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Am Strand
von Karin Sorkalla

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Sie gingen zwischen den Heckenrosen entlang Richtung Stolteraa.
Die Sonne war lange untergegangen und tiefe Dunkelheit lag über dem Meer, das sie vorerst noch nicht sahen, dessen leises, gleichmäßiges Schlagen an den Strand aber fortwährend zu hören war.
Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt. Beim Gehen spürte er die sanfte Bewegung ihrer Hüfte. Manchmal beugte er sich zu ihr und küsste sie.
Sie schwieg die ganze Zeit. Sie ging zwar eng neben ihm, aber irgendwie hatte er den Eindruck, als wolle sie sich lösen, als hätte sie die unweigerliche Absicht, etwas zu beenden, was ja eigentlich noch gar nicht begonnen hatte.
Er hatte sie im „Atlantik“ gesehen, als sie etwas verloren zwischen den Tischen entlang gegangen war, als suche sie jemanden, der versprochen hatte zu kommen, und doch nicht gekommen war. Dann hatte sie den Saal verlassen und er war ihr gefolgt.
Sie ging nicht zum Strand hinunter, wie er angenommen hatte, sie verließ einfach die Promenade und ging, so vermutete er, ziellos in den Ort hinein.
Etwas an ihrer Art, wie sie den Kopf hielt, leicht gesenkt, irgendwie schüchtern, und wie sie sich bewegte, sanft, zögerlich, weckte in ihm den Beschützerinstinkt, er musste ihr einfach folgen.
„Sind Sie allein hier?“, hatte er sie schließlich gefragt, als sie nicht mehr umhin konnte, ihn zu bemerken.
„Ja,“ sagte sie, „völlig allein.“
Ihre Stimme hatte etwas merkwürdig Schlichtes, nichts Aggressives.
„Wollen wir ein Stück aus der Stadt hinausgehen?“
Ohne jede gekünstelte Ziererei hatte sie genickt.
Warum also, fragte er sich, wollte sie jetzt nicht mehr?
Als sich der Weg öffnete, gingen sie zwischen den mit Strandhafer bewachsenen Dünen hinunter zum Strand. Er zog seine Jacke aus. Sie setzten sich darauf. Der Sand war noch warm.
Langsam zog Nebel über dem Meer auf. Von Warnemünde her hörten sie diesen eigenartigen, dumpfen Ton des Nebelhorns, der in gleichmäßigen Abständen über das Wasser herüber strich.

Lange saßen sie und schwiegen. Je länger sie schwiegen, desto merkwürdigere Gedanken suchten ihn heim. Etwas schien nicht in Ordnung zu sein. Etwas war anders, als es hätte sein müssen, es war keine bemerkbare Abwehr, die von ihr ausging, aber es war auch keine Hinwendung zu ihm, kein Verlangen. Es war etwas, was außerhalb seiner Erfahrung lag, und das irritierte ihn.
Plötzlich sagte sie: „Ich bin so allein.“
Er legte seine Hand in ihren Schoß und mit der anderen Hand zog er ihr Gesicht zu sich heran. Ihre Wange lag an seinem Mund, und während er sie küsste und ihren zarten Duft einatmete, der ihn an Frühling und Maiglöckchen erinnerte, fragte er sanft: „Spürst du mich nicht?“
„Doch“, erwiderte sie, „ich spüre dich.“
Es schien ihm, dass sie nachgab, und drängender flüsterte er: „Und jetzt, wie ist es jetzt?“
„Ja“, sagte sie, „ja, ich spüre dich sehr ... aber ich bin so allein.“
Während er sie an sich drückte und küsste, nicht mehr nur auf die maiglöckchenduftende Wange, sondern tiefer, immer tiefer hinab, strömte dieser betörende Duft aus ihrer weichen, warmen Haut und sie flüsterte immer wieder: „Ja ...ja ...aber ich bin so allein ... so allein.“
Unentwegt rollten die flachen Wellen an den Strand. Obwohl sich kein Luftzug regte, wurde es kühler und kühler.

Gegen drei Uhr morgens tauchte in der Ferne die dunkle Silhouette der Fähre auf. Geisterhaft, lautlos glitt sie auf die Mole zu und plötzlich flammten ihre riesigen Scheinwerfer auf. Sie schwamm in den alten Strom hinein. Vorn, unterhalb des Kurhauses, saßen noch Pärchen in den Strandkörben. Sonst aber war der Strand leer und einsam. Nur das eintönige Nebelhorn drang weit über die Dünen hinaus, verlor sich irgendwo über dem dunklen leichtbewegten Wasser.
Es war kein Zufall, dass man ihn fand. Seit Tagen wurden mit dem ersten Morgenlicht die Strände im Umkreis von Warnemünde kontrolliert. Er war der fünfte in dieser Saison. Drüben, zwischen Hohe Düne und Markgrafenheide waren es drei gewesen, auf dieser Seite war er der zweite.
Was immer diese jungen Männer getötet hatte, feststellen ließ es sich nicht. Außer einem merkwürdigen Geruch nach Maiglöckchen, der ihren Sachen, ihren Haaren und ihrer Haut anhaftete, schien es nur ein allzu tiefer Schlaf zu sein, der sie umfangenhielt.

13. Nov. 2010 - Karin Sorkalla

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