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Schwarze Wasser
von Claudia Hornung

Joe Kurz Joe Kurz
© http://www.joes3dfantasyworlds.com/index.htm
„Roghad?“
Vreghs Stimme ließ Roghad aus unruhigem Schlaf auffahren. „Was?"
Der alte Ork legte ihm hastig die Hand vor den Mund und bedeutete ihm zu schweigen. „Still! Weck niemanden auf! Sie werden es noch früh genug erfahren.“
Roghad warf einen Blick auf die beiden Orks, die sich unweit von ihm einen Schlafplatz eingerichtet hatten. Beide schnarchten misstönend vor sich hin.
„Komm“, drängte Vregh. „Krarnak will dich sprechen.“
Roghad streifte die zerlumpte Decke ab und erhob sich lautlos. Mit einer raschen Bewegung prüfte er den Sitz des Dolches an seinem Gürtel, ehe er mit leisen Schritten dem langjährigen Berater seines Onkels folgte. Er ahnte, dass es keine gute Neuigkeit sein würde, wegen der ihn Vregh mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. Aber hatte es seit dem großen Beben überhaupt gute Neuigkeiten gegeben?
Nein, dachte Roghad, während sie das Labyrinth der Grabkammern, in denen die Orks schliefen, verließen. Nicht eine
Vor ihnen lag jetzt die größte Halle, finster und weit, die gewölbte Höhlendecke getragen von wuchtigen Basaltsäulen. Roghad wusste nicht, wie es den Dunklen einst gelungen war, dieses beeindruckende Heiligtum zu bauen. Er wusste auch nicht, ob Anya, deren Name in das große Portal am Eingang geritzt war, eine Königin oder eine von den Dunklen verehrte Göttin gewesen war. Fest stand nur, dass die Hallen und Grabkammern seit langem verlassen waren – und das einzige Bauwerk, das die Ströme aus flüssigem Feuer und das entsetzliche Beben verschont hatten. Sonst gab es weit und breit nichts als Zerstörung.
Roghad spürte ein Brennen in den Augen, als er an die verzweifelte Flucht der stolzen Orkkrieger dachte. Kein Gegner hatte es je vermocht, sie so in Panik zu versetzen. Und doch hatten allzu viele es nicht geschafft, waren verbrannt, erstickt oder von herabstürzendem Fels erschlagen worden. Auch unter den knapp zweihundert Überlebenden, die sich ins Heiligtum hatten retten können, waren viele Verletzte – so auch Krarnak, Roghads Onkel, der Anführer der letzten noch verbliebenen Orks. Ein gewaltiger Brocken rot glühenden Gesteins hatte ihm das Bein zerschmettert. Nachdem es einige Zeit so ausgesehen hatte, als würde die schwere Verletzung dennoch heilen, wurde Krarnak nun seit zwei Tagen von heftigem Fieber geschüttelt.
Roghad befürchtete das Schlimmste, als er hinter Vregh hereilte, vorbei an den Schwarzen Wassern, die er unheimlich fand, seit er sie das erste Mal erblickt hatte. Schwarze Wasser – so nannten die Orks den unterirdischen See inmitten des Heiligtums, weil seine Oberfläche durch die matt leuchtenden Opferschalen, die rings um ihn aufgestellt waren, immer schwarz glänzte.
Hinter den Schwarzen Wassern befand sich ein kleineres Höhlensystem, trocken und sauber, in dem die Orks nach der Flucht ihre Verletzten untergebracht hatten. Die Luft war hier kühler als im vorderen Bereich, und es gab außerdem eine Quelle, um Wunden auszuwaschen und die notdürftigen Verbände zu säubern. Inzwischen lagerte außer Krarnak – und Vregh, der immer an seiner Seite war – niemand mehr hier; die anderen Verletzten waren entweder genesen oder gestorben. Sie hatten sie bei den anderen begraben, dort draußen, in der heißen, steinernen Wüste, die einst die Heimat der Orks gewesen war und jetzt nur noch eine Stätte des Todes.
„Krarnak?“ Mit raschen Schritten eilte Roghad an die Seite seines Onkels.
Der sterbende Anführer der Orks vermochte kaum noch die Augen zu öffnen. Die Hand, die Roghad ehrerbietig mit der Stirn berührte, war schweißnass.
„Krarnak“, flüsterte Roghad. „Du darfst nicht gehen. Unser Volk braucht dich! Wer soll die Orks anführen, wenn du …“
„Genau deshalb habe ich dich rufen lassen.“ Mühsam hob Krarnak den Kopf und sah seinen Neffen aus fiebertrüben Augen an. „Du wirst meine Stelle einnehmen.“
„Ich? Nein …“ In Roghads Kopf überschlugen sich die Gedanken.
„Doch, du!“ Krarnaks Finger krallten sich um Roghads. „Du musst!“ Hilfe suchend wandte er sich um. „Vregh …“
Sein Berater und ältester Vertrauter lehnte mit verschränkten Armen am Höhleneingang, als wollte er verhindern, dass Roghad davonlief. „Krarnak hat recht, du hast keine Wahl. Er hat dich nicht um etwas gebeten, er hat dir eine Aufgabe übertragen; seine Aufgabe, die er nicht mehr lange erfüllen kann.“
„Aber …“
„Nein!“, sagte Vregh hart. „Krarnak wird sterben und du bist der einzige seines Blutes, der somit Anspruch auf seine Nachfolge erheben kann. Tust du es nicht, wird Gamth die Führerschaft an sich reißen.“
„Gamth“, wiederholte Roghad mechanisch und rief sich kurz das Bild des stärksten Orkkriegers vor Augen. Ein großartiger Kämpfer, in vielen Schlachten und Zweikämpfen erprobt, doch hitzköpfig und aufbrausend. Und nicht allzu … klug.
„Er ist nicht der Richtige, um ein Volk wie unseres zu führen“, sagte Vregh eindringlich. „Schon gar nicht in solch einer schlimmen Zeit wie dieser. Da braucht es jemanden, der besonnen handelt und mit Weitblick.“
Roghad betrachtete Krarnaks angespannte Züge, die Brust, die sich in quälend langsamen Atemzügen hob und senkte. „Ich habe mich damals entschieden, dir und Thagdaroks Söhnen in die Unterwelt zu folgen, weil ich das endlose Morden und Meucheln nicht mehr ertragen konnte. Alles, was ich wollte, war …“ Roghad verstummte, als er bemerkte, dass Krarnak ihm gar nicht zuhörte.
Vregh näherte sich von hinten und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir sind Orks, Roghad. Du bist ein Krieger, wie wir alle. Und wenn du verhindern willst, dass unser Volk die Unterwelt mit seinem und fremdem Blut besudelt, dann nimm Krarnaks Platz ein und führe fort, was er getan und Thagdarok einst begonnen hat.“
„Also gut“, sagte Roghad leise. „Ich bin einverstanden. Wann wirst du es verkünden?“
„Gar nicht.“ Vreghs Stimme klang ernst und unnachgiebig. „Du gehst selbst und informierst dein Volk über die Veränderung. Deine Aufgabe beginnt hier und jetzt. Ich werde bei Krarnak wachen, bis du zurück bist.“

