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Flammen über Kamchun
von Claudia Hornung

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
“Nun geh schon”, raunte Nevio und stieß mich unsanft in den Rücken.
Jocus begann zu kichern. “Unser kleiner Lucius hat wohl Angst …”
“Blödsinn.” Ich warf ihm einen erbosten Blick zu. “Ich muss mir nur erst einen Plan ausdenken.”
“Einen Plan? Warum?”
Ich hob die Schultern. “Weil man das eben so macht.”
“Nein”, entschied Nevio. “Du gehst jetzt einfach da rüber und plauderst ein bisschen mit ihr. Wir kommen dann nach, wenn … wenn …”
“Wenn es soweit ist”, vollendete Jocus grinsend.
“Aber was soll ich zu ihr sagen?”, maulte ich.
“Dir wird schon was einfallen.” Nevio schob mich energisch vorwärts. “Geh endlich!”
Noch ein Schritt, dann verbarg mich der Rand des Waldes nicht mehr. Leise fluchend stolperte ich aus dem Schatten der dicht stehenden Eichen hinaus auf die Lichtung. Die Februarsonne fühlte sich noch nicht wirklich warm auf meiner Haut an. Ein leichtes Prickeln verursachte sie dennoch. Ich blieb stehen, um das Gefühl zu genießen.
“Los jetzt, Lucius!”
“Ja, ich geh ja schon …” Immer noch murrend setzte ich mich wieder in Bewegung.
Was für eine dumme Idee, mich auf das Hölzchenziehen einzulassen. Ich kannte Nevio und Jocus lange genug, um zu wissen, dass sie mich höchstwahrscheinlich hereingelegt hatten. Natürlich interessierte mich die unbekannte Schöne auch, die vor einigen Tagen auf unserer Lichtung aufgetaucht war. Ich wollte ihre Bekanntschaft machen, erfahren, wie sie hieß und ob einer von uns – vielleicht ich? – Chancen bei ihr hatte. Aber sie wirkte sogar auf die Ferne so unnahbar, dass es vermutlich keine gute Idee war, sie einfach so anzusprechen. Feen sind oft unberechenbar. Und wie ich aus eigener Erfahrung wusste, manchmal ausgesprochen schlecht gelaunt ...
Diese war es auch. Ich spürte es mit jedem Schritt, den ich mich ihr näherte. Dennoch hoffte ich insgeheim, dass sie mich noch nicht bemerkt hatte und sich über etwas anderes ärgerte, denn sie hielt den Kopf der Sonne zugewandt und die Augen geschlossen. Als ich bis auf wenige Meter heran war, blieb ich stehen. Betrachtete sie mit offenem Mund. Sie war atemberaubend schön. Und nur mit einem Hauch von Nichts bekleidet. Ich muss gestehen, dass sie mein Blut ganz schön in Wallung brachte. Ein leises Keuchen stahl sich über meine Lippen, als ich mir vorstellte, wie …
“Hast du mich nun lange genug angestarrt?” Sie wandte den Kopf und besah mich mit kühler Miene.
Ich stolperte einen Schritt zurück. Das Klackern meiner Hufe ließ ihren Blick nach unten wandern und der Ausdruck in ihren hellen Augen wurde spöttisch.
“Ach, sieh an, ein Faun …”
Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde vor Ärger und Beschämung. “Ganz recht, ich bin ein Faun. Aber ich kann daran nichts Schlechtes finden.”
“Natürlich nicht.” Jetzt lachte sie hell heraus. “Vermutlich findest du es auch völlig in Ordnung, dich anzuschleichen und mich zu begaffen, was?”
Empört schüttelte ich den Kopf. “Das war nicht meine Idee.”
Sie lachte wieder, aber es klang nicht freundlich. “Dann war es wohl die Idee deiner beiden Kumpane, die dort zwischen den Eichen herumhampeln?”
Ich begriff nicht, wie sie Nevio und Jocus erkannt hatte; nicht einmal mir gelang es, sie zwischen den dicht stehenden Büschen am Waldrand auszumachen. Unsicher kratzte ich mich am Bärtchen.
“Nun ruf sie schon her. Ich will sehen, mit wem ich es zu tun habe.”
Widerwillig drehte ich mich um. “Kommt raus, ihr zwei. Sie hat euch längst bemerkt.”
Eine Weile tat sich nichts. Dann trat Nevio aus dem Schatten der Bäume. Jocus folgte ihm zögernd. Als sie heran waren, stellten sie sich neben mich und ließen die Köpfe hängen, als hätte die Fee sie bei etwas Verbotenem erwischt.
Mein Trotz erwachte. Wir hatten doch gar nichts Böses getan!
“Möchtest du etwas sagen, junger Mann?”
Ich zuckte zusammen. Konnte sie Gedanken lesen?
“Und wenn? Meinst du, es ist ein Vergnügen zu sehen, was sich in deinem Kopf abspielt?”
Jocus begann zu kichern. “Sicher nicht …”
Sie sah ihn herablassend an. “Auch in deinem Kopf ist außer Wollust nichts zu finden, scheint mir …”
Jocus errötete. Jetzt hätte ich gerne gelacht, aber ich traute mich nicht. Nevio war es, der schließlich das Wort ergriff.
“Wir wollten nichts weiter als Euren Namen erfahren, schöne Unbekannte”, sagte er. “Und wissen, was in Kamchun vor sich geht. Seit Ihr hier seid, ist der Himmel immer wieder erleuchtet von Flammen.” Er wies über unsere Köpfe hinweg in den orangegefärbten Himmel.
“Und es riecht nach Rauch”, fügte Jocus hinzu.
