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Agonie
von Tobias Peterka

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

SIEBEN VERLAG
A. Bionda
4 Beiträge / 26 Kurzgeschichten vorhanden
Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/
Eric Dwyer nahm die Sonnenbrille ab und massierte sich die Nasenwurzel.
„Wie lange dauert das Ganze noch?“, raunzte er in das Funkgerät, welches dicht unter seinem Kinn an der Uniform hing.
„Der Scheiß sieht stabil aus, Sir“, kam es knackend zurück. „Ich hab noch was draufgelegt.“
„Hmhm“, machte Dwyer, während er die Brille wegsteckte. Langsam ließ er den Blick über die Wüstenlandschaft schweifen. In unregelmäßigen Abständen ragten meterhohe Sandsteingebilde aus den Dünen und nahmen mit ihren Schatten der Szenerie etwas von der gleißenden Helligkeit.
Auch er befand sich zu Füßen eines großen Steinwürfels. Leider. Denn eigentlich sollte er schon seit dem Vormittag viele Meter unterhalb dieser Ruine sein, anstatt sich hier die Seele aus dem Leib zu schwitzen.
Er nahm einen Schluck Wasser aus einer Plastikflasche und zählte nervös seinen Trupp durch. Zum bestimmt fünfzigsten Mal – und immer noch standen die sechs martialisch wirkenden Soldaten in einem weiten Halbkreis um ihn herum. Der siebte GI war seiner Aufgabe entsprechend nicht zu sehen, doch Dwyer fixierte seufzend eine besonders exponierte Felsnadel.
„Tirado“, rief er in sein Funkgerät. „Kommen Sie da runter. Sie gehen gleich mit rein.“
Die Antwort kam mit einiger Verzögerung. „Aber Sir, die Sicherungsrichtlinie des Colonels …“
„Ich sagte, Sie gehen rein!“, fauchte Dwyer. „Soweit ich weiß stand in Ihrer Akte nichts von Platzangst.“
Ohne Antwort erschien eine staubige Gestalt auf dem Felsen und begann mit umgehängtem Sniper-Gewehr herunterzusteigen.
Dwyer grinste. Bei der Ehre konnte man diese Latinos immer packen. An die Tatsache, dass seine Befehle seit er im Irak angekommen war, immer wieder in Frage gestellt wurden, hatte er sich inzwischen gewöhnt. Schließlich war er nur ein Warrant-Officer – im Grunde nichts als ein ziviler Fachidiot, dessen Fähigkeiten die Army gut gebrauchen konnte.
Also befand er sich hier in der frischgebackenen Republik Irak. Eigentlich Privatdozent für altertümliche Sprachen und Religionen – nun in dem Genuss einer fürstlichen Tagesprämie, während die Army sein ziviles Gehalt gleich mit übernahm.
Während er betont lässig die Ankunft Tirados abwartete, trat ein drahtiger Mann mit aggressivem Kurzhaarschnitt von hinten an ihn heran.
„Sir, er hat aber Recht. Wir müssen mindestens einen Schützen auf der Lauer liegen haben.“
Dwyer wandte sich halb um und musterte den Soldaten. Sergeant Cook schien wie aus einem Werbefilm der Streitkräfte entsprungen. Kantiges Gesicht, eisblaue, stechende Augen und kein Gramm Fett an den Knochen. Lediglich die selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel war seit den Achtzigern schon nicht mehr politisch korrekt und die Angewohnheit, den Helm am Gürtel zu tragen, ebenfalls wenig vorbildlich.
„Alles klar“, kommentierte Dwyer, der im Grunde froh war, diesen erfahrenen Unteroffizier zur Seite zu haben. „Suchen Sie jemanden aus. Außer Tirado und Ihnen will ich aber noch Blooming und Gilette dabeihaben.“
Cook nickte und führte den Befehl aus. Dwyer fasste sich wieder an die Nasenwurzel und beugte sich zu seinem Funkgerät vor.
„Blooming, wie lange soll das denn noch …“, begann er, brach jedoch ab, als ein über und über mit Staub bedeckter Soldat aus einer unscheinbaren Felsspalte gerannt kam.
