erstarrt verharrte sie vor der Öffnung.
„Wie ist dein Name?“, fragte Joshua behutsam.
Langsam hob sie den Blick.
Andrea …
Joshua schaute in die düsteren Räume unter ihm. Was würde ihn erwarten? Das Herz klopfte schnell in seiner Brust und ein Gefühl ballte sich in seinem Magen zusammen, das wie ein feuriger Stein in ihm wütete. Trotzdem stieg er vorsichtig die rostige Leiter herunter. Unten hatte sich Wasser am Boden gesammelt und Joshua fühlte, wie die Feuchtigkeit durch seine Schuhe sickerte. Nun wagte sich auch der Geist herunter und schwebte mit angstgeweitetem Blick vor ihm.
„Was ist mit dir geschehen?“
Sie antwortete nicht.
„Dann zeig mir, wo du … gestorben bist.“
Sie blickte sich mit einem unbehaglichen Ausdruck im Gesicht um, aber sie führte ihn durch die Schächte. Also folgte Joshua seinem Instinkt, schaltete das Handylicht wieder ein und tauchte tief in die untere Ebene der verlassenen Fabrik ein. Die Kälte hier unten kroch in seine Kleidung und er begann zu frösteln.
Ein Rascheln ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Fast hätte er sein Smartphone fallen gelassen. Im kargen Licht des Mobiltelefons sah er eine Ratte davonhuschen.
Und wenn ihr Mörder noch hier ist? Der Gedanke fuhr wie ein eisiger Schauer in sein Inneres.
Die Geisterfrau ließ alle Türen unbeachtet. Jede Abzweigung nahm sie sicher und ohne zu überlegen.
Oh Gott, hoffentlich finde ich hier wieder raus!
Plötzlich begann ihre Gestalt zu flackern. Pure Angst malte sich auf ihren Zügen ab und sie zeigte auf eine Metalltür. Diese war mit einem Vorhängeschloss abgesperrt. Der Rost hatte sich in das Eisen gefressen, sodass Joshua nur einmal heftig mit einer Stange, die er am Boden fand, auf das Schloss schlagen musste. Aufgewühlt öffnete Joshua die Tür. In der Dunkelheit hallte ihr Knirschen seltsam durch die Räume.
Der Lichtstrahl des Handys beleuchtete eine grauenhafte Szene. Joshua erschrak so heftig, dass er mit einem leisen Aufschrei zurückwich.
In dem kargen Raum stand ein Stuhl an dem eine verweste Leiche gefesselt war. Die bleichen Knochen stachen unnatürlich hervor, ihr Mund war zu einem stummen Schrei geöffnet.
Joshuas Herz trommelte gegen seinen Brustkorb und er konnte seine Gefühle kaum unter Kontrolle bringen. „So eine Scheiße“, flüsterte er. Ein letztes Mal leuchtete er in das Zimmer, in dem noch vergessene Dinge lagerten. Am Boden lag Andreas zerfetzte Kleidung, durchweicht von der Feuchtigkeit. In einer Pfütze schwamm blondes Haar, das ebenso angefangen hatte, sich zu zersetzen.
Ich muss hier raus!, brüllte alles in ihm.
Joshua sah sich um. Der Geist war fort!
„Nein, verdammt! Du musst mich wieder rausführen!“
Stille umgab ihn, nur einige Wassertropfen plätscherten irgendwo. Am Rande der Panik sah er auf sein Handy, als dessen Licht flackerte. Der Akku würde nicht mehr lange halten. Joshua rannte den Weg zurück, den er als den Richtigen vermutete. Doch die Eisenleiter tauchte nirgendwo auf. Er rannte durch die schmalen Flure. Das Wasser wurde tiefer und ging ihm mittlerweile bis zum Knöchel. Gehetzt sah er sich in dem Zwielicht um, dann piepte das Smartphone auf, das Licht erlosch und nur die Notbeleuchtung des Displays funktionierte noch. Joshua verharrte geschockt in der Finsternis.
Das Wasser ist hier zu hoch, dachte er und tastete sich den Weg zurück.
Er horchte auf. Erleichterung umspülte ihn, denn draußen rief jemand nach ihm!
Mark!
„Ich bin hier, Mark!“, schrie er.
Joshua vernahm eine gedämpfte Antwort. „Verdammt, wo bist du, Josh?!“
„Unter dir! Wo stehst du?“
„Wo ich …? Rechts neben dem Eingang.“
Dann war er viel zu weit von dem ursprünglichen Weg abgekommen. Joshua drängte seine Ängste in den Hintergrund und versuchte sich zu orientieren, was ihm nicht wirklich gelang.
„Wo sind Geister, wenn man sie braucht?!“, schnauzte er in die Finsternis.
Als hätte dies Andreas Geist gerufen, erschien sie vor ihm und Joshua wäre vor Schreck fast in das brackige Wasser gefallen.
„Bring mich hier wieder raus!“, blaffte er die Erscheinung an.
„Joshua? Alles klar bei dir?“, rief Mark von draußen.
„Ja! Warte, ich komme zu dir.“ Er wandte sich an Andrea. „Du zeigst mir doch den Weg nach draußen, oder?“
Der Geist nickte und wies ihm den Weg zurück zu der metallenen Leiter. Atemlos hetzte er die Sprossen hinauf und rannte zurück zum Eingang der Fabrik, wo die Party noch in vollem Gange war. Mark stand unter einer Straßenlaterne und hielt besorgt Ausschau nach ihm. Ihre Blicke begegneten sich und beide Freunde atmeten erleichtert auf.
„Du lieber Himmel, Josh, wo warst du?!“
„Mark, das glaubst du mir nicht! Kann ich mal dein Handy haben? Bei mir ist der Akku leer. Ich muss Erich anrufen.“
„Den Kommissar?“, fragte Mark erstaunt, zückte aber sofort sein Telefon und reichte es Joshua, der rasch die Nummer von Erich Salberg eintippte.