“Auch wenn es euch nichts angeht, mein Name ist Mierell.” Sie musterte uns der Reihe nach. “Und wenn es euch so brennend interessiert, was in Kamchun passiert, warum geht ihr dann nicht einfach dorthin und findet es selbst heraus?”
“Weil …” Nevio stockte.
Ich wusste, was in ihm vorging. Wir Faune sind zwar von Natur aus neugierig, aber unsere Welt sind die Wälder. In der Nähe steinerner Behausungen haben wir uns nie wohlgefühlt. Dazu kommt, dass die meisten Wesen, denen wir begegnen, uns nicht mögen. Vielleicht, weil uns die Ernsthaftigkeit fehlt. Oder das Besitzdenken. Wir nehmen uns, was wir wollen, wir amüsieren uns, solange es uns gefällt, und dann verschwinden wir wieder …
“Na?”, fragte die Fee.
Nevio blickte an ihr vorbei, die schief behauenen Stufen hinauf, die über den Berg nach Kamchun führten. Die alte Ruinenstadt lag in einem Talkessel. “Es könnte gefährlich für uns sein …”
“So, könnte es das?” Sie biss sich auf die Lippen.
Es ärgerte mich, dass sie mich und meine Freunde offenbar so lächerlich fand. “Ja”, sagte ich patzig. “Bei unserem letzten Besuch dort wurden wir mit Steinen beworfen.”
Tatsächlich war keiner von uns jemals in Kamchun gewesen. Aber das wusste die schöne Mierell ja nicht.
“Glaubt mir, das wird euch heute nicht passieren.” Sie erhob sich von dem knorrigen Baumstamm, auf dem sie bislang gesessen hatte, und winkte mich näher zu sich heran. “Komm her, mein Kleiner, dann verrate ich dir was.”
Ich stakste unsicher auf sie zu. Als ich vor ihr stehen blieb, zitterten mir vor Erregung die Beine. Ich reichte ihr gerade bis auf Brusthöhe und wie ich schon sagte, sie war nur wenig bekleidet. Sozusagen war das, was sie anhatte, nicht der Rede wert. Außerdem strömte ihr Duft in meine Nase und er war so betörend, so süß und schwer zugleich, erinnerte mich an überreife Früchte an einem heißen Sommertag …
Mierell bückte sich zu mir herunter. “Schweif nicht ab, kleiner Faun”, flüsterte sie mir ins Ohr. Ihr Atem streifte meinen Hals und ich bekam eine Gänsehaut. “Möchtest du wissen, was in Kamchun vor sich geht?”
Ich nickte stumm. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Nevio und Lucio dasselbe taten, als seien wir drei dressierte Waldaffen.
“Mein Haustierchen lebt dort. Ein allerliebster, entzückender kleiner Drache. Möchtest du vielleicht seine Bekanntschaft machen, kleiner Faun?”
“Nein!” Ich fuhr zurück, stolperte, versuchte mich an Jocus festzuhalten, der sich seinerseits an Nevio festkrallte und allesamt landeten wir unsanft im Gras.
Die Fee lachte schallend. “Nein? Wie schade …”
Ich rappelte mich auf. Der Anblick ihrer wippenden Brüste und üppigen nackten Schenkel verwirrte mich erneut. Wie musste es wohl sein, sie anfassen zu dürfen, gar die Nase auf die samtweiche Haut zu drücken, diesen unglaublichen Duft tief einzusaugen …
Sie packte mich unsanft am Nacken. “Hatte ich schon erwähnt, dass mein entzückender kleiner Drache heute noch kein Frühstück hatte?”
Ich riss mich los. “Es ist nicht nötig, uns zu drohen. Wir haben schon verstanden.”
“Das hoffe ich.” Sie machte eine Handbewegung als wolle sie uns davonscheuchen wie einen Schwarm lästiger Fliegen. “Ich kann es nämlich nicht ausstehen, so ungehörig begafft zu werden.”
“Aber das ist unsere Lichtung”, wagte Nevio einzuwenden. “Und unser Wald. Wir lassen uns nicht einfach vertreiben, wir waren zuerst da.”
“Tja, Dinge ändern sich nun mal.” Die Fee funkelte ihn boshaft an. “Aber wir können das gern in Kamchun weiter diskutieren, wenn ihr wollt?”
Ich beeilte mich, aus ihrer Reichweite zu kommen, bevor sie mich wieder am Nacken packte und dem Drachen womöglich zum Frühstück servierte. Just in dem Augenblick erzitterte die Erde. Der Boden bebte unter meinen Füßen und die Welt um mich herum geriet ins Wanken. Ein ohrenbetäubendes Brüllen ertönte aus dem Talkessel, dann schlugen neue Flammen in den Himmel. Der Drache!
“Ich glaube, w-w-wir haben ihn aufgew-w-weckt …”, stammelte Jocus.
“Lasst uns abhauen.” Nevio gab mir einen Stoß.
Wir galoppierten mit flatternden Haaren über die Lichtung, zurück in den sicheren Wald, während Mierells Lachen hinter uns herschallte.

In den nächsten Wochen mieden wir die Lichtung, die früher unser Lieblingsplatz gewesen war. Im Sommer, als wir uns allmählich wieder hervorwagten, weil das Gras nun so hoch wucherte, dass es uns komplett verbarg, war die schöne Fee nicht mehr da.
Wir trösteten uns mit den Elfchen, auch wenn uns ihr Geplapper und ihre Albernheit mitunter gehörig auf die Nerven ging. Und den Tag, als eine von ihnen den Vulkan erwähnte, der Kamchun verschüttet hatte und immer mal wieder den Himmel mit Flammen färbte, strichen wir ganz schnell wieder aus unserem Gedächtnis.

05. Jun. 2009 - Claudia Hornung

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