Der etwas klein geratene Mann grinste breit. „Das Ei ist gelegt, Sir. Wenn Sie wollen, kann ich den Laden jeden Moment in die Luft jagen.“
Dwyer verdrehte die Augen. Er hatte Bloomings Gequatsche von Anfang an nicht leiden können, aber auch wenig Lust, deshalb ein Fass aufzumachen. Schon morgen würde er mit dem Sprengstoffexperten nichts mehr zu tun haben.
„Gut gemacht“, meinte er. „Und der Zugang wird auch direkt begehbar sein?“
Blooming klopfte sich Staub von der Camouflage-Uniform und nickte. „Natürlich. Sonst wäre es deutlich schneller gegangen.“
Dwyer hob den Arm und rief seine Männer bis auf den neuen Ausguck zusammen.
Nacheinander deutete er auf Cook, Blooming, den inzwischen herangekommenen Tirado sowie Gilette, einen stämmigen Zwei-Meter-Mann, der eigentlich Galette hieß und den Spitznamen nur aufgrund seines pechschwarzen Vollbarts verpasst bekommen hatte.
„Ihr könnt euch über ein paar Stunden im Kühlen freuen“, verkündete Dwyer. „Der Rest hält hier draußen Ausschau nach den Alis.“
Er gab Blooming ein unzweideutiges Zeichen, worauf dieser den Zünder an seinem Gürtel betätigte.
Augenblicklich konnte man ein dumpfes Krachen aus der Felsspalte hören – gefolgt von einer gewaltigen Staubfontäne.
„Na endlich“, merkte Dwyer an und griff nach dem Handscheinwerfer, welchen Cook ihm hinhielt.
Er befestigte das faustgroße Ding oberhalb des Funkgerätes und wartete ungeduldig, bis sein Trupp es ihm gleich getan und der Staub sich etwas gelegt hatte.
Schließlich kletterte er in den Schacht hinab. Zunächst konnte man nur tanzende Partikel vor gähnender Schwärze ausmachen, doch nach einer annähernd senkrechten Rutschpartie fiel das Neonlicht auf fili-grane Bodenkacheln.
Dwyer ließ sich in den Korridor hinab und musterte anerkennend die Stelle, an der er noch am Morgen einen massiven Granitblock untersucht hatte. Nun klaffte ein fast kreisrundes Loch am Kopfende einer T-Kreuzung.
„Gute Arbeit, Blooming“, lobte Dwyer über die Schulter. Zielstrebig hielt er auf den Durchgang zu.
„Was ist hier rechts und links, Sir?“, wollte Cook hinter ihm wissen.
„Die offenen Gänge? Sie führen zu unbedeutenden Kult-Altären. Ein reines Ablenkungsmanöver.“
Dwyer deutete in den freigelegten Tunnel. Die tastenden Schulterstrahler der Soldaten rissen verschlungene Ornamente und Keilschriften aus der Dunkelheit.
„Das hier ist der wahre Sinn der Anlage! Nur von Eingeweihten zu finden.“
„Und unserem Geo-Scanner!“, ereiferte sich Blooming direkt hinter Cook.
Dwyer verzichtete auf eine Antwort und bewegte sich weiter den Gang entlang. Wenn die Sache stimmte, an der er hier dran war, winkte ihm nicht nur ein fester Lehrstuhl, sondern mindestens ein Coverfoto auf dem Time-Magazine. Selbst wenn die angebliche Funktion des Ziegels nur mythologisches Gefasel war. Er bemerkte, wie seine Hände feucht wurden und umklammerte das vor der Brust hängende M16 fester. Sollten diese Spinner vom Geheimdienst vielleicht doch Recht haben? Immerhin hatten sie innerhalb einer Besprechung alle Lücken geschlossen, an denen er in zehn Jahren Forschungsarbeit nicht vorbeigekommen war. Sogar die alte Geheimschrift der babylonischen Marduk-Priester hatten diese Kerle geknackt! Damit war Dwyer endlich in der Lage gewesen, scheinbar belanglosen Verzierungen den erhofften Sinn zu entlocken.
Und nichts anderes hatte er in den letzten paar Monaten getan.
Inzwischen war der Gang etwas breiter geworden. Die Luft war muffig, aber beinahe staubfrei.