Er hatte die Männer in der großen Halle des Heiligtums zusammenkommen lassen, um die Neuigkeit bekannt zu geben. Angespannte Ruhe folgte seinen Worten. Roghads Blick glitt über die versammelten Reihen. Unruhe spiegelte sich auf den meisten Gesichtern, Misstrauen, teils auch Furcht. An den sonst so stolzen Orks waren die Ereignisse der letzten Wochen nicht spurlos vorübergegangen. Fast alle trugen Narben auf der grünschwarzen Haut, viele hatten ihre Waffen verloren und – was womöglich schlimmer war – den Glauben an ihre Stärke, die Zuversicht, jeden Feind besiegen zu können. Jetzt verloren sie auch noch ihren Anführer.
Gamth war der erste, der schließlich das Schweigen brach. „Warum du?“, fragte er herausfordernd. „Wenn es Krieg gibt, bist du doch kaum der Richtige.“
Einige Orks grölten zustimmend, aber damit hatte Roghad gerechnet. „Wir werden keinen Krieg führen“, erklärte er mit Nachdruck. „Denn wir würden ihn ohnehin verlieren. Sieh dich um – wie viele Männer zählst du?“
„Na und? Ein einziger Orkkrieger kann es mit vielen Gegnern aufnehmen!“
Die bestätigenden Rufe der Gamth umstehenden Männer nahmen an Lautstärke zu. Ein paar schwenkten die wenigen Waffen, die sie hatten retten können.
„Ruhe!“ Roghad gebot ihnen zu schweigen. „Hört mir zu! Wir alle sind einst Thagdarok und seinen Söhnen in die Unterwelt gefolgt, um ein Leben in Ehre zu führen. Daran hat Krarnak festgehalten und ich, so wahr ich hier stehe, werde es auch tun.“
Zustimmendes Murmeln aus den Reihen der Krieger folgte seinen Worten. Roghad nahm es als gutes Zeichen und fuhr fort: „Wir wissen nicht, welches Leid das große Beben den anderen Völkern der Unterwelt zugefügt hat oder ob sie davon verschont geblieben sind. Wir wissen auch nicht, wie es in der Oberwelt aussieht, da alle uns bekannten Zugänge verschüttet sind. Möglich, dass dort niemand überlebt hat.“
Betroffene Stille breitete sich unter den Orks aus. Die Vorstellung, die letzten zweihundert Krieger eines aussterbenden Volkes zu sein, war entsetzlich.
„Ich kann euch nicht voraussagen, wie die Zukunft für uns aussieht oder ob es überhaupt eine Zukunft für uns gibt“, sagte Roghad und seine Stimme hallte durch das Heiligtum. „Aber so lange wir keine Gewissheit über unsere Lage haben, sollten wir jeglichen Konflikt mit anderen Völkern vermeiden. Ich halte es für sicherer, wenn unsere derzeitige Situation nicht bekannt wird.“
Gamth schnaubte unwillig. Roghad wusste, dass es ihm und einigen anderen sehr schwer fallen würde, sich länger hier versteckt zu halten. Er musste bald etwas finden, mit dem er die Männer sinnvoll beschäftigen konnte.
Oh Krarnak, dachte er, während er die Versammlung beendete und sich aufmachte, zu seinem Onkel zurückzukehren. Warum hast du ausgerechnet mich mit deiner Nachfolge betraut?

