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Akquisitor 3938
von Lydia Gschosmann

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
5 Beiträge / 61 Interviews / 20 Kurzgeschichten / 16 Galerie-Bilder vorhanden
Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Protokoll: Audit #52, Abteilung Seelenakquisition, Referenznummer 3938a

Beschwerde erfolgt durch Anonym: Verletzung von Paragraph 25, Absatz 3a der Kleidungs- und Erscheinungsvorschriften


Ja, bitte? Ach, der Kollege vom Auditionsbüro, stimmt ja, wir hatten einen Termin. Da habe ich doch fast die Zeit vergessen. Darf ich Ihnen etwas anbieten oder …? Gleich zum Geschäftlichen, ja, wie Sie möchten.

Meinen Tagesablauf wollen Sie wissen? Also da gibt es nichts Besonderes zu erzählen, 07:30 Uhr Weckruf, 08:00 Uhr morgendlicher Spießrutenlauf, Abteilung Faschisten – wissen Sie, ich war früher bei den Kreuzrittern, aber … ach? Sie auch? Ja, als Pendler ist mir das Hin und Her einfach zu viel geworden, die Strecke zwischen Höllenkreis zwei und sieben ist einfach unerträglich. Die halbe Zeit steckt man im Stau … da geht die Entspannung völlig verloren und das ist ja auch nicht der Sinn der Sache.

Also, Spießrutenlauf bis 09:00 Uhr und dann Sichtung der Anträge, Bearbeitung, Weiterleitung in andere Abteilungen wenn notwendig, Papierkram eben. Verzeihung, ich meine das natürlich nicht negativ, das hat schon alles seine Richtigkeit.
Jedenfalls geht das meist bis Mittag, inklusive Planung der Nachmittagsroute, je nach Aufwand, den ich für die einzelnen Aufträge erwarte. Man versucht ja effizient zu sein, im Schnitt sind es um die fünf bis sieben Kunden, die ich am Nachmittag betreue. Mir ist der persönliche Kontakt einfach sehr wichtig, gerade in der heutigen Zeit wo alles nur noch elektronisch abgehandelt wird. Eine gewisse Erwartungshaltung gibt es ja doch bei Geschäften mit unserer Firma, ich finde, das sollte man nicht enttäuschen. Wie? Nein, nein – nichts Außergewöhnliches. Wie Sie aus Ihren Akten wissen ist mein Standard-Dienstkörper sehr vielseitig einsetzbar, männlich, Mitte vierzig – der Klassiker. Dann sehe ich mir natürlich vorher an, welcher Stil für den jeweiligen Kunden vertrauenserweckend wirkt. Meist Anzug und Krawatte aber es gibt eine gewisse Tendenz zum Retro-Look – Roben, ein paar Kerzen, eine alte Pfauenfeder als Quill und sehr gute Resonanz bekomme ich für die klassische „Unterschrift-mit-Blut“-Aktion – alles im rechtlichen Rahmen natürlich.

Kundenbetreuung in etwa von 12:00 bis 17:00 Uhr, danach folgt organisatorisch-administrative Arbeit. Andere Kollegen delegieren die rechtlichen Aspekte gern, ich finde, man sollte sich immer selbst darum kümmern, dass die Verträge wasserdicht sind. Ich denke, meine Abschlüsse sprechen in dieser Hinsicht für sich …
Nein, da muss ich widersprechen! Diese Formfehler sind nicht mir unterlaufen, sondern dem Referat für Finanzleistungen, wenn Sie meine Unterlagen prüfen werden Sie feststellen, dass mein Antrag vollkommen korrekt ausgefüllt und abgestempelt wurde.
Entschuldigen Sie, ich weiß, deswegen sind Sie eigentlich nicht hier.
Nun gut, mein Arbeitstag endet gegen 19:00 Uhr, zur Hauptsaison oft später.