Szenentrenner


Kommissar Salberg stand ein wenig fassungslos vor dem Raum, den Joshua ihm und seinen Kollegen gezeigt hatte. Er strich sich durch seinen kurzen Bart und linste zu Joshua hinüber. „Und … ihr Geist hat dir das gezeigt?“
„Nein, die Party war so langweilig und da dachte ich, dass man auch hier unten feiern könnte.“ Joshua schaute ihn vielsagend an.
„Ha ha ha.“
„Ja, genau. Glaub mir, mich hätten keine zehn Pferde hier runter gekriegt, aber ich konnte mich ihr nicht entziehen.“
Erich, ein enger Freund seines Vaters, wusste von seiner Gabe. Joshua half dem Kommissar auch nicht das erste Mal, eher regelmäßig. Trotzdem schien es ihn manches Mal zu schocken.
Die Spurensicherung hatte die Fabrik-Katakomben mit Scheinwerfern erhellt. Mehrere Leute durchsuchten behutsam die Umgebung, alle bekleidet in Schutzanzügen. Der Pathologe Dr. Stein erreichte den Tatort und blickte sie verschlafen an. Mürrisch nickte er ihnen zur Begrüßung zu und starrte dann in den Raum. Er sah sich um, dann ging er zu dem Opfer.
„Und sie hieß Andrea?“, hakte Erich noch einmal nach.
„Ja, das sagte sie mir.“
„Ich ahne, wer es ist“, murmelte der Kommissar leise. Er legte Joshua eine Hand auf die Schulter. „Fahr nach Hause, Joshua. Mark wartet ja oben auf dich.“
„Okay …“ Langsam schritt Joshua erneut über den feuchten Boden, ignorierte dieses Mal die geisterhafte Gestalt und stieg die Leiter hinauf. Er befürchtete, dass es für ihn heute Nacht keinen Schlaf geben würde.

Szenentrenner


Fast zwei Wochen waren vergangen, seit Joshua Andreas Seele begegnet war. In seiner Wohnung duldete er keine Geister, aber sobald er nach draußen kam, wartete sie bereits auf ihn. Auch wenn sie sich zurückhielt, so blieb sie dennoch präsent. Mittlerweile wusste Joshua wer sie zu Lebzeiten gewesen war. Die Reporter prügelten sich fast um Neuigkeiten zum Fund ihrer Leiche, denn Andrea galt fast ein Jahr als vermisst. Erich hatte ihn zum Glück aus allem herausgehalten, so rätselten die Boulevardblätter noch immer, wer die Leiche entdeckt hatte. Andrea hatte ihm den Mörder gezeigt, aber die Suche nach dem Mann dauerte noch an.
Nun saß Joshua auf einer Parkbank, nahe eines Spielplatzes. Die Sonne schien warm auf die Kinder herab und der leichte Wind wehte den Geruch von Bratwurst zu ihnen herüber. Schräg neben Joshua saß Patrick. Dessen sechsjähriger Sohn spielte im Sandkasten und ließ seinen Plastik-Lkw über eine selbst gebaute Straße fahren. Andrea schaute sehnsüchtig auf ihren Sohn, den sie nie wieder in die Arme würde nehmen können.
Bitte …, flehte sie Joshua an.
Joshua sah zu dem fremden Mann, stand auf und setzte sich neben ihn. Patricks Blick vertiefte sich in ein Foto, das in seiner Geldbörse klebte. Auf dem Bild sah seine Frau Andrea dem Betrachter mit einem fröhlichen Lachen entgegen, ihr blondes Haar wehte im Wind.
Joshua sah unsicher zu dem Geist. Liebevoll betrachtete sie ihren Mann – sie hatte Joshua von Patrick erzählt.
„Wissen Sie“, begann Joshua. „Ich glaube, sie ist jetzt … erlöst.“
Patrick sah verdutzt auf. „Woher wissen Sie …“ Der Mann schwieg unerwartet, schien eine Erkenntnis zu haben. Er sah sich um. „Sie ist hier, ich spüre sie“, flüsterte er traurig.
Joshua sah wie ihre Gestalt verblasste – auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
Patrick blickte Joshua ernst an. „Ich kenne Sie nicht, aber ich schaue in Ihre Augen und vertraue Ihnen. Warum?“
„Ich habe sie gefunden“, wagte Joshua zu sagen. „Sie hat mir den Lagerraum gezeigt.“
Patrick nickte verstehend. „Sie war oft bei uns. Bücher fielen von den Regalen. Die Gardine bewegte sich trotz geschlossenem Fenster. Der Bilderrahmen mit ihrem Foto fiel immer um.“ Eine Träne stahl sich aus seinem Auge und Patrick wischte sie fort. „Ich wusste, dass sie tot ist.“ Er schluchzte leise.
Joshua legte ihm tröstend einen Arm um die Schultern. „Aber nun ist sie frei.“

Wer wissen möchte, wie es weitergeht kann das in dem Roman RUF DER GEISTER

05. Aug. 2013 - Tanja Bern

Bereits veröffentlicht in:

RUF DER GEISTER
T. Bern
Roman - Mystery-Crime - Oldigor Verlag - Aug. 2013

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