Noch bevor er das hintere Höhlensystem erreicht hatte, kam ihm Vregh bereits entgegen. Sein Blick war bestürzt und voller Sorge. „Roghad!“
„Was ist passiert?“
„Es gab einen Zwischenfall an der Grenze. Offenbar haben die Trolle einen Späher in unser Gebiet geschickt.“
„Verdammt!“ Roghad presste die Hände gegen die wulstigen Schläfen. Musste denn gleich am ersten Tag, an dem er die Verantwortung übernommen hatte, so etwas passieren? „Verdammt!“
„Fluchen nützt nichts“, rügte Vregh. „Lass dir berichten, was genau geschehen ist, und dann lass die Grenzposten verstärken.“
„Du meinst, damit die Trolle nicht merken, mit welch geringer Zahl an Gegnern sie es zu tun haben?“, fragte Roghad bitter.
Vregh erwiderte seinen Blick vollkommen ruhig. „Genau.“

Der Bote, der gekommen war, hatte sich bei Gamth und seinen Kumpanen am Feuer niedergelassen und verschlang gerade mit hastigen Bissen das noch blutige Lendenstück einer Riesenratte. Als Roghad hinzutrat, sprang er auf, wischte sich die schmierigen Finger an seinem zerrissenen Ledermantel ab und neigte den Kopf. „Kommandant …“
An den Titel würde Roghad sich nicht so schnell gewöhnen. Unwillig scharrte er mit dem Fuß. „Also – was ist passiert?“
„Ein Trollspäher war ein gutes Stück weit in unser Gebiet eingedrungen. Wir haben ihn erst so spät entdeckt, weil …“ Er schluckte. „Wir sind so wenige.“
„Ich weiß“, sagte Roghad missmutig. „Weiter.“
„Er wollte fliehen, aber das … das haben wir verhindert.“ Unsicher sah der Bote zu ihm auf. „Wir haben ihn getötet und seine Leiche zur Grenze geschleift. Dort haben wir ihn liegen lassen, als Warnung für andere.“
„Gut gemacht!“ Gamth schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Diese widerlichen Trolle werden schon sehen, was sie davon haben, Orkland zu betreten.“
Roghad schüttelte verärgert den Kopf. „Woher wisst ihr, dass er ein Späher war? Habt ihr ihn befragt? Hat er euch gesagt, was er hier wollte?“
Der Blick des Boten wanderte zwischen ihm und Gamth hin und her. „Nein.“
„Ihr habt ihn gar nicht erst zu Wort kommen lassen, was?“, grölte Gamth.
Roghad musste sich kurz abwenden, um seine Wut zu verbergen. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Unwirsch wandte er sich an den Boten. „Wenn du dich gestärkt hast, nimm die Hälfte der Männer mit – sie sollen sich entlang der Grenze postieren und die uns bekannten Übergänge im Auge behalten. Sendet auch einige Späher aus, um zu erfahren, was vor sich geht – das zu wissen, könnte für unser Überleben von größter Bedeutung sein. Aber haltet euch unbedingt verborgen! Hast du verstanden?“
„Ja, Kommandant“, versicherte der Bote eifrig.
„Und was dich angeht“, Roghad warf Gamth einen bösen Blick zu, „du wirst dich vom Gebiet der Trolle fernhalten. Dein Befehl lautet, den Übergang zum Reich der Dunkelelfen zu beobachten.“