„Und hier unten soll das echte Ischtar-Tor sein?“, fragte Cook misstrauisch.
Dwyer runzelte die Stirn. „Nein, das Tor selbst ist in einem Museum in Berlin.“
„Aha, die Nazis haben es sich geholt, was?“
Dieses Mal konnte Dwyer ein genervtes Schnauben nicht unterdrücken. „Nein, Cook, die Expedition war einige Jahrzehnte früher. Es steht einfach in einem Museum herum. Sie haben dort keine Ahnung, was …“ Er brach ab und leckte sich über die spröden Lippen.
„Von was haben sie keine Ahnung, Sir?“, hakte Cook nach.
„Dass ihnen noch etwas fehlt“, antwortete Dwyer hastig. „Archäologisch sind erst wir in der Lage, die Lücken zu schließen.“
Erleichtert hörte er ein gelangweiltes Brummen hinter sich. In Wahrheit suchten sie zwar durchaus einen Stein des berühmten Ischtar-Tores, jenes Monumentalbauwerkes des Neubabylonischen Reiches, doch hatte die Army sicher keine Hunderttausende von Dollars investiert, um simples Kulturgut zu bergen. Zumindest diese Jungs hielten die Schlüsselfunktion des Ziegelsteins für bare Münze.
Hauptsache er war ihm nun so nah wie nie zuvor! Schon ein halbes Dutzend Mal war er hier in der Nähe der Ruinen von Babylon gewesen. Zivil. Auch während der Herrschaft Saddams. Erst die Funde und die Entschlüsselung der Geheimsprache hatten ihn auf die richtige Fährte geführt.
Der Gang machte eine abrupte Rechtskurve und Dwyer stand direkt vor einem stilisierten Drachenkopf mit aufgesperrtem Rachen. Allerhand andere Fabelwesen bildeten den Rahmen des tiefschwarzen Reliefs. Dwyer holte tief Luft. Zu seinem Ärger bemerkte er Schweiß auf seiner Stirn. Kurz nachdem sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten, vernahm er Tirados unverkennbaren Akzent.
„Was war das für ein Ding? Eine Schlange?“
„Das“, dozierte Dwyer in die zuckenden Lichtstrahlen hinter sich hinein, „war der Gott Marduk in seiner Drachengestalt. Gleichzeitig Vernichter und Erhalter allen Lebens.“
Tirado gab einen abfälligen Kommentar auf Spanisch ab und Blooming lachte schrill.
„Was für ein Scheiß!“
„Wenn das nur ein Scheiß ist, haben sich die alten Babylonier aber trotzdem ziemlich ins Zeug gelegt“, kommentierte Dwyer verärgert und ließ seinen Lichtstrahl hierhin und dorthin gleiten.
Der Gang war in eine Art Brücke übergegangen, unter welcher sich gähnende Leere erstreckte. Auch die Decke war weit nach oben gewichen. Nur ganz entfernt konnte man erahnen, dass ihr Weg sie wieder in den eigentlichen Fels hineinführen würde.
„Santa Maria“, murmelte Tirado, „was für ein Teufelswerk!“
Etwa im Abstand von jeweils einem Meter war die Brücke von Zierpfeilern gesäumt. Sie bestanden aus poliertem Sandstein und zeigten Figuren aus der persischen und babylonischen Mythologie. Auf halbem Weg ragte zusätzlich ein überdimensionaler, mensch-licher Kopf aus der bodenlosen Dunkelheit.
„Beeindruckend“, raunte Dwyer und näherte sich dem Priesterkopf. Er wies die typischen Mandelaugen sowie den langen Kinnbart der Babylonier auf. Lediglich der groteske, gemeißelte Helm passte ganz und gar nicht. Mit seiner Krempe und der ausladenden Nackenpartie ähnelte er vielmehr einem japanischen Samuraihelm aus der frühen Neuzeit. Auf seiner Stirnpartie befanden sich Keilschriftzeichen. Es handelte sich um die herkömmliche babylonische Sprache. Konzentriert übersetzte Dwyer im Stillen.

Das Schloss liegt hier im Herz der Erde.
Fern dem Tor und auch dem Schlüssel.
