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1642
von Dave T. Morgan

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Ich wurde am 21. Dezember des Jahres 1642 in London geboren. Damals schon war die überfüllte Stadt düster, gefährlich und reichlich dreckig. Es war das Jahr in dem der erste Bürgerkrieg zwischen den Royalisten und dem Parlamentsunterstützern ausgefochten wurde. Doch ich behaupte noch immer, dass meine Geburt kein Zeichen des Bösen war, obwohl meine Mutter nie davon abkam. Ich wurde in der ersten der Raunächte geboren, sozusagen an der Eröffnungsparty der dunklen Mächte.
Mein Leben lang habe ich das immer wieder zu hören bekommen. In ihrem Aberglauben ging meine Mutter so weit, dass sie mich irgendwann nur noch „Raukind“ statt bei meinem richtigen Namen, Angeline rief. Ich höre noch heute ihre ständigen kleinen Ratschläge und kryptischen Bemerkungen. „Hörst du die Möbel krachen? Es stirbt jemand in der Verwandtschaft!“
Aber vor und während der Raunächte war es am schlimmsten.
„Nimm die weiße Wäsche ab und lege die Leinen zusammen, nicht dass die wilde Jagd sich darin verfängt. Du weißt, sonst…“
„…kommt sie zurück und bringt sie mir als Leichentuch. Ja, ja, Mama. Ich weiß!“
„Aber Kind! Du musst schon mehr als andere aufpassen, schließlich… .“
„…bin ich in der ersten Raunacht geboren. Wie könnte ich das je vergessen, Mama! Anstatt meinen Geburtstag zu feiern, verbringen wir den Tag jedes Jahr in der Kirche und beten!“
Meine Mutter schaute von ihrem Wäscheberg auf, wischte sich den Schweiß und eine graue Strähne aus dem Gesicht.
„Und was ist daran falsch? Wenn du mich fragst, dann ist das der einzige Grund warum du überhaupt noch am leben bist, Raukind! Würde es dir vielleicht besser gefallen mit Wotan und seinen Toten umherzuziehen?“
„Aber am Einundzwanzigsten ist ja noch nicht mal eine Raunacht, Mutter. Die Glöckelnächte beginnen eigentlich erst am Vierundzwanzigsten Dezember!“, sagte ich trotzig.
„Nach altem Brauch ist es nicht die Christnacht, die das Geisterfest einläutet. Aber was weißt du schon noch von den alten Bräuchen!“
Die anderen alten Weiber um uns herum ließen zustimmendes Gemurmel hören. Wütend nahm ich meinen Wäscheberg und stapfte davon. Wenn es nach mir ging konnten die ganzen Raunächte und der Aberglaube der Teufel holen – ich jedenfalls hatte genug davon! In drei Tagen, am Abend vor meinem Geburtstag würde ich meinen Lucien heiraten und dann war es vorbei mit dem ganzen abergläubischen Getue. Er war ein gebildeter Mann, weil … weil … nun zumindest konnte er lesen, und er glaubte nicht an diesen Quatsch!
Ich ging aus dem Waschhaus und warf einen Blick zum Himmel. Bedrohlich grau strichen die Winde darüber und zogen dunkle Wolken mit sich. Die Luft war viel zu warm für diese Jahreszeit und roch nach Gewitter.
„Verdammter Dreck!“, fluchte ich „Wenn es mir meine Wäsche einregnet, bevor ich zu Hause bin…“
„…wird sie dieses Jahr nicht mehr gewaschen!“, ergänzte meine Mutter, die von hinten herangekommen war. „Du weißt… .“
„Ja, ja! Bitte Mutter verschone mich nur dieses eine Mal! Ich möchte doch nur meine Hochzeit feiern und fröhlich sein. Dazu brauche ich das Tuch.“
„Ich verstehe nicht, was du von dem Kerl überhaupt willst! Außer schöne Augen und Wollust hat er doch nichts zu bieten. Er ist so arm wie wir!“
„Na und?“, fragte ich zurück, „mir reicht das schon!“ Grummelnd murmelte sie etwas davon, dass das Wetter vom Fluchen auch nicht besser würde und begleitete mich dann mehr oder weniger schweigend nach Hause.

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Für das Hochzeitsfest hatten sich alle Verwandten mächtig ins Zeug gelegt. Es gab frisches Brot, ein Schwein wurde geschlachtet und sogar für Geschenke hatte es noch gereicht! Am meisten freute mich die blütenweiße Bettwäsche von meiner Mutter. An den Ecken hatte sie meinen und Luciens Namen hineingestickt, ineinander verwobene Schriftzüge, wie unser Leben von nun an sein würde. Ich hatte das Tuch direkt auf unser Hochzeitsbett bezogen. Die Brautnacht, war auch gleichzeitig meine einundzwanzigste Geburtstagsnacht. Nie hatte ich schöner gefeiert.

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Am nächsten Morgen aber pochte es ungeduldig an unsere Tür. Träge schälte ich mich aus den Federn, spähte nach meinen Kleidern und fand keine. Ach ja, die liegen ja unten, weil Lucien mir … mmmh! Kurz entschlossen zog ich die Reste des Betttuches unter Luciens Hintern weg und schlang es mir um den Körper, um dann auf kalten Füßen die Treppe hinab zu tapsen. Als ich öffnete stand meine Mutter vor mir.
„Was willst du denn?“, fragte ich unwirsch.
„Na in die Kirche, Raukind! Rasch zieh dich an und dann geschwind. Sie läuten schon die Glocken!“
Entgeistert starrte ich sie an. „Was? Schon wieder eine von deinen endlosen Gebetstagen?“ Ich dachte an den nackten Mann in meinem Bett, und sagte: „Nein, Mutter! Beim besten Willen nicht, damit ist jetzt Schluss! Ich werde heute bei Lucien bleiben!“
Erschrocken hob meine Mutter die Hand an den Mund, während ich ihr die Tür vor der Nase zuschlug.
Ich ließ das Betttuch fallen, um wieder nach oben zu eilen und da sah ich den großen Fleck darauf. In die Waschkammer laufen, den herzförmigen Fleck mit Gallseife abrubbeln, fluchen weil er nicht ganz herausging und das Laken über eine schnell gespannte Wäscheleine werfen, war nur eine Sache von Minuten. Dann endlich verbrachte ich den 21-ten Jahrestag meiner Geburt endlich einmal nicht in der Kirche.

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Spät am Abend zog ich mich noch einmal an, um einiges von den Resten des Hochzeitessens bei meiner Mutter vorbeizubringen. Ich trug einen Brotlaib und eine Schüssel mit Resten vom Fleisch, als ich aus dem Haus trat. Es lag eine seltsame Stimmung in der Luft und das seit Tagen schwärende Gewitter begann sich gerade zu entladen.
„Zur Hölle noch mal!“, fluchte ich laut und fing an zu laufen. Was war das nur für ein Wetter? Die Luft viel zu warm, ja fast schwül und der Boden eiskalt. Es fühlte sich unnatürlich, fast bedrohlich an.
Raunacht – graue Fracht, sei gewarnt - handle mit Bedacht!, schoss es mir durch den Kopf. Gleichzeitig kündigten die Kirchenglocken den Beginn der ersten der Zwölfnächte an. Verdammt sei meine Mutter mit ihrem Aberglauben, denn jetzt begann ich mich wirklich zu fürchten. Schon meinte ich rufende Stimmen im Wind zu hören, die sich mit den tiefen Tönen der Glocken mischten: Rauuuu-bong-kiiiind! Rauuuu-bang-kiiiind!
Es war wie ein düsteres Lied mit meinem Namen als Text. Nein, nicht meinem Namen, ich hieß doch…? Verdammt! Ich rannte weiter, so schnell ich es in der Dunkelheit wagte und an der vorletzten Ecke geschah es dann: Ich übersah einen losen Pflasterstein, rutschte auf ihm aus und knallte mit dem Kopf heftig gegen die Hauswand. Ich hörte noch ein scharfes Knacken und sah dann einen Moment lang nichts mehr. Als mein Sehvermögen wiederkehrte saß ich auf dem Boden und blutete aus einer Wunde am Kopf. Wie lange…? Nicht länger als ein paar Momente, denn die Glocken hören gerade auf zu läuten.
Ich fasste an meinen Kopf und im Schein eines Fensters konnte ich das dunkle Blut auf meinen Händen sehen. Ich hob das Brot auf und sammelte die dreckigen Fleischstücke in die Reste der zerbrochenen Schüssel.
Mutter würde sehr böse sein.
„Soll sie doch!“, murmelte ich „Sie ist schließlich Schuld an der Misere!“ Als ich gerade wieder los wollte, bog ein junges Pärchen um die Ecke. Doch bevor ich etwas sagen konnte schrie die Frau auf und beide liefen davon. Ich musste ja schrecklich aussehen, mit all dem Blut, aber so, dass man gleich davonlaufen musste?
„Danke für eure Hilfe, Feiglinge!“, rief ich ihnen hinterher und setzte den Weg zu meinen Eltern fort. Den aufkommenden Regen ignorierte ich dabei so erfolgreich, dass ich kaum nass wurde. Doch als ich schließlich ankam, fand ich die Türen verschlossen und keiner öffnete mir. Auch nicht, als ich Steine an die Fensterläden warf. Entweder schliefen sie wirklich fest, oder meine Mutter war noch immer wütend. Also stellte ich das Brot und die zerbrochene Schüssel mit dem Fleisch hinter den Laden in der Erdgeschosswerkstatt und machte mich auf den Weg zurück.
Doch die seltsamen Ereignisse dieser Nacht fanden kein Ende. Ich musste wohl noch immer ein wenig benommen gewesen sein, denn ich verlief mich auf dem kurzen Weg nach Hause. Immer tiefer geriet ich in die kleinen Gassen der Stadt und irrte so lange umher, bis ich irgendwann in der Morgendämmerung völlig verzweifelt und erschöpft unter einer der zahllosen Themsebrücken einschlief. Ich musste nur warten bis es Tag wurde, und einfach jemand nach dem Weg fragen. Bisher hatte ich auf meiner gesamten nächtlichen Wanderung keinen Menschen in der Stadt getroffen. Wie gesagt, es war eine allzu seltsame Nacht.
Als ich aus meinem Schlaf erwachte, war es schon wieder tiefe Nacht und ich fand die Strassen – leer. Einige Straßenlichter beleuchteten eine trostlose Welt. Es regnete noch immer. Trüb und grau war alle Farbe von den Dingen gewaschen worden. Wo waren all die Menschen?
Ich lief endlos lange durch die dunklen Strassen der Stadt, doch fand ich meinen Weg nach Hause nicht. Ich klopfte an Türen und Fester, um nach dem Weg zu fragen, doch drangen nur angstvolle Schreie und Gebete zu mir heraus. Es war wie ein Alptraum und es hörte einfach nicht auf! Dann begann ich am Ende der Gassen dunkle Gestalten huschen und finstere Wesen laufen zu sehen, doch fürchtete ich mich zu sehr um zu rufen.
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Die weiteren Tage vergingen in einem Nebel aus Kälte, Verwirrung und grauen Ängsten.
Als ich endlich wieder nach Hause fand, dämmerte der Abend der Dreikönigsnacht herbei. In einem ärmlichen Viertel bog ich um die Ecke und stand plötzlich vor meiner Haustür. Wie im Schock blieb ich stehen. Die Türpfosten waren mit schwarzen Tüchern umwickelt und der Boden mit verwelkten Rosenblättern bestreut, als wäre vor einiger Zeit ein Leichenzug hier entlanggegangen. Was ist hier während meiner Abwesenheit passiert? Ein kalter Klumpen fuhr mir in den Magen. Es konnte sich nur um Lucien handeln! Irgendwo krächzten Raben und eine alte Frau, halb blind und gebeugt stand vor dem Haus. Ich ging zu ihr und fragte:„Sag mir Frau, was ist hier geschehen? Ist jemand gestorben?“
Die Frau sah nach mir, kniff die Augen zusammen und nickte dann. „Die Herrin ist tot! So jung war sie, so schön! Aber ein Raukind, halt. Wir haben es immer gewusst, dass sie nicht alt werden wird!“
Vollkommen geschockt sah ich sie an. Die Hausherrin? Aber das bin doch…!?
Hinter mir in der Gasse hörte ich eine Stimme wie einen Erdrutsch rufen: „Raukind!“
Gefrierendes Eis glitt über meinen Rücken, als ich mich langsam umdrehte.
Der Mann war riesengroß, trug eine Augenklappe und hielt einen dunklen Speer in seinen Händen. Um seinen Arm hatte er ein weißes Tuch mit einem herzförmigen Fleck darauf geschlungen. Zwei Raben ließen sich auf seinen Schultern herab als er fragte: „Kommst du, Raukind? Wir wollen auf die Jagd!“

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Es war in den Raunächten des nächsten Jahres, als ich mich wieder in London einfand. Was ich in diesem Jahr mit den Toten erlebte hatte und wo wir uns umtrieben – ich vermag kaum Worte dafür zu finden. Jedenfalls hatten wir von Wotan für die Raunächte Ausgang bekommen, und ich streifte am Weihnachtsabend durch die nächtlichen Strassen meines alten Viertels. Plötzlich begann mich etwas vorwärts zu ziehen, ich bog um eine Ecke und stand vor der kleinen Kirche in der meine Mutter und ich immer gebetet hatten. Ein warmes Licht gleißte auf die Strassen hinaus. Magisch angezogen von dem süßen Klang der Lieder ging ich wie im Trance vorwärts, bis ich kurz vor dem Eingang stand. Dort ging es nicht mehr weiter. Aber in der letzten Reihe, sah ich meine Mutter sitzen, tief in ihr Gebet versunken. Ihre Worte waren es, die mich vorwärts zogen.
Heilige Mutter Gottes, vergib meinem Raukind, nimm sie auf in deine tröstenden Arme, führe sie aus der Dunkelheit….
Es war, als würden ihre Worte die Tore für mich öffnen. Ich wollte gerade den Fuß über die Schwelle setzen, als ich hinter mir eine Erdrutschstimme vernahm; „Raukind! Tu das nicht, du bist meine Braut!“
„Du hast mich schon einmal verführt, Lucien – Wotan, doch am Ende hast du verloren!“
Voller Freude, schritt ich zu meiner Mutter, setzte mich neben sie und legte meine Hände über die ihren. Ich wusste sie konnte mich nicht sehen und doch floss eine einzelne Träne über ihre Wange, als sie leise murmelte: „Nun kannst du endlich Frieden finden, Angelina!“

21. Dez. 2009 - Dave T. Morgan

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