Nachdem Roghad den Abzug der Männer koordiniert hatte, von denen viele froh zu sein schienen, die düsteren Hallen des Heiligtums verlassen zu können, kehrte er voll banger Ahnungen zu Vregh zurück. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen: Mit Krarnak ging es zu Ende. Die schweren Atemzüge wurden immer langsamer.
Roghad sank an der Seite des Onkels nieder und nahm seine Hand. „Ich bin hier“, sagte er leise. „Ich bin hier.“
Die Nachtstunden verstrichen in zäher Langsamkeit und irgendwann musste Roghad eingeschlafen sein. Als er erschreckt den Kopf hob, war es vorbei. Krarnak war tot.
Roghad drückte die Stirn gegen Krarnaks Hand, die jetzt kalt und schlaff in seiner hing. „Das Volk der Orks verdankt dir viel“, flüsterte er und wünschte, er hätte diese Worte gesagt, solange sein Onkel sie noch hätte hören können. „Ich bin sicher, Thagdarok und seine Söhne werden dich im Land der Toten mit Freude willkommen heißen.“
Er legte Krarnaks Hand zurück auf dessen Brust, wischte sich kurz über die Augen und setzte sich dann mit angewinkelten Beinen an die Höhlenwand, den Blick starr auf den Toten gerichtet. Einige Minuten herrschte Stille. Dann seufzte Roghad tief auf und wandte sich an Vregh, der regungslos am Höhleneingang lehnte. Er musste mit dem alten, erfahrenen Ork über die Lage sprechen. Es war an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
„Vregh?“, fragte er stockend. „Hältst du es für möglich, dass das Volk der Orks längst dem Tod geweiht ist? Dass es keinen Ausweg mehr gibt?“
„Weil es uns nicht gelungen ist, die Zugänge zur Oberwelt wieder freizulegen? Weil so keine neuen jungen Krieger mehr zu uns gelangen können? Oder weil du glaubst, dass dort oben eh keiner überlebt hat?“
„Beides“, sagte Roghad müde. „Vielleicht spielt es ja auch gar keine Rolle. Wir sitzen hier fest, werden altern und nach und nach aussterben.“
Vregh wiegte bedächtig den Kopf, gab aber keine Antwort.
„Vielleicht soll es ja so sein“, sinnierte Roghad weiter. „Vielleicht ist es uns so bestimmt? Dann hätten wir wenigstens erfüllt, weswegen wir uns damals Thagdaroks Söhnen angeschlossen haben. Ein Leben in Ehre. Eines, für das sich starke und mutige Krieger nicht schämen müssen. Ohne das Blut anderer Völker auf unseren Klingen …“
„Das Schicksal der Orks in der Unterwelt liegt jetzt in deiner Hand, Roghad. Aber ich halte es nicht für richtig, wenn du sie zur Untätigkeit verdammst. Du riskierst, dass sie dir nicht mehr folgen, wenn du diese Überlegungen laut anstellst.“
„Ich weiß“, sagte Roghad grimmig. „Aber gegen meine Überzeugung zu handeln, fällt mir schwer. Soll ich einem Krieg zustimmen, nur damit die Männer im Kampf sterben können?“
„Es sind nun mal Krieger“, sagte Vregh. „Vergiss das nicht, Roghad.“ Er kam näher und sah ihn eindringlich an. „Hast du in den letzten Wochen einmal den Gesprächen der Männer an den Feuern gelauscht? Sie reden ständig von früher. Sie brauchen Bestätigung, etwas, das ihrem Dasein einen Sinn gibt. Sonst kommen sie nur auf dumme Gedanken.“ Er zögerte kurz, ehe er weitersprach. „Einmal habe ich sie sogar applaudieren hören, als jemand vorschlug, ein paar Trollweiber zu rauben, um Nachkommen zu zeugen.“
„Das kann doch nur Gamths Idee gewesen sein.“ Roghad schnaubte verächtlich. „Stinkende Trollweiber zu rauben …“
„Darum geht es nicht“, sagte Vregh scharf. „Auch nicht darum, dass ich zeit meines Lebens bei den Trollen noch nie ein Weib gesehen habe. Es geht darum, dass …“ Er unterbrach sich. Im Gang vor der Höhle wurden Rufe laut. Schritte von mehreren Männern näherten sich. „Was ist da los?“
Ein Trupp aufgeregter Krieger stürmte herein. „Kommandant, schnell …“ Der Wortführer verstummte jäh, als er Krarnaks Leichnam erblickte.
Roghad ergriff ihn am Arm. „Was gibt es?“
„Sie haben eine Dunkelelfin mitgebracht.“
„Entführt“, berichtigte ein anderer.
„Wer hat was?“, brüllte Roghad.
„Nun, Gamth …“
Roghad hatte genug gehört. „Dieser Narr“, grollte er. „Hat er jetzt völlig den Verstand verloren?“ Mit zornig geballten Fäusten verließ er Krarnaks Totenbett.

Die Gefangene gehörte augenscheinlich zum Volk der Dunkelelfen. Sie war fast genauso groß – wenn auch ungleich zierlicher – als Gamth und seine Männer, die sie gefesselt und geknebelt in ihrer Mitte hielten. Ihr langes schwarzes Haar war zerzaust und verdeckte einen Teil ihres Gesichts, sodass Roghad ihre Züge nicht erkennen konnte. Gamth grinste provozierend. Roghad ignorierte ihn bewusst.
„Und? Wollt ihr etwa behaupten, dies sei auch eine Späherin?“, herrschte er einen der anderen umstehenden Orks an.
„Nein, Kommandant“, beeilte sich der zu sagen.
„Wo kommt sie dann her?“
„Aus der Siedlung am See …“
„Wie kommt ihr dazu, ohne meinen Befehl soweit in elfisches Gebiet vorzudringen?“
„Die Gelegenheit war einfach günstig“, schaltete Gamth sich ein. „Niemand von den Dunkelelfen hat uns gesehen. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass sie froh sind, diese Furie loszusein.“ Er warf der Gefangenen einen bösen Blick zu. „Sie hat sich benommen wie …“
Einer seiner Begleiter begann jäh zu grinsen. „Sie hat ihn getreten“, verriet er. „Dahin, wo’s wehtut.“
Gamth fuhr herum. „Halt´s Maul!“, zischte er, aber es war schon zu spät.
„Mitten ins Gemächt“, platzte ein anderer heraus, und die umstehenden Orks brüllten vor Lachen. Roghad hatte Mühe, das wüste Gelärme zu beenden.
„Bringt die Gefangene in Krarnaks Kammer“, befahl er, als die Männer sich beruhigt hatten. „Und nehmt ihr die Fesseln ab, von dort kann sie nicht entkommen.“

Er folgte den Männern, die seinen Befehl ausführten, postierte zwei von ihnen als Wachen vor dem Eingang und trug den übrigen auf, Krarnaks Leichnam zur Quelle zu schaffen, damit Vregh ihn für die Bestattung vorbereiten konnte. Außerdem ließ er eine der leuchtenden Opferschalen in die Höhle bringen, als ihm bewusst wurde, dass die Schwärze ringsum für Nichtorks schwer zu ertragen sein musste. Die Gefangene beäugte ihn unablässig mit finsterer Miene. Sie ist keine gewöhnliche Dunkelelfin, dachte Roghad.
„Mein Name ist Roghad“, sagte er, als sie endlich allein waren. „Ich bin der Kommandant der Orks.“ Er wies auf sie, um seine Frage zu verdeutlichen: „Und wer bist du?“
„Tamyela“, stieß sie wütend hervor.
„Kannst du mich verstehen?“, fragte er.
Ihre Antwort war ein heftiges Fauchen. „Und ob!“
Roghad hob überrascht die Brauen. „Ich dachte, ihr Dunkelelfen schert euch nicht um andere Völker? Wie kommt es, dass du unsere Sprache sprichst?“
Sie sah ihn aus hasserfüllten, tiefblauen Augen an und antwortete nicht. Roghad spürte, wie Misstrauen in ihm aufkeimte. Hatte Gamth doch nicht so falsch gehandelt? Planten die Dunkelelfen etwas, das er wissen sollte? Mussten die Orks gar mit einem Angriff rechnen?
„Lasst mich unverzüglich wieder frei!“ Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Er zögerte kurz. „Nein“, sagte er dann bestimmt. „Erst muss ich die Situation an der Grenze klären. Und meinen Onkel begraben.“
„Dann lässt du mich gehen?“
Roghad nickte. „Ich gebe dir mein Wort.“

Sie begruben Krarnak zwischen den Orks, die ihm lange Jahre treu gedient hatten. Das Gräberfeld war groß – viele waren es, viel zu viele, die das furchtbare Beben dahingerafft hatte, und Roghad spürte, dass seine Männer ähnlich empfanden. Stumm standen sie inmitten der zerstörten Landschaft, der steinernen Wüste, in der der Boden warm war und das Atmen schwer fiel, weil die Luft immer noch von Staub und Sand erfüllt war. Roghad bemerkte, dass Tamyela sich mit aufgerissenen Augen umsah. Er hatte entschieden, sie mitzunehmen, damit alle im Heiligtum verbliebenen Orks Krarnak das letzte Geleit geben konnten. Niemand sollte zurückbleiben müssen. Jetzt fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war. Die Dunkelelfin war nicht dumm, sie würde nun wissen, wie es um die Orks stand. Und er hatte ihr sein Wort gegeben, sie gehen zu lassen …
Roghad fluchte innerlich, auch wenn das der Begräbnisfeierlichkeit wenig angemessen schien. Er würde sein Wort halten, ja. Aber er trug auch die Verantwortung für seine Männer. Er musste unbedingt noch einmal mit der Gefangenen sprechen. Bald.

„Was heißt, ich kann noch nicht gehen?“
Roghad hob entnervt die Arme. „Das habe ich dir doch gerade erklärt.“
„Ich hätte wissen müssen, dass das Wort eines Orks nichts wert ist“, zischte sie.
Ihre Worte trafen ihn tief, aber er bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Mein Wort gilt und ich bitte dich, mir zu vertrauen. Dir wird nichts geschehen, und ich werde dich so bald wie möglich zurückbringen. Aber im Augenblick ist es zu gefährlich.“
„Für mich oder für euch?“, höhnte Tamyela.
„Für uns“, gab Roghad widerstrebend zu und war erneut froh, dass Vregh bei diesem Gespräch nicht anwesend war.
Tamyela sah ihn mit ihren tiefblauen Augen an und ihm war klar, dass ihr nichts, aber auch gar nichts, entgangen war, seit Gamth sie ins Heiligtum geschleppt hatte. Sie wusste, worum es hier ging. Sie wusste … alles.
„Ach, verdammt, du solltest nicht hier sein“, knurrte er voller Verzweiflung.
„So?“ Sie spuckte ihm vor die Füße. „Wessen Schuld ist das denn? Meine vielleicht?“
Er packte sie grob am Arm. „Wage es, mich noch einmal so zu beleidigen, und ich schwöre, es wird dir leid tun!“
Sie versuchte zu lachen, aber er spürte, dass ihr Körper in seinem Griff leicht zitterte. Ganz so unerschrocken, wie sie sich gab, war ihr wohl doch nicht zumute. Er ließ ihren Arm los und stieß sie zurück. Sie hörte auf zu lachen. Stumm blickten sie einander in die Augen.
„Also“, sagte sie schließlich. „Sag du mir, warum ich hier bin.“
Weil meine Männer Angst vor dem Sterben haben, dachte Roghad, aber er sprach es nicht aus. Stattdessen erläuterte er ihr in wenigen Worten Gamths Absichten.
Tamyela sah ihn erst ungläubig an, dann verzog sie die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Daraus wird wohl nichts werden …“

Der Bote, den Roghad zur Grenze geschickt hatte, brachte keine guten Nachrichten mit zurück. Die Trolle hatten ihren toten Späher geborgen und die wilden Verwünschungen, die sie dabei ausgestoßen hatten, ließen darauf schließen, dass von dieser Seite mit weiteren Attacken zu rechnen war. Was die Dunkelelfen anging, so waren sie in hellem Aufruhr. Die Entführung war ganz offensichtlich als solche erkannt worden. Das Dorf war abgeriegelt und unablässig patrouillierten schwer bewaffnete Wachen entlang der umliegenden Felder. Es war unmöglich, sich zu nähern, ohne von ihnen entdeckt zu werden.
Die versammelten Orks, die Roghad in die große Halle befohlen hatte, hörten dem Boten mit steinernen Mienen zu. Jedem war klar, dass ihnen nun möglicherweise Krieg von zwei Seiten drohte.
Roghad holte tief Luft. „Was geschehen ist, war falsch und dumm zugleich“, begann er. „Gamth hat uns alle völlig unnötig in Gefahr gebracht. Die wenigen Frauen der Dunkelelfen können unser Volk nicht retten, denn sie tragen nur alle hundert Jahre ein Kind aus. Wenn die Gefangene das nächste Mal fruchtbar ist, wird kaum einer von uns mehr unter den Lebenden weilen.“
Ein Raunen ging durch die Reihen, aber Roghad hatte nicht den Eindruck, als zweifelten die Männer an seinen Worten. Gamth hielt den Kopf gesenkt und starrte auf die schmutzigen Spitzen seiner schweren Stiefel.
„Wir müssen einen Weg finden, Tamyela zurückzubringen“, fuhr Roghad fort. „Bald. Und zwar ohne jegliches Blutvergießen. Es gilt, die Dunkelelfen zu überzeugen, dass die Gefangennahme nicht in böser Absicht geschah und etwas Ähnliches nicht wieder vorkommen wird. Bis ich entschieden habe, wie wir vorgehen, behalten wir die Grenzen im Auge und sichern das Heiligtum für einen möglichen Angriff.“
Er verteilte die entsprechenden Aufgaben an die Männer und entließ sie in der Gewissheit, dass jeder von ihnen seine Pflicht erfüllen würde. Alle schienen froh, etwas tun zu können, das der Gemeinschaft Sicherheit versprach. Roghad verbot sich daran zu denken, wie brüchig diese Sicherheit war, sollte es tatsächlich zu einem Angriff – egal, von welcher Seite – kommen.
Vregh kam auf ihn zu und nickte kaum merklich. „Du bist schnell in dein Amt hineingewachsen.“
„Mir blieb ja nichts anderes übrig“, grollte Roghad, aber insgeheim freute er sich doch über die Anerkennung.
Vregh, der ihn lange genug kannte, um das zu wissen, lächelte. Dann deutete er in Richtung des hinteren Höhlensystems, wo bis vor kurzem noch Krarnak gelegen hatte. „Die Gefangene bat, dich sprechen zu können.“
„Sie bat?“ Roghad schnaubte. „Das kannst du mir nicht weismachen, Vregh …“

Sie stand an der rückwärtigen Höhlenwand, fuhr aber sofort herum, als er eintrat. Im matten Licht der Opferschale wirkten ihre blauen Augen schwarz und unergründlich. Sie ist keine gewöhnliche Elfin, dachte Roghad zum wiederholten Male.
„Du wolltest mich sprechen?“ Er gab den beiden Wachen ein Zeichen, ihn mit der Gefangenen allein zu lassen. Unauffällig zogen sie sich zurück.
„Ja.“ Sie kam näher und sah ihn ernst an. „Ich habe nachgedacht. Über deine Worte. Und ich habe mich entschieden, dir zu vertrauen.“
„Danke.“
„Oh! Ein seltenes Wort für einen Ork, nicht?“
Roghad seufzte. „Du hattest einen so klugen Anfang gewählt, nun mach ihn nicht gleich wieder zunichte …“
„Bitte?“
„Bitte.“
Sie sahen sich an, und Roghad spürte, wie ihr Blick ihn fesselte. War sie eine Kriegerin mit magischen Kräften? War sie wirklich vertrauenswürdig? Oder spielte sie nur ein Spiel mit ihm?
„Ich weiß etwas über diesen Ort“, unterbrach Tamyela seine Gedanken. „Etwas, das für euch wichtig sein könnte. Etwas, das euer Volk vielleicht retten könnte.“
Roghad runzelte skeptisch die Stirn. „Ich kann dir nicht folgen …“
„Der See – wie nennt ihr ihn? Schwarze Wasser?“
Roghad nickte.
„Er ist ein Mysterium der Dunklen. Sie haben dieses Heiligtum um ihn herum erbaut, weil er besondere Kräfte hat. Ich habe einmal eine alte Legende gehört, nach der die Schwarzen Wasser nicht nur tiefe Wunden heilen können, sondern dem, der in den See hineintaucht, auch ewiges Leben schenken.“
Roghad zog es die Kehle zusammen. „Die Schwarzen Wasser sind ein unheimlicher Ort“, meinte er. „Kein Ork hat je auch nur einen Finger hineingesteckt. Ich kann nicht glauben, was du sagst.“
„Dann nicht.“ Tamyela zuckte die Schultern und wandte sich ab. „Mehr habe ich dir nicht zu sagen. Wann lässt du mich gehen?“
„Wenn die Zeit günstig ist“, fuhr Roghad auf. Er warf ihr einen bösen Blick zu, den sie aber nicht wahrzunehmen schien, und stampfte aus der Höhle. „Lasst sie nicht aus den Augen!“, brüllte er die beiden Wachen an, die eilig ihre Plätze rechts und links des Eingangs wieder einnahmen. Dann machte er sich auf die Suche nach Vregh.

„Von so einer Legende habe ich noch nie gehört“, wehrte Vregh entschieden ab. „Wahrscheinlich will sie uns in eine Falle locken. Wer weiß, was in der Tiefe der Schwarzen Wasser lauert, wenn wir uns hineinbegeben.“
Sie hatten sich an Krarnaks Grabstätte getroffen, um ungestört reden zu können, denn Roghad wollte nicht, dass einer der Männer etwas mitbekam. Jetzt hockte er mit überkreuzten Beinen auf dem Boden und kratzte mit dem Finger Spuren in den schwarzen Lavasand. „Aber wir wissen nichts über die Dunklen, oder?“, fragte er nachdenklich. „Nicht, wer sie waren und wohin sie verschwunden sind.“
„Nein“, gab Vregh zu.
„Sie haben dieses gewaltige Heiligtum erbaut – sie müssen besondere Kräfte gehabt haben.“
„Schon möglich.“ Vregh lief unruhig auf und ab. „Aber das ist kein Grund, ihr zu glauben. Du kannst doch nicht die Zukunft deines Volkes in die Hände einer gefangenen Dunkelelfin legen. Roghad! Ehrlich, ich zweifle an deinem Verstand …“
Ich auch, dachte Roghad. Bei Thagdarok, ich auch …

Am frühen Abend kehrte er zu Tamyela zurück, obwohl er noch immer nicht wusste, ob er ihren Worten Glauben schenken sollte. Sie empfing ihn voller Ungeduld. Nur allmählich drang das Wesentliche ihres Wortschwalls zu ihm durch. „Was soll das heißen, du kommst mit?“
„Na, was wohl?“ Tamyela schlug ihm so heftig gegen die Brust, dass er vor Überraschung rückwärts taumelte. „Geht es nicht in deinen hässlichen Orkschädel, dass ich nach Hause will? Und wenn du dich allein nicht ins Wasser traust, dann gehen wir eben gemeinsam!“
Roghad starrte sie an. Er wusste, was Vregh zu diesem Vorschlag sagen würde – er würde ihn für verrückt erklären. Er konnte Vregh nicht ins Vertrauen ziehen, er musste es allein wagen. Was würde schon passieren, falls etwas schief ging oder Tamyela ihn hereinlegte? Schlimmstenfalls hätten die Orks keinen Kommandanten mehr. Dann käme Gamth doch noch zum Zug und es wäre sowieso alles verloren. Aber wenn Tamyela die Wahrheit sagte, wenn die Legende stimmte, dann gab es Hoffnung für die letzten noch verbliebenen Orks der Unterwelt.
„Gut“, sagte Roghad, bevor er es sich anders überlegte. „Ich bin dabei.“

Roghad teilte sich selbst für eine späte Wache ein und schickte die restlichen Männer schlafen. Als alles ruhig war, schlich er zur hinteren Höhle, wo Tamyela auf ihn wartete. Die beiden dort postierten Orks grüßten ihn mit geneigten Köpfen und zogen sich auf sein Zeichen hin zurück.
Tamyela sah ihnen misstrauisch nach. „Werden sie sich nicht wundern?“
„Ich bin ihr Kommandant, schon vergessen? Sie werden nichts von dem, was ich tue, in Frage stellen.“
„Hm.“ Tamyela runzelte die Stirn. „Oder sie denken, du vergnügst dich mit mir …“
„Vielleicht“, sagte Roghad und verbiss sich ein Grinsen.
Aber als er an das dachte, was sie wirklich vorhatten, verging ihm das Lachen.

Die Schwarzen Wasser glänzten tückisch in der Dunkelheit. Noch nie war Roghad ihnen so nahe gekommen. Es schauderte ihn, als er sich am steinernen Ufer des Sees niederließ und versuchte, in die unergründliche Tiefe zu blicken. Nichts war zu sehen, außer seinem eigenen Schatten auf der Wasseroberfläche.
„Hast du Angst?“, fragte Tamyela und ausnahmsweise klang es nicht spöttisch oder herausfordernd.
„Ich kann nicht schwimmen“, sagte Roghad. „Und in diesem unheimlichen See zu ersaufen, ist nicht gerade das Ende, von dem ich immer geträumt habe.“
„Dann lass mich vorangehen und sehen, wie tief es ist“, schlug Tamyela vor, und ehe Roghad sie hätte hindern können, warf sie ihren braunen Umhang von sich und tat einen Schritt ins Wasser. „Huh!“
Roghad erschrak. „Was ist?“
„Verdammt kalt“, rief sie. Mit klappernden Zähnen tastete sie sich weiter vor, aber das Wasser stieg ihr nicht höher als bis zur Hüfte. „Ich schätze, du kannst reinkommen …“
Roghad schlüpfte aus seinen Stiefeln und holte tief Luft.
„Nun mach schon“, rief Tamyela.
Das Wasser war in der Tat eiskalt. Roghads Herz hämmerte, während er vorsichtig auf Tamyela zuging. Sie streckte ihm die Hand entgegen und lächelte. „Fragst du dich auch gerade, warum du dir das antust?“
„Genau das.“ Er nahm ihre Hand, spürte, wie sie zitterte.
Ihr Lächeln vertiefte sich und es schien ihm, als hätte ihn noch niemals zuvor jemand so intensiv angesehen. „Unsterblichkeit ist das Mindeste, was dabei herausspringen muss, findest du nicht auch?“
Mit dem Lachen wich seine Angst.
Tamyela kam näher, benetzte seine Brust und seine Arme mit Wasser. Im matten Schein der Opferschalen glänzten die Kriegsbemalungen auf seiner grünschwarzen Haut, erinnerten die kühn geschwungenen Triskelen an geheime Symbole aus einer anderen, längst vergangenen Zeit.
„Vergiss nicht, dass unsterblich nicht unverletzlich heißt“, sagte sie leise. „Und auch nicht, dass du keine Schmerzen mehr erleiden musst. Du bist ein Krieger, vielleicht verfluchst du mich eines Tages für das, was wir hier tun.“
„Es war meine eigene Entscheidung“, antwortete Roghad. „Also werde ich die Konsequenzen tragen, egal, wie sie sein mögen.“
Sie schöpfte mit beiden Händen Wasser und goss es ihm über den Kopf. Vollkommen unbeweglich stand er da, fühlte die eisigen Tropfen über Gesicht und Nacken rinnen, die nasse Lederkleidung am Körper kleben. Jeder Gedanke schien festgefroren.
„Traust du dich unterzutauchen?“
Er konnte nicht antworten, nickte nur und ließ es zu, dass sie seine Hände nahm und ihn hinunterzog, bis die Schwarzen Wasser über seinem Kopf zusammenschlugen. Er bekam keine Luft, aber er spürte Tamyelas Nähe; ihr Händedruck war fest und ließ ihn nicht los. So harrte er aus, bis sie ihn nach einer scheinbaren Ewigkeit wieder mit sich nach oben zog. Prustend und schnaubend tauchte er auf.
Tamyela gab ihn frei und warf den Kopf zurück, um ihr langes Haar auszuwringen. Mit großen Schritten stapften sie gemeinsam ans Ufer. „Wann bringst du mich zurück?“, fragte sie, kaum dass sie es erreicht hatten.
Es gab ihm einen feinen Stich, aber er ließ sich nichts anmerken. „Sobald ich mit meinen Männern gesprochen habe“, entgegnete er knapp.

