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Nadias letzte Reise
von Claudia Hornung

Michael Sagenhorn Michael Sagenhorn
© http://www.phantasaria.de
Es war noch finster, als Alexej erwachte. Und kalt. Bitterkalt. Der alte Ofen musste während der Nacht ausgegangen sein. Frostblumen zierten das Fenster, durch das Alexej so oft den Himmel betrachtete, wenn er nicht einschlafen konnte. Der Ostwind pfiff durch die Ritzen und die Luft roch nach Schnee. Kein gutes Zeichen.
Seine Finger tasteten über den schmutzigen Boden, bis sie den Korb fanden. Er war leer. Keine Kohlen, kein Holz, nicht das kleinste Fetzchen Papier. Außer den Zeitungen, auf die er Nadia gebettet hatte, gab es nichts mehr, das sie verbrennen konnten. Nichts mehr, an dem sie sich wärmen konnten. Alexej biss sich auf die Lippen, das nagende Hungergefühl im Bauch ignorierend. Er wusste, dass dort auf dem Tisch nur noch zwei schrumpelige Äpfel lagen. Die sollte Nadia bekommen, falls sie später in der Lage dazu war, etwas zu essen.
Er hörte sie in der Dunkelheit leise atmen. Flach und ein bisschen unregelmäßig, aber es klang dennoch friedlich. Alexej war froh, dass sie schlief. Wenn sie schlief, hustete sie nicht. Und sie weinte auch nicht, weil sie hungrig war oder fror oder weil sie sich nach den Weiten der Steppe sehnte, in der sie ihre Kindheit verbracht hatten. Oder weil das Jahr zu Ende ging und Weihnachten nahte. Seit er es nicht mehr schaffte, das Fieber zu senken, weinte Nadia eigentlich immer, wenn sie wach war. Er hätte ihr ein anderes Leben gewünscht. Nicht eines so fern der Heimat, bei dem sie um jeden Tag kämpfen musste, sondern eines, in dem sie unentwegt lachen konnte. Eines, in dem das Glück zu Hause war.
Alexej setzte sich auf und zog die Beine an. Ob er es wagen durfte, sie allein zu lassen? Vielleicht konnte er irgendwo ein paar Kohlen stehlen oder etwas zu essen auftreiben. Damit konnte er sie trösten, wenn sie aufwachte. Vielleicht würde sie dann heute nicht weinen. Vielleicht konnte er den Tod so noch ein paar Tage länger von ihr fernhalten. Wenigstens bis Weihnachten. Er wusste nicht, warum ihr dieses Fest so wichtig war, zumal es für sie keine Geschenke geben würde. Außer … er fand noch eines.
Alexej schüttelte die klamme Decke ab und erhob sich. Vielleicht konnte er eine der roten Kerzen besorgen, mit denen die Händler ihre Auslagen schmückten. Damit würde es ihm vielleicht gelingen, ein Lächeln in Nadias fiebertrübe Augen zu zaubern. Er hatte sie viel zu lange nicht mehr lächeln sehen.
Fast lautlos schlich er zur Tür des baufälligen Schuppens, zwängte sich hindurch und verschwand wie ein Schatten in der grauen Dämmerung.

Szenentrenner


Als er sich etwa zwei Stunden später auf den Heimweg machte, hüpfte sein Herz vor Freude. Es war ein guter Morgen gewesen. Ein besonders guter sogar. Nicht nur, weil es ihm gelungen war, der dicken, sonst immer mürrischen Frau des Bäckers einen Laib Brot abzuschwatzen, der nur ein kleines bisschen verbrannt war. Das starke Schneetreiben, das kurz nach seinem Aufbruch eingesetzt hatte, hielt ihn auch verborgen, als er in den Keller des Pfarrhauses einstieg und sich die Manteltaschen mit Kohlen füllte. Und was das Beste war: Er hatte eine rote Kerze für Nadia erbettelt. Ein gutmütiger Händler hatte sie ihm geschenkt, weil sie im eisigen Wind, der heute über den Markt fauchte, nicht recht hatte brennen wollen. Aber für den Schuppen taugte sie allemal. Und hoffentlich auch für ein Leuchten in Nadias Augen.
Alexej platzte fast vor Vorfreude. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den Sturm und eilte zum Stadttor hinaus, mit großen Schritten den schäbigen Unterkünften der Wanderarbeiter entgegen, die nur während der Sommermonate bewohnt waren. Darum störte sich auch niemand daran, dass er mit Nadia jetzt dort draußen hauste. Solange sie nichts kaputtmachten und rechtzeitig im Frühjahr wieder verschwanden …
Er hatte die ersten Hütten fast erreicht, als ein leises Klingeln an sein Ohr drang. Verwundert blieb er stehen und hob den Kopf. Zu dem Klingeln gesellte sich ein seltsam schabendes Geräusch, das direkt auf ihn zukam, das Trappeln von Hufen, ein Schnauben – und dann schälte sich der Umriss eines goldenen Pferdeschlittens vor ihm aus den wirbelnden weißen Flocken.
Alexej fuhr überrascht zurück und stolperte über eine Wurzel. Mit rudernden Armen kämpfte er um sein Gleichgewicht. Vergeblich, denn am Ende landete er doch im Schnee. Aber für das Lachen, das sein Missgeschick begleitete, hätte er sein Leben gegeben.
„Nadia!“
Sie trug ein kurzes Kleidchen aus rotem Samt, den Kragen mit weichem Fell besetzt und pfauenfedergeschmückte Stiefel in derselben Farbe. Und sie lachte, wie er sie noch nie hatte lachen sehen, mit blitzenden Augen und roten Wangen, und streckte ihm die Hand entgegen.
Er traute seinen Augen nicht. „Nadia …“
Wie hübsch sie war. Wie anmutig sie sich bewegte. Wie seidig ihr helles Haar glänzte, jetzt, da sie es offen trug und nicht zu Zöpfen geflochten hatte. Wie weich es ihr auf die Schultern fiel. Wie …
„Nun hör schon auf, mich anzustarren und mach den Mund wieder zu, ich bin es, ja!“ Ihr Lachen perlte noch immer durch den frostigen Wintermorgen.
„Aber … was tust du hier?“
„Ich begleite Väterchen Frost auf seiner Reise“, antwortete sie und warf keck den Kopf in den Nacken. „Er braucht doch seine kleine Snegurotschka, du erinnerst dich?“
„Was?“
„Väterchen Frost. Hat dir deine Mutter nie Geschichten erzählt, du dummer Junge?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, als sei sie seine Mutter und wolle das Versäumte auf der Stelle nachholen.
„Natürlich.“ Er hatte sie nie zuvor so erlebt. „Aber …?“
„Nun, Väterchen Frost klopfte heute Morgen an unsere Tür, um uns abzuholen.“ Die Erinnerung an diesen Moment ließ ihr Gesicht vor Seligkeit strahlen. „Du warst nicht da, aber jetzt haben wir dich ja gefunden. Steig auf und begleite uns!“
Sie schien nicht zu frieren, die wirbelnden Flocken tanzten über die nackte Haut ihrer schlanken Beine, küssten ihren zarten Hals.
„Wo wollt ihr denn hin?“ Er fragte, als wüsste er die Antwort nicht.
„Das weißt du doch! Wir reisen um die Welt und bringen den Kindern Geschenke.“
„Aber das ist doch nur ein ...“ Er verstummte abrupt, als er sah, wie das Leuchten in ihren Augen schwand.
Sie blickte ihn an. Lange. Schweigend.
„… ein Märchen“, flüsterte er fast unhörbar.
Der hagere Mann, der neben ihr auf dem prunkvollen Schlitten saß und die Zügel des silbernen Pferdes in den Händen hielt, nickte bedächtig. „Hm, wenn du meinst.“
Alexej starrte ihn an. Noch immer hockte er im Schnee. Und der, der behauptete, Väterchen Frost zu sein, dort oben. Santa nannten sie ihn hier, im neuen Land. Er war jung, trotz des langen weißen Bartes, der von glitzernden Eisfäden durchzogen war. Es tat weh, ihn neben Nadia zu sehen. Nadia, die jetzt wieder lachte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Erneut streckte sie den Arm nach ihm aus.
„Alexej, willst du nicht mit uns kommen? Es ist noch Platz für dich im Schlitten.“
Die weit ausgeschnittenen Ärmel ihres roten Kleides flatterten im Wind, als sie hinter sich wies. Schneekristalle wehten ihn an.
Für einen winzigen Moment zögerte Alexej, dann erhob er sich mühsam und klopfte sich den Schnee vom Mantel. „Nein.“
Einige Kohlestücke waren aus seinen Taschen gekullert, er bückte sich und sammelte sie wieder ein. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Ein letzter verzweifelter Versuch, sie zu retten, zur Umkehr zu bewegen, auch wenn er ahnte, dass es sinnlos war: „Nadia, sieh, was ich mitgebracht habe. Wir können heizen! Ich habe auch Brot für uns, ganz frisches Brot. Lass uns ...“
Ein Schwarm Krähen zog laut kreischend an ihnen vorüber und übertönte seine Worte.
Sie wartete, bis das Lärmen der Vögel verstummt war. „Ich will nicht zurück“, sagte sie dann ruhig. „Ich bin dieses Jahr seine kleine Snegurotschka, schon vergessen?“
Er hatte gewusst, dass sie ablehnen würde. Die Finger in seiner Tasche krallten sich um die erbettelte Kerze. Er würde kein Geschenk mehr brauchen. Nadia würde nicht mehr da sein. Weihnachten würde nicht stattfinden.
„Vergessen …“, meinte Alexej rau. „Nichts, was mit dir zu tun hat, werde ich jemals vergessen.“
„Soll das heißen, du sagst mir Lebewohl?“
„Ja. Auf dieser Reise kann ich dich nicht begleiten.“
„Wie schade …“
Die Trauer in ihrer Stimme schmerzte ihn fast noch tiefer als der Anblick der schwarz schillernden Schwingen auf ihrem Rücken. Er hatte sie wohl bemerkt, die Zeichen des Todes. Aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als Nadia darauf aufmerksam zu machen.
„Glückliche Reise.“
Sie winkte ihm noch einmal zu, während ihr Begleiter in stummem Bedauern leicht die Brauen hob. Ein kurzes Schnalzen mit den Zügeln, dann setzte sich das silberne Pferd in Bewegung. Der Schlitten ruckte an. Knirschend schob er sich über den vereisten Weg. Das leise Klingeln des Glöckchens mischte sich mit Nadias Lachen, während sie sich entfernten.

Szenentrenner


Alexej spürte die Kälte nicht. Nicht den Wind, nicht die Angst und nicht die Einsamkeit. Er stand noch immer regungslos an derselben Stelle und lauschte in den Wintermorgen, als es schon längst nichts mehr zu hören gab.
Und auf seinem Gesicht schmolz unablässig der Schnee.

24. Dez. 2008 - Claudia Hornung

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