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Am Ende steht das Wort
von Margret Schwekendiek

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
11 Uhr vormittags, Treffpunkt Literaten-Ghetto
Anwesend sind der Reporter der Com-Central-Cableworks (CCC), Jason Low, sowie etwa zwanzig neugierige Zuschauer. Rundum sechs Wächter in den grauen Uniformen der Book-Guard


JaLo: Alle Achtung, meine Damen und Herren an den Tri-Vi-Geräten daheim, liebe Zuschauer. Wir haben zwanzig mutige Menschen gefunden, die bereit sind, mich heute auf der Exkursion in das Literaten-Ghetto zu begleiten. Natürlich sind wir gut abgesichert, die Book-Guard wird dafür sorgen, daß niemand mit dem schädlichen Virus des Lesens angesteckt werden kann. Aber wir werden heute diese Reportage zeigen, um Ihnen allen zu versichern, daß niemand von uns Gefahr läuft, einem dieser Infizierten nahe zu kommen. Wir wollen Ihnen beweisen, daß diese Andersartigen gut weggeschlossen sind – ebenso übrigens wie die Bücher, mit denen ohnehin keiner von uns etwas anfangen könnte. Und vielleicht wird es auch einige von Ihnen interessieren, was diese Literaten überhaupt in ihrem Ghetto tun. Immerhin war die Regierung gezwungen, für ihre Sicherheit zu sorgen, nachdem es durch eine wahre Inflation an Büchern während des großen Vid-Medienaufbaus fast zu einer Revolution der Literaten gekommen wäre. Doch diese Krankheit wurde eingedämmt, und heute können wir sie als fast ausgerottet bezeichnen.
(JaLo greift sich einen der Besucher heraus)
He, hallo, Sie – Sie werden heute einer meiner Begleiter sein. Was stellen Sie sich vor, was uns da hinter diesem undurchsichtigen Elektrozaun erwartet?

Besucher: Ich weiß nicht recht. Ich bin nur hier, weil ich die Eintrittskarten und das anschließende Essen mit Ihnen gewonnen habe. Und es interessiert mich auch nicht besonders, was die da drinnen mit dem Papier anstellen. Lesen – das ist doch anstrengend, und außerdem muß man dabei denken. Wer will das schon? Geben Sie mir gleich ein Digigramm für meine Nichte? Und darf ich meine Mutter grüßen? – Hallo, Mami, ich bin im Tri-Vi. Es ist wirklich wahr. (Winkt fröhlich in die Kamera)

JaLo: (Zieht den Mann aus dem Blickfeld) Großartig, hier haben wir also schon mal einen der Gewinner. Ich bin sicher, dies hier wird ein unvergeßliches Erlebnis für Sie werden. Aber trotzdem wiederhole ich meine Frage, jetzt aber an jemand anders: Was erwarten Sie im Ghetto?

Besucher 1: Nun, ich denke, da drin befinden sich alle die Menschen, die sich der großartigen medialen Rundum-Betreuung durch die verschiedenen Tri-Vi-Sender entziehen, indem sie lesen und schreiben, und dