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Das Haus in der Baxter Road
von Claudia Hornung

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

SIEBEN VERLAG
A. Bionda
4 Beiträge / 26 Kurzgeschichten vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Hinter den staubblinden Fenstern regte sich nichts. Unschlüssig scharrte Timmy mit der Schuhspitze über den brüchigen Asphalt. Sollte er ihr nachgehen?
„Cathie?“, rief er halblaut.
Das Haus gefiel ihm nicht. Alle Häuser in dieser heruntergekommenen Gegend gefielen ihm nicht. Aber Baxter Road 29 war besonders unheimlich. Der Garten wild und voll wuchernden Unkrauts, die Luft süß und schwer vom Geruch faulender Äpfel. Mit Abscheu betrachtete Timmy die Brombeerhecke, auf der sich Käfer und Maden tummelten. Das Grundstück war ein Paradies für Insekten. Im Haus wimmelte es bestimmt davon.
Timmy schüttelte sich. „Cathie?“, rief er erneut.
Was machte sie bloß da drin? Es war nicht das erste Mal, dass er ihr bis hierher gefolgt war. Es war auch nicht das erste Mal, dass er am Zaun stand und wartete, bis sie wieder auftauchte, plötzlich im hohen Gras, und ihn anfauchte, die grünen Augen dunkel vor Wut.
„Oh, warum musst du nur so eine Klette sein, Timothy Reilly?“
Er mochte es nicht, wenn sie wütend auf ihn war, und noch weniger, wenn sie ihn „Timothy Reilly“ nannte, denn dann war sie wirklich sehr wütend auf ihn. Aber am allerwenigsten mochte er es, wenn sie im Haus in der Baxter Road verschwand und nicht wieder auftauchte. So wie heute.
Er warf einen ängstlichen Blick zum Himmel, der noch blau war. Einige Wolken hingen im Westen, wo die Sonne vor einer Weile untergegangen war. Es war längst Zeit zum Abendessen. Sie würden Ärger bekommen, wenn sie nicht bald zuhause eintrudelten. Timmy wollte nicht länger warten.
„Cathie!“ Beinahe hätte er mit dem Fuß aufgestampft, aber Mum sagte immer, das täten nur Kleinkinder, und er war doch schon fast neun. Trotzdem, im Augenblick fühlte er sich so hilflos, dass er am liebsten geheult hätte. „Cathie, komm da raus, oder … oder …“
Seine Stimme kiekste verräterisch. Am Ellenbogen hatte er zwei Mückenstiche, die höllisch juckten und Hunger hatte er auch. Manchmal wünschte er sich, keine große Schwester zu haben. Cathie, die so hübsch und nett war, dass alle sie gern mochten und die ihm abends im Bett Gruselgeschichten zuflüsterte, bis er vor Angst fast verging. Cathie, die fand, dass nur böse Jungs wirklich sexy waren. Cathie, die in diesen grässlichen Garten geklettert und in diesem unheimlichen Haus verschwunden war. Er hasste sie. Ja, das tat er wirklich. Timmy seufzte aus tiefstem Herzen. Dann schob er das morsche Brett vor sich zur Seite und betrat das Grundstück.

Das Gras reichte ihm bis an die Brust. Mit beiden Händen teilte er es und strebte hastig vorwärts. Rufen traute er sich nicht mehr. Eine beklemmende Stille umfing ihn, je näher er dem Haus kam. Das Summen und Brummen der Insekten verstummte in seinem Rücken, als beträte er eine andere, lautlose Welt, in der … Geräusche von lebenden Wesen nicht erwünscht waren.
Timmy erstarrte. Verhielt mitten im Schritt. Der Gedanke, der ihm gerade durch den Kopf geschossen war, klang wie eine Botschaft. Eine Warnung. Aber … seine Schwester war da drin. Cathie.
Also ging er weiter. Zögernd, stockend, mit angehaltenem Atem. Hin und wieder sah er sich um, aber da war nichts, außer dem hohen Gras, dessen vertrocknete, gelb gefärbte Spitzen sacht im Wind wippten.
Die Veranda tauchte so unvermittelt vor ihm auf, dass er fast dagegen geprallt wäre. Drei Stufen einer hölzernen Treppe führten hinauf. Misstrauisch musterte Timmy die schiefen Bohlen, das zersplitterte Holz der Fensterläden, das Gerümpel in den Ecken. Dann fiel sein Blick auf die Tür. Sie war nur angelehnt. Als er die Hand nach dem rostigen Knauf ausstreckte, durchzuckte ihn das untrügliche Gefühl, den größten Fehler seines Lebens zu machen.
Wenn du etwas Verbotenes tust, dann kribbelt es, hatte Cathie einmal gesagt. Nachdem Timmy das unheimliche Haus betreten hatte, wusste er, was sie meinte. Es hörte gar nicht mehr auf zu kribbeln. Staub und Spinnweben klebten auf seiner Haut, das Haar im Nacken war schweißnass, obwohl er fröstelte. Es war kühl hier drinnen. Zu kühl für seinen Geschmack. Die Wärme des Spätsommerabends drang nicht über die Schwelle, obwohl er die Tür weit offen gelassen hatte. Die Räume im Erdgeschoss waren leer. Keine Spur von Cathie. Keine Spur von irgendjemandem. Keine Spur von … überhaupt nichts. Und genau das war das Seltsame.
Etwas hätte da sein müssen. Ein vergessenes Möbelstück, das die früheren Besitzer hier zurückgelassen hatten – die Veranda war doch voll davon. Oder ein Kaugummipapier, oder eine von Cathies Haarspangen, die sie ständig überall verlor. Einfach … irgendwas. Aber da war nichts. Nicht einmal ein Geruch, der ihm etwas über das Haus verraten hätte.
Das Knarren der Verandatür ließ ihn herumfahren. Mit weit aufgerissenen Augen sah er sie zuschwingen, dann fiel sie ins Schloss. Timmy fühlte sich wie gelähmt. Doch dann spürte er den Luftzug im Nacken. Hörte die Schritte über sich, das leise Gemurmel. Jemand kicherte. Cathie! Sie war oben, im ersten Stock und musste ein Fenster geöffnet haben.
Timmy wandte den Kopf und lauschte, aber jetzt war nichts mehr zu hören. War sie nicht allein? Traf sie sich hier vielleicht mit Sean? Mum hatte ihr verboten, ihn zu treffen, weil Sean rauchte und schlecht in der Schule war, aber Cathie kümmerte nicht immer, was Mum sagte. Sean war schon der dritte oder vierte von ihren Freunden, den Mum nicht ausstehen konnte.
Timmy ging in den Flur und hielt am Fuß der Treppe inne. Düster ragten die Stufen vor ihm auf. Er wusste nicht, was er tun sollte. Stand da, mit zitternden Knien. Wartete. Hoffte inständig, dass Cathie jetzt einfach herunterkam und mit ihm nach Hause ging. Alles würde gut sein, wenn sie nur endlich dieses Haus und dieses Grundstück verlassen würden. Sekunden vergingen, nichts geschah. Die Kehle wurde ihm eng, aber trotzig presste er die Lippen zusammen. Nein, er würde nicht weinen. Nicht jetzt. Nicht hier.
Schritt für Schritt schob er sich nach oben. Wieder hörte er jemanden sprechen, eine Stimme, die ihm unbekannt war, aber dann – Cathies Lachen. Es wies ihm den Weg.
Zwei Köpfe fuhren herum, als er die Tür am Ende des Ganges aufriss.
„Cathie …“, stammelte er.
„Sieh an, wen haben wir denn da?“
„Das ist mein Bruder. Timmy. Eine echte Nervensäge.“ Sie funkelte ihn an, dennoch hatte er den Eindruck, dass sie nicht wirklich wütend auf ihn war. Eher … zufrieden?
„Ich gebe zu, ich bin überrascht“, sagte der Typ, der neben Cathie stand und ihr besitzergreifend die Hand auf die Schulter gelegt hatte.
Timmy musterte den Mann, denn ein Mann war es, viel älter als Sean oder einer der anderen Jungs, mit denen er Cathie schon gesehen hatte. Etwas Bedrohliches strahlte von ihm aus, auch wenn er die schmalen Lippen jetzt zu einem Lächeln verzog.
„Ich hoffe, du verzeihst uns, dass wir nicht wirklich auf Besuch eingerichtet sind?“
Timmy gab keine Antwort. Cathie küsste den Mann auf den Hals. Ein Tropfen Blut klebte auf ihrer Unterlippe, als sie ihr Gesicht wieder Timmy zuwandte. Als sie seinen entsetzten Blick sah, warf sie den Kopf zurück und lachte wild.
„Was ist? Gefällt es dir nicht bei uns?“
„Nein“, würgte er hervor.
„Nein? Warum spionierst du mir dann dauernd nach?“
Es war ihre Stimme, die ihn alle Angst vergessen ließ – so kalt und verloren, als wäre nur noch ein kleiner Rest der alten Cathie übrig.
„Komm nach Hause!“, rief er, rannte auf sie zu und zerrte an ihrer Hand. „Oh, bitte, Cathie, lass uns nach Hause gehen, jetzt, sofort.“
„Das fände ich aber sehr schade.“
Der Mann hatte nur leise gesprochen, dennoch trafen seine Worte Timmy wie ein Schlag. Er ließ Cathies Hand los und taumelte einen Schritt zurück.
Der Mann nickte. „Schon besser.“
In seinen Augen lag ein dunkler Glanz, der Timmy erschauern ließ. Stumm blickte er den Fremden an. Sekunden vergingen. Die Stille dröhnte in seinem Kopf, bis Cathies albernes Kichern sie wieder durchbrach. Timmy kämpfte mit sich.
„Wer … wer … sind Sie?“
„Nun, was glaubst du?“
„Ein … ein Vampir?“
Der Mann lächelte amüsiert. „Nein, das bin ich gewiss nicht. Ich mag es nur nicht, wenn jemand schreit, verstehst du? Ich bin ein Verehrer der Stille.“
Seltsamerweise beruhigte Timmy diese Antwort nicht. Im Gegenteil. Sein Herz, das ohnehin schon schnell schlug, begann zu rasen. In seinem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Wenn er kein Vampir ist, dann muss er etwas Schlimmeres sein. Gab es etwas Schlimmeres als einen Vampir?
„Nun“, der Mann griff sich eine helle, pflaumengroße Frucht von einem Teller, den Cathie ihm reichte, und schob sie in den Mund, „hast du schon mal von einem Ghul gehört?“
Etwas tropfte von seinem Kinn und noch während er es mit dem behaarten Handrücken wegwischte, wusste Timmy, dass es kein Fruchtsaft war. Wie hypnotisiert starrte er auf den Teller in Cathies Hand. Noch zwei dieser Dinger lagen darauf; knubbelig, fleischig, leicht gekrümmt. Als Timmy begriff, dass es Zehen waren, begann er laut zu kreischen. Er kreischte, bis Cathie den Teller fallen ließ und ihm eine Ohrfeige gab.
„Halt den Mund“, zischte sie. „Du hast dir das alles selbst zuzuschreiben! Warum musstest du mir auch folgen?“
„Na, na“, tadelte der Ghul. „Warst du es nicht, die ihn hergelockt hat, so wie die anderen?“
Die anderen? Timmys Blick irrte durch den Raum, suchte nach Zeichen, nach Hinweisen, nach einem Ausweg – und blieb an einem unordentlichen Kleiderhaufen in der Ecke hängen. Ein schmutziges T-Shirt lag oben, die Aufschrift ließ sich nicht klar erkennen, aber er ahnte, dass es Slipknot war. Seans Lieblingsband. Sean hatte eine ganze Reihe von diesen Band-Shirts. Und auch solche Turnstiefel wie dieser, der seitlich aus dem Haufen herauslugte.
Timmy begann zu würgen. In seiner Kehle brannte es heiß, als die Magensäure nach oben schoss und er einen dünnen Strahl Flüssigkeit auf den hässlichen Teppich spie.
„Wisch das weg“, sagte der Ghul zu Cathie. „Sofort. Ich kann den Geruch nicht ausstehen.“
Cathie schubste Timmy zur Seite. Er fiel auf die Knie und blieb zusammengekrümmt sitzen. Sah nur ihr langes Haar, die hastigen Bewegungen, mit denen sie versuchte, den Boden von seinem Erbrochenen zu säubern. Er hörte sie leise vor sich hin flüstern, verstand aber nicht, was sie sagte. Es war ihm auch egal. Die Hoffnung, dass sie irgendetwas sagen könnte, das diesen Alptraum beenden würde, hatte er ohnehin nicht mehr.
Als er den Kopf hob, sah er direkt in die hungrigen, schwarzen Augen des Ghuls. Das Lächeln, das die dünnen Lippen umspielte, war jetzt fast bedauernd.
„Ich wünschte, sie hätte das nicht getan, mein Junge.“
„Was?“, fragte Timmy, kaum hörbar.
„Dich hergelockt.“
Timmy wandte das Gesicht Cathie zu. Trotzig nagte sie an ihrer Unterlippe.
„Was hätte ich denn sonst tun sollen?“
„Dir etwas mehr Mühe geben“, fauchte der Ghul. „An dem Kleinen ist nichts dran und suchen werden sie ihn auch. Dann muss ich mein Versteck hier aufgeben.“
„Aber sie werden ihn nicht finden. Niemand weiß, dass er mir gefolgt ist.“
Ein Gedanke stolperte durch Timmys Kopf. „Doch“, flüsterte er. „Doch. Mum weiß es.“
Cathies Hand schoss vor. „Du lügst!“ Sie packte ihn, zerrte ihn hoch und schüttelte ihn. „Gib zu, dass du lügst, Timothy Reilly!“
„Nein“, rief er und riss sich los. „Ich lüge nicht. Mum hat mich geschickt. Weil du nicht zum Abendessen gekommen bist. Ich hab gesagt, ich weiß, wo du bist, aber ich trau mich nicht rein in das Haus und Mum hat gesagt, es ist okay, ich soll dich holen.“
„Ich glaube dir kein Wort“, zischte Cathie, aber sie sah nicht mehr ganz so überzeugt aus.
„Es ist wahr“, beharrte Timmy. „Mum weiß, dass ich hier bin und wenn wir nicht endlich nach Hause gehen, dann …“
Er verstummte. Vielleicht fand der Ghul ja, dass an Mum mehr dran war als an ihm und wollte warten, bis sie herkam, um nach Timmy zu suchen.
Aber der Ghul hatte offenbar die Geduld verloren. „Verschwinde, Junge“, sagte er kalt. „Und wage es nicht, jemals ein Wort über das zu verlieren, was hier geschehen ist. Hast du verstanden?“
Timmy nickte mechanisch. Mit winzigen Schritten schob er sich rückwärts Richtung Tür.
„Du lässt ihn einfach so gehen?“, fragte Cathie ungläubig.
„Ja.“ Als sie Anstalten machte, Timmy zu folgen, legte der Ghul ihr die Hand auf den Arm. „Ihn. Nicht dich.“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Cathie begriff, was das bedeutete.
Timmy nutzte die Zeit, um aus dem Zimmer zu fliehen; den Flur entlang, die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal. Er war schon fast unten, als Cathie zu schreien begann, laut und schrill, aber er drehte sich nicht um. Stieß die Verandatür auf, stürmte hinaus in den Garten, wo ihm das hohe Gras entgegenschlug und der Himmel inzwischen dunkelgrau war. Blitze zuckten, Donner grollte, und die ersten dicken Tropfen klatschten auf seine nackten Arme, als er das morsche Zaunbrett beiseite riss, hinaus auf die Straße stürzte und rannte, rannte, rannte …

Er beantwortete Mums Fragen nicht. Ihr Schimpfen, das im Laufe des Abends allmählich in Flehen und schließlich in verzweifeltes Weinen überging, erreichte ihn nicht. Auch die behutsamen Versuche der Polizeipsychologin, ihn zum Sprechen zu bringen, erzeugten in seinem Kopf voller Lautlosigkeit nur ein winziges Echo.
Timmy Reilly sprach niemals wieder ein Wort.
Das Haus in der Baxter Road brannte in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder. Die Leiche von Cathie Reilly wurde nie gefunden. Ebenso wenig wie die von Sean Miller, Todd Bernstein und Marc O. Delaney.

03. Mai. 2010 - Claudia Hornung

Bereits veröffentlicht in:

DAS HERZ DER DUNKELHEIT
M. Campbell (Hrsg.)
Anthologie - Phantastische Geschichten - Sieben Verlag - Dez. 2008

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