Nur geweihte Hand kann es erreichen, denn
ein gekröntes Haupt verkehrte seinen Sinn.
Kehre um, wenn dein Geist nicht bereit und von klarem Trachten,
denn nichts als Agonie wirst du finden auf den Ebenen von Ereshkigal.



Dwyer schürzte die Lippen. Er hatte eine ähnliche Formulierung erwartet. Auch andere Quellen hatten eine Art Fluch erwähnt, die den Schloss-Stein sowie den andernorts versteckten Schlüssel schützen sollten.
Das gekrönte Haupt musste der letzte neubabylonische König gewesen sein, der den Marduk-Priestern ihre Privilegien nehmen wollte. Zum Dank verrieten ihn diese an die Perser, wodurch Babylon erneut unterging. Jedoch hatten sie den Befreiern nicht so weit getraut, Schloss und Schlüssel des Ischtar-Tores auszuhändigen. Beruhte doch der Aufstieg des neuen Babylon vom Vasallenstaat zur Großmacht Legenden zufolge auf mythischen Kreaturen von den Ebenen der Totenwelt Ereshkigal. Und das Ischtar-Tor war nach den Befreiungskriegen als die erste ständige Passage dorthin errichtet worden.
Dwyer hatte ein merkwürdiges Gefühl bei dem Gedanken, dass die Army wirklich solchen Märchen hinterher jagte.
„Was steht da?“, wollte der bärtige Gilette wissen, der in dem zuckenden Licht der fünf Schulterstrahler mehr wie ein Quaida-Kämpfer als ein US-Soldat wirkte.
„Nichts weiter“, antwortete Dwyer. „Nur die übliche Fluchdrohung wie sie von den Inkas bis zu den Chinesen zum Guten Ton gehört.“
Tirado horchte auf. „Inkas? Meinen Sie es gibt hier unten Gold, Sir?“
Dwyer verzog das Gesicht. Hier ging es wirklich um etwas anderes. „Nein. Babylonische Kultstätten sind mit anderen Dingen verziert. Zum Beispiel Mosaiken, Keramiken, Edelsteinen …“ Grinsend beobachtete er, wie sich die dunklen Augen des Latinos weiteten. „Los jetzt“, kommandierte er prompt, „je eher wir das Ding haben, desto schneller sind wir wieder im Camp.“
Sie überquerten die Brücke und betraten einen neuerlichen Felsengang, der merklich in die Tiefe führte.
„Was soll das für ein Fluch sein, Sir?“, kam Cooks grobe Stimme von hinten. „Doch nicht etwa die Zehrer?“
Erstaunt wurde Dwyer langsamer und wandte leicht den Kopf. Woher wusste denn Cook von den Edimmu, den Verzehrern von Geist und Verstand?
„Doch, das wird angedeutet“, antwortete er geradeheraus. „Ist natürlich nur eine Metapher, die Kultstätte nicht zu schänden.“
„Ich wollte schon immer mal Vampire erledigen, Sir!“, lachte Blooming, während Cook nur konzentriert nach vorne in die Dunkelheit starrte.
Dwyer drehte sich abrupt um und setze seinen Weg fort. Er hatte keine Lust mehr auf dieses Geschwätz. Bald würde er den Schloss-Ziegel in den Händen halten und musste sich nicht mehr mit diesen Hohlköpfen herumschlagen.
Der Gang, dem der kleine Trupp nun folgte, war völlig unverziert und offensichtlich in großer Eile aus dem Fels geschlagen. Selbst die Breite variierte von Zeit zu Zeit deutlich. Schließlich endete der sachte Abstieg in einer von filigranen Säulen getragenen Halle. Das ganze Gewölbe war einige Handbreit mit Wasser gefüllt, was Tirado zu einem spanischen Fluch hinriss. Doch die zuckenden Suchscheinwerfer fielen noch auf etwas anderes.
„Edelsteine!“, rief der Latino. „Rubine und Smaragde!“
Dwyer kniff ungläubig die Augen zusammen. Tatsächlich waren die schmalen Säulen über und über mit funkelnden Steinen besetzt. Dies war entgegen seines vorherigen Witzes völlig untypisch.
Tirado stürmte tiefer in die Halle hinein und watete zu der nächstbesten Säule.
„Private, kommen Sie da weg!“, rief Dwyer, doch der Angesprochene begann schon mit seinem Messer an den Steinen herumzuhebeln.
„Tirado!“, hob nun auch Cook an. „Wir sind keine Grabräuber. Lassen Sie das!“
Als Antwort kam das Geräusch eines durchgeladenen Magazins aus dem Halbdunkel. Tirados Scheinwerfer sprang zwischen Cook und Dwyer hin und her.
„Warum sollte ich? Mit dem Geld kann ich meiner Familie ein Haus bauen!“
Die Lichtstrahlen der vier anderen waren jetzt alle auf Tirados Gesicht gerichtet.
„Scheiße, Tirado, das ist illegal. Sie bekommen doch schon den Missionszuschlag“, versuchte es Dwyer, während er langsam die Hand um den Kolben seines M16 legte.
„Sie halten jetzt vor allem die Schnauze!“, kam die Antwort. „Sie sind ja nicht mal ein richtiger Soldat. Überbezahlt und in den Himmel befördert, das sind Sie!“
Geistesgegenwärtig bemerkte Dwyer die Bewegung vor Tirados Brust und kam dem Verrücktgewordenen zuvor. Mit für ihn selbst überraschender Sicherheit jagte er Tirado einen Feuerstoß in den Körper. Auf diese Entfernung half auch die Kugelfangweste nichts.
Ohne einen Ton klatschte der Tote in das seichte Wasser. Betretenes Schweigen folgte.
„Sie haben doch gesehen, dass er auf mich angelegt hat“, wandte sich Dwyer an Cook. Er hatte zu schwitzen begonnen. Noch nie hatte er auf einen Menschen schießen müssen.
Cook starrte seinen Vorgesetzten mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck an. „Ja, das hat er, Sir. Wir sollten die Sache aber vorerst abbrechen. Dieser Stein läuft uns nicht weg.“
Dwyer schüttelte den Kopf. „Nein! Nachts ist das Trümmerfeld zu unsicher und das Gangsystem nun offen. Die Quaida könnte vor uns hier herumschnüffeln.“
Bei diesem Satz zuckte Gilette zusammen. Dwyer sah auf und bemerkte, wie der Blick des Bärtigen hin und her irrte. Kurz bevor er ihn darauf ansprechen konnte, hob Gilette sein Gewehr.
„Ihr wisst es, oder?“, platzte es aus dem Soldaten heraus. „Dann kann ich euch hier nicht mehr rauslassen. Ich stecke da zu tief drin!“
„Was soll das?“, brüllte Dwyer. War denn jetzt jeder verrückt geworden?
Gilette presste die wulstigen Lippen zusammen. „Sie haben mir viel geboten, um dieses ketzerische Ding nicht in eure Hände fallen zu lassen. Jetzt muss es eben so gehen.“
Dwyers Augen gingen über. Gilette sah nicht nur so aus wie ein Gihadist, er hatte sich tatsächlich von ihnen kaufen lassen. „Moment, Moment. Ich hätte da vielleicht eine Lösung“, begann er und hob beschwichtigend den linken Arm.
Den kurzen Augenblick, in dem Gilette ihn fragend ansah, nutzte er um aus der Hüfte den Rest seines Magazins auf den stämmigen Mann abzufeuern. Gilette sank mit einem Gurgeln auf die Knie und klappte zur Seite.
Dwyer lud nach und schüttelte bedauernd den Kopf. Schließlich musterte er Cook und Blooming, die wie angewurzelt am Eingang der Halle standen. Kurz zog er in Betracht, mit diesen seine Suche fortzusetzen, als Blooming schreiend den Gang hinauf rannte.