Freizeit? Also, ich bin ehrenamtlich im Arbeitskreis Patrizid tätig, da gibt es schon gemeinsame Unternehmungen. Ich bin auch leidenschaftlicher Dentismatiker. Das schönste Stück meiner Sammlung ist ein rechter Molar von Napoleon.
Das ist zwar eine etwas private Frage, aber bitte – nein, ich bin ledig.
Meine Methoden? Bei der Partnersuche oder … oh! Arbeitsmethoden, selbstverständlich!
Wie gesagt, ich finde den persönlichen Kundenkontakt sehr wichtig, dass man sich auch noch auf seine Klienten einstellen kann, weiß wo der Schuh drückt und solche Dinge – dieses Feingefühl geht heutzutage einfach verloren. Seele hier, volles Bankkonto da, bitte auf der Linie unterschreiben, drei Durchschläge, danke und auf Wiedersehen zur ewigen Verdammnis. Es ist schade, dass kaum noch jemand diese Dinge zu schätzen weiß – wenn mein Großvater sehen müsste, zu welcher Technokratie wir uns entwickelt … oh. Ich verstehe, natürlich. Ich fasse mich kurz.
Ich überprüfe bei jedem Kunden materiell-familiäre Verhältnisse sowie psychosoziale Umstände. Eine durchaus interessante Tätigkeit, wenn man sich für solche Hintergründe erwärmen kann. Es macht die Sache auch sehr viel einfacher – ein nettes Wort wirkt manchmal Wunder, genauso wie die Erwähnung eines Ex-Partners oder eines Chefs.
Mein persönlicher Geheimtipp ist die Kindheit, wenn man sich die genau ansieht findet man oft eine wahre Goldgrube an so genannten Triggern … Trigger, ich weiß gar nicht, ob Sie das kennen, das finde ich ein sehr interessantes Konzept … ach, Sie haben es nicht so mit den neuen Methoden? Das ist natürlich in Ordnung, ich persönlich finde sie sehr hilfreich. Sigmund hat ja da ganz neue Theorien aufgestellt seit er hier ist und seit wir uns ein Beispiel an den Zigarettenfirmen genommen haben läuft das Geschäft wie geschmiert.
Wie meinen Sie das? Unlauterer Wettbewerb … also ich bitte Sie, das ist doch quasi per definitionem eine unhaltbare Aussage in dieser Firma. Nein, nein, ich versichere Ihnen, dass das alles transparent und völlig regelkonform abläuft – Sie kennen meine Unterlagen. Alles genauestens dokumentiert.

Was heißt hier Qualitätsüberprüfung? Was …? Welche Fotos?
Was soll das jetzt? Sie sagten das hier wäre ein reguläres Audit-Gespräch. Wieso zeigen Sie mir diese Bilder … diese Person habe ich noch nie im Leben gesehen. Hübsches Mädchen, wenn man den Stil mag, dienstkleidungsrechtlich aber sehr bedenklich … ja, ja, jetzt wo Sie’s sagen, dienstkleidungsrechtlich natürlich unhaltbar.
Wie bitte?!
Natürlich bin das nicht ich auf den Fotos, Sie sehen doch … Nein, ich bin mir der Dienstkörpervorschriften bei Kundenvisiten sehr wohl bewusst. Solche dreckigen Mittel habe ich außerdem überhaupt nicht nötig.
Hören Sie, ich weiß nicht wie Sie auf diese hirnrissige Idee kommen, aber Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis mit Ihren Anschuldigungen. Was ich damit sagen will? Ich bitte Sie … nichts möchte ich damit sagen, rein gar nichts.
Nein, ich bin sogar ausgesprochen ruhig. Es wäre nicht das erste Mal, dass irgendein eifersüchtiger Kollege versuchen würde mich anzuschwärzen. Das ist Verleumdung, nichts anderes, und Sie leisten auch noch Beihilfe zu dieser Farce. Sie sollten sich schämen!
Der Dolch? Ich bitte Sie, Standard-Ausgabe, bekommt man an jeder Ecke – woher soll ich das wissen? Ich habe mit diesem Foto nichts zu tun! Ja! Ja, ich bin sicher! Ich werde dieses Gespräch jetzt beenden, ich habe weder Zeit noch … Wo haben Sie den her?
Aus … meinem …? Hah … Sie bluffen doch!
Nein … nein, ich meine … wie ich bereits zu Protokoll gegeben habe, bin ich Verfechter der modernen Akquisitionsmethoden, wie meine Kollegen verwende auch ich den genehmigten Requisitenschrank, aber das bedeutet nicht, dass ... dass …
Nun gut. Jetzt atmen wir beiden mal einen Moment durch.
Wir reden ja hier quasi aneinander vorbei.
Lassen Sie uns einfach wie zwei vernünftige Dämonen über die Sache sprechen. Fakten auf den Tisch: Sie haben absolut nichts gegen mich in der Hand. Meine Dokumentation ist einwandfrei, meine Quote wird monatlich nicht nur eingehalten, sondern auch übertroffen – ich bin führender Akquisitor, viermaliger Akquisitor des Monats, in meiner Pokerrunde sind drei Abteilungschefs vertreten und ohne mich geht dieser verdammte Laden sowieso den Bach runter. Wenn Sie auf diese Anschuldigungen bestehen machen Sie nicht nur sich selbst lächerlich, Sie gefährden die gesamte Abteilung!
Also jetzt werde ich Ihnen mal etwas sagen, Sie verklemmter Korinthenkacker: Sie sagen mir augenblicklich den Namen des verdammten Feuerteufels, der mich hier in Schwierigkeiten bringen will oder ich schwöre, Sie werden sich wünschen, nie einen Huf in den Tartarus gesetzt zu haben!
Was grinsen Sie so dämlich?
Es reicht! Diese Unterhaltung ist beendet. Raus aus meinem Büro! Raus sage ich!

Evaluierung: Verfahren wird eingeleitet, Subjekt ungeständig.

03. Aug. 2013 - Lydia Gschosmann

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