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Der Ruf der Stille
von Claudia Hornung

Joran Elane Joran Elane
© http://www.glenvore-art.com
Sie hatten sie gewarnt, den Wald zu betreten. Alle im Dorf. Auch Maeg, die alte Heilerin, aber jetzt war Maeg verschwunden.
Drei Tage und Nächte hatte Damaris auf ihre Rückkehr gehofft und gewartet. Vergeblich. Dann stand ihr Entschluss fest. Sie würde Maeg suchen gehen. Ohne deren Schutz war sie den gierigen Blicken des Dorfpöbels hilflos ausgeliefert. Das, was sie im Wald erwartete, konnte kaum schlimmer sein.
Im Morgengrauen, noch bevor der erste Hahn krähte, schlich sie vorbei an den armseligen Hütten in Richtung des düsteren Waldes. Über die brach liegenden Felder tanzten feine Nebelschleier und fröstelnd zog Damaris ihr wollenes Tuch enger um die Schultern. Warum konnte nicht einfach die Sonne durchbrechen und Maeg ihr entgegenkommen, ein Lächeln auf den faltigen Lippen und ihren Korb voller Kräuter in den Händen? Aber Damaris wusste, das war reine Illusion. Zum einen verirrte Maeg sich nicht im Wald, auch wenn sie mitunter sehr alt und gebrechlich schien. Zum anderen hatte sie den Korb gar nicht dabei. Er stand unberührt neben dem erloschenen Herdfeuer in ihrer Kate. Damaris selbst hatte ihn dort vor drei Tagen gefunden, als Maeg verschwunden war. Und sie hatte sofort geahnt, dass etwas nicht in Ordnung war. Die seltsame Stille, die nicht nur in Maegs verlassener Kate spürbar war, sondern wie ein Hauch über der ganzen Gegend lag, wies ebenso darauf hin wie das mulmige Gefühl in ihrem Magen, das seit drei Tagen nicht wieder abklingen wollte. Es war etwas geschehen. Etwas, das Maeg veranlasst hatte, tief hinein in den Wald zu gehen ...

Mittlerweile hatte Damaris den Rand des Waldes erreicht. Dicht gedrängt standen die alten Eichen und reckten ihre knorrigen Äste in den Morgenhimmel. Nur selten durchbrach ein wilder Hasel- oder Brombeerstrauch die Reihe.
Unschlüssig blickte Damaris sich um. Nirgends ein Hinweis, dass Maeg hier vorbeigekommen war. Und doch, sie wusste es, tief in ihrem Innern, dass sie auf dem richtigen Weg war. Zögernd bog sie ein paar dornige Zweige beiseite und betrat den versteckten Pfad, auf dem sie Maeg noch nie weiter als ein paar Schritte gefolgt war.
„Warte hier“, hatte die Alte immer mit gütiger Stimme gesagt. „Ich bin gleich zurück.“
Und Damaris hatte gewartet, bis sie zurückgekehrt war, mit seltenen Pilzen oder duftenden Kräutern, deren Namen so sonderbar waren, dass sie sich keinen davon gemerkt hatte.
Jetzt war sie auf sich allein gestellt. Jetzt würde sich zeigen, ob ihr mehr bestimmt war, als Ziegen zu hüten und einem nach Schweiß stinkenden Grobian Kinder zu gebären. Die alte Heilerin hatte das geglaubt. „Eines Tages wirst du meinen Platz einnehmen“, hatte sie manchmal gesagt und ihrer jungen Begleiterin sacht auf die Stirn getippt. Was das bedeuten sollte, danach hatte Damaris sich nie zu fragen getraut.
„Maeg, bist du hier?“, flüsterte sie, blieb stehen und lauschte in die Düsternis ringsum. „Maeg?“
Nichts rührte sich. Kein Tier strich knacksend durchs Unterholz, kein Käuzchen schrie. Es war, als hielte der Wald den Atem an und wartete. Worauf?
Damaris ging langsam weiter, setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. Der weiche Waldboden verschluckte ihre Schritte, so dass sie kaum ein Geräusch verursachten. Wieder spürte sie die seltsame Stille, der Druck in ihrem Magen wurde stärker, aber es war nichts, was ihr Furcht einflößte. Im Gegenteil. Je tiefer sie in den Wald vordrang, umso ruhiger wurde sie. Hier war etwas. Etwas, das da war, weil es hierher gehörte, vielleicht seit Anbeginn der Zeiten. Aber es wollte ihr nichts Böses. Ihr nicht. Und Maeg?
Es wurde wärmer, ein sanfter Wind strich durch die Bäume und Damaris fiel auf, dass der Wald sich zu lichten begann. Die Düsternis schwand, als würde sie sich zurückziehen und den Weg freigeben ins Herz des Waldes. Moos leuchtete in sattem Grün von den Stämmen und die Luft roch frisch und süß. Kurz darauf erreichte Damaris die Lichtung.
In ihrer Mitte stand eine Weide von wahrlich gewaltigen Ausmaßen. Ringsum blühten farbenprächtige Wildblumen, Schmetterlinge flatterten durch das hohe Gras, hier und da eine zartgliedrige Libelle, und über allem wölbte sich ein tiefblauer Himmel, als sei es noch früh im Sommer und nicht längst Herbst. Damaris stand wie gebannt. An welchen geheimnisvollen Ort war sie hier gelangt?
Bei der Weide bewegte sich etwas. Eine Gestalt erhob sich und kam auf sie zu. Maeg.
„Endlich“, sagte sie und ihre Augen strahlten wie die eines glücklichen Kindes. „Endlich bist du da …“
Der winzige Leberfleck auf ihrer Stirn schien gewachsen zu sein, er hatte fast die Größe einer kleinen Münze erreicht und schimmerte in hellem Goldbraun. Und da - pulsierte da nicht etwas darin? Ein dunkler Punkt, der zuvor nicht da gewesen war?
„Ich habe dich gesucht“, flüsterte Damaris verwirrt. „Aber ich wusste nicht, ob …?“
„Du hast das Richtige getan.“ Maeg legte ihr liebevoll die Hand auf den Arm. „Ich hatte gehofft, du würdest mir folgen. Aber ich durfte dir den Weg nicht zeigen, du musstest ihn allein finden.“
Eine Ahnung stieg in Damaris auf. „Maeg …?“
„Nein, frag nicht, bitte! Komm mit, ich zeige es dir.“
„Zeigen? Was?“
Die alte Heilerin antwortete nicht. Mit raschen Schritten eilte sie davon und Damaris blieb nichts anderes übrig, als ihr in die Mitte der Lichtung zu folgen, wo Maeg sich bückte und die herunterhängenden Weidenzweige beiseite schob, so dass sie durchschlüpfen konnten.
Tiefe Stille umfing sie. Der mächtige Stamm vor ihnen war übersät mit runenartigen Zeichen.
„Oh“, hauchte Damaris voll Staunen.
Maeg lächelte. Zärtlich streichelten ihre faltigen Hände über die Rinde und leise murmelte sie fremdartige Koseworte, die Damaris nie zuvor vernommen hatte.
Der Stamm bewegte sich. Es war, als tanzten die Runen über seine Rinde, drängten auseinander, fügten sich wieder zusammen, ordneten sich neu. Maeg begann zu singen, eine Melodie, die tief aus ihrem Inneren zu kommen schien, raue, kehlige Töne. Unablässig liebkosten ihre Hände den Baum, der sich hingab, als sei er ein Jüngling – und dann öffnete sich die Rinde und vor ihnen stand tatsächlich ein Mann.
Erschrocken presste Damaris die Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien.
Er sprach kein Wort, der Mann aus der Weide, und doch war es Damaris, als könnte sie ihn verstehen. Als könnte sie ihn hören, tief in sich. Seine dunkle Stimme ließ ihren Körper vibrieren und seine Augen gaben sie nicht frei, bis er sicher war, dass sie seine Botschaft verstanden hatte.
Auf ihrer Stirn kribbelte es und als sie die Hand hob, fühlte sie das geheimnisvolle Muttermal direkt über der Nasenwurzel. Also hatte Maeg Recht gehabt. Sie hatte es auch, dieses Zeichen, selbst wenn es bisher nicht sichtbar gewesen war. Vielleicht hatte sie erst hierher finden müssen, allein durch den Wald, zu diesem Ort, zu diesem Baum.
Der Mann aus der Weide starrte sie unverwandt an.
Und Damaris verstand. Dieser Wald war wie ein Spiegel. Wenn die Welt da draußen ihn für finstere Zwecke missbrauchen wollte, die Menschen diese Stätte der Stille mit bösen Absichten aufsuchten, dann erwartete sie hier Unheil und Verderben. Wer den Wald dagegen demütig und reinen Herzens betrat, so wie sie es getan hatte, dem begegnete die Stille wie einem lange vermissten Freund. Damaris würde hier jede Hilfe bekommen, die sie benötigte. Die Weisheit von Jahrtausenden war hier zugänglich für all jene, die bereit waren, dem Ruf der Stille zu folgen und zu lauschen.
„Ich muss gehen, Damaris“, sagte Maeg und eine feine Trauer lag in ihren Zügen. „Wirst du meinen Platz einnehmen? Das Dorf braucht eine kundige Heilerin.“
„Ja, aber …“, flüsterte Damaris, noch wie benommen.
„Wirst du diesen Wald und all seine Wesen hüten und vor Unheil bewahren? Und mir eines Tages folgen, wenn auch deine Zeit gekommen ist?“
„Bitte geh nicht!“ Damaris spürte, wie ihr die Tränen heiß über die Wangen liefen.
„Ich muss, mein Kind. Meine Zeit auf dieser Welt ist abgelaufen.“
„Aber ich brauche dich! Und die Menschen im Dorf, was ist, wenn jemand krank wird oder …“
„Damaris“, sagte Maeg ruhig. „Das ist jetzt deine Aufgabe. Hör auf die Stimme in deinem Innern und du wirst wissen, was zu tun ist. Vertrau ihr, wie ich es getan habe.“
Damaris spürte ein leises Pochen, als Maeg sich vorbeugte und sie behutsam auf die Stirn küsste. „Hab keine Angst. Wir sind auf ewig verbunden und immer, wenn du den Wald betrittst und seine Stille fühlst, bin ich bei dir.“
Der Mann aus der Weide nickte leicht, als wollte er Maegs Worte bestätigen, dann zog er die Heilerin in seine Arme und hielt sie eng umschlungen, während die Rinde des Baumes sich langsam um ihre Körper schloss. Das letzte, was Damaris sah, war Maegs Gesicht, entspannt und friedlich, vielleicht eine Spur von Wehmut in den offenen Augen, aber da war Damaris nicht einmal sicher. Dann waren beide verschwunden.
Damaris presste die Hände gegen den rauen Stamm. Die eingeritzten Runen gaben noch einen Rest Wärme ab, als wollten sie ihr zum Abschied Trost spenden. Ein leichter Wind kam auf und einige Weidenzweige strichen ihr sanft über den Rücken. Geh jetzt, flüsterte es hinter ihr, es ist Zeit.
Ja, es war Zeit zurückzukehren. Im Dorf wartete eine neue Aufgabe auf sie. Damaris wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und wandte sich um. Stumm verließ sie die Lichtung mit den betörend duftenden Wildblumen, den unzähligen Schmetterlingen und dem geheimnisvollen Baum. Die Stille begleitete sie bis zum Waldrand.
Dort hielt Damaris einen Augenblick inne und betrachtete den schmutziggrauen Regenhimmel. Am Horizont stieg vereinzelt Rauch auf, in den Hütten des Dorfes wurde gekocht. Damaris holte tief Luft. Dann ging sie weiter, Schritt für Schritt, hinaus in ihr neues Leben. Der Wald blieb hinter ihr zurück, düster und schweigend.

15. Sep. 2010 - Claudia Hornung

Bereits veröffentlicht in:

IM BANN DES NACHTWALDES
F. Woitkowski (Hrsg.)
Anthologie - Fantasy - Lerato-Verlag - Mar. 2007

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