Die dritte Versammlung innerhalb weniger Tage trug nicht dazu bei, die Unruhe unter den Orks einzudämmen. Und das, was Roghad ihnen eröffnete, erst recht nicht.
„In den Schwarzen Wassern baden?“ Gamth fuchtelte wild mit den Armen. „Niemals!“
Roghad wartete, bis die Männer sich etwas beruhigt hatten. „Krieger meines Volkes, ich überlasse es euch, ob ihr meinem Beispiel folgen wollt. Jeder einzelne hat das Recht, seine eigene Entscheidung zu fällen. Ich werde niemanden zwingen, in das Wasser zu steigen.“
„Das ist doch Humbug“, brüllte Gamth. „Du willst uns alle umbringen! Weil die elfische Hexe dir völlig den Kopf verdreht hat …“
Augenblicklich trat Schweigen ein. Bis in die letzte Reihe verstummten die Männer. Dass ein Krieger den Kommandanten in dieser Form öffentlich angriff, konnte Roghad nicht durchgehen lassen, ohne das Gesicht zu verlieren. Was würde er tun?
Mit steinerner Miene ging er auf Gamth zu, drückte ihm seinen Dolch in die Hand und entblößte die Brust vor ihm. „Wenn du einen Beweis brauchst, stoß zu!“
Gamth zögerte. Roghad sah ein Flackern in seinen Augen und für Bruchteile von Sekunden dachte er, er hätte sich geirrt. Doch dann warf Gamth mit einem wütenden Knurren den Dolch von sich und marschierte davon. Roghad atmete auf.
„Also, entscheidet euch“, rief er, hob seinen Dolch auf und schob ihn zurück in den Gürtel. „Alle, die mir folgen wollen, erwarte ich bei meiner Rückkehr am Ufer der Schwarzen Wasser.“
Sein Blick fiel auf Vregh, der ihn offenbar schon länger anstarrte und jetzt stumm den Kopf schüttelte. Roghad ahnte, dass er das Vertrauen des alten Orks verloren hatte. Also war er von nun an auf sich allein gestellt. War es wirklich richtig gewesen, was er getan hatte? Er biss die Zähne zusammen, versuchte, die Zweifel abzuschütteln, aber sie ließen ihn nicht los …

Er hatte sich entschieden, mit Tamyela allein zu gehen, weil er hoffte, dass sie so am wenigsten auffallen würden. Während des fast zweistündigen Fußmarsches bis zur Grenze hatte die Dunkelelfin kein Wort gesprochen. Roghad, den der Anblick des zerstörten Landes mehr schmerzte als eine offene Wunde, war es nur recht gewesen. Doch jetzt, als sie sich der Elfensiedlung näherten, wurde er zunehmend unruhig. Als die ersten schwach beleuchteten Felder in Sicht kamen, hielt Tamyela ihn zurück. „Warte“, sagte sie. „Den Rest des Weges gehe ich besser allein.“
Roghad musterte sie schweigend.
„Ich weiß, ich kann dir deine Zweifel nicht nehmen.“ Sie lächelte traurig, und er fragte sich kurz, ob es echte Traurigkeit war, die sich in ihren Augen spiegelte. „Aber ich verspreche dir, dass ich dein Volk nicht verraten werde. Mein Wort für deines. Die Dunkelelfen werden euch nicht angreifen, solange es in meiner Macht steht, es zu verhindern.“
„Danke“, sagte er rau.
„Ich danke dir“, antwortete sie.
Ein letzter stummer Moment des Abschiednehmens, dann wandte Tamyela sich ab. Eine Strähne ihres langen Haares streifte dabei wie zufällig seine Hand und die Berührung brannte noch auf Roghads Haut, als die Dunkelelfin längst mit großen Schritten ihrem Dorf zustrebte. Er starrte ihr nach, bis sie nur noch ein schmaler Schatten in der Ferne war, kaum auszumachen zwischen den hoch gewachsenen Pflanzen auf den Feldern.
Dann trat er zögernd den Heimweg an.
Joe Kurz
Joe Kurz
© http://www.joes3dfantasyworlds.com/index.htm


24. Jan. 2010 - Claudia Hornung

Bereits veröffentlicht in:

DIE UNTERIRDISCHEN
T. Bader u.a. (Hrsg.)
Anthologie - Phantastik - Wurdack Verlag - Okt. 2008

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