„Verflucht! Cook, holen Sie ihn zurück! Ich bleibe bei den armen Kerlen hier.“
Doch Cook warf nur einen Blick über die Schulter und grinste dann. „Nein, Freundchen. Meinst du, ich habe dich nicht langsam durchschaut? Willst dir hier unten Lorbeeren verdienen, die eigentlich mir gehören sollten.“ Cook spuckte seine Zigarette in das Wasser. „Ich habe nämlich auch über diesen Stein gelesen, weißt du? Angeblich verleiht er jedem der ihn findet ewige Jugend.“
„Das ist doch Quatsch!“, rief Dwyer. „Einen Dreck haben Sie gelesen, Cook. Sie wissen gar nicht, worum es hier geht. Geben Sie mir Ihre Waffe!“
Doch der Sergeant hob wortlos sein M16. Augenblicklich hechtete Dwyer hinter die Säule, vor der Tirado lag. Funkensprühend schlugen die Projektile in den behauenen Fels. Dwyer keuchte und schaltete seinen Scheinwerfer ab. Anhand des tanzenden Lichtstrahls konnte er ausmachen, dass Cook die Säule von rechts umrunden wollte und gab im Liegen einige Schüsse in die ungefähre Richtung ab.
Brüllend verschwand der Lichtstrahl und wurde zu einem trüben, grünlichen Glimmen, als Cook mit dem Gesicht nach unten im Wasser landete.
Dwyer erhob sich. Was ging hier vor? Er schaltete sein Licht wieder ein und begann, zurück nach oben zu laufen.
Nach zwei Minuten in dem aufsteigenden Gang verspürte er heftiges Seitenstechen. Er war solche Anstrengungen nicht gewohnt. Als er die Brücke erreicht hatte, löste sein Lichtstrahl eine geduckte Gestalt aus der Dunkelheit.
Es war Blooming, der sich an seinem auf der Brücke liegenden Rucksack zu schaffen machte.
„Blooming, was tun Sie da?“, fuhr ihn Dwyer an.
Der drahtige Soldat sah auf und grinste. „Ich jage den ganzen Laden in die Luft! Und wenn ich dabei mit draufgehe!“
„Finger weg!“, schrie Dwyer.
Als er in Bloomings Händen eine grüne Leuchtdiode aufblitzen sah, drückte er ab. Während er schoss, stürmte er über die Brücke auf den Verrücktgewordenen zu, doch die Explosion blieb aus. Blooming lag blutüberströmt auf dem verzierten Boden.
Dwyer stieg über ihn hinweg und stürmte Richtung Ausgang. Vielleicht war an dem Fluch doch mehr dran gewesen als gedacht! Das war jedenfalls nicht normal.
Vor der Felsspalte empfing ihn gleißende Helligkeit. Von den Wachen war nichts zu sehen. Dafür stand ein durchnässter Cook wenige Meter vor ihm. Der Soldat hatte ein hämisches Grinsen auf den Zügen und schoss ohne Vorwarnung. Dwyer schrie mehr vor Schreck als vor Schmerz, als er in den Oberschenkel getroffen wurde. Im Fallen gab er noch eine Garbe auf Cook ab.
Anscheinend hatte er getroffen, denn als er sich herumwälzte, lag Cook reglos im Sand. Wie war er überhaupt so schnell herausgekommen? Und hatte er ihn nicht schon unten erwischt gehabt?
Stöhnend hielt sich Dwyer die heftig blutende Wunde. Augenblicke später wurde er bewusstlos.

Er erwachte von regelmäßigem Piepsen. Alles um ihn schien weiß und grau zu sein. Nach einigen Augenblicken gewahrte er, dass er auf einer Trage in einem Sanitätsfahrzeug festgeschnallt war. Vor der halboffenen Hecktür standen zwei Sanitäter und rauchten.
„Ich sage dir, die ganze Scheiße hier bringt uns noch alle ins Grab“, raunte der eine und machte eine Kopfbewegung in Dwyers Richtung. „Der Kerl ist da unten vollkommen durchgedreht und hat sein ganzes Team erschossen. Bis auf einen alle in den Rücken! Bei den Wachen draußen wollte er dann weitermachen, hat jedoch nur einen überrumpeln können, bevor er niedergeschossen wurde, der Drecksack!“
Dwyer erbleichte und sank auf das Kissen zurück. Er versuchte sich zu erinnern, doch da gab es absolut nichts mehr.

26. Okt. 2010 - Tobias Peterka

Bereits veröffentlicht in:

DAS HERZ DER DUNKELHEIT
M. Campbell (Hrsg.)
Anthologie - Phantastische Geschichten - Sieben Verlag - Dez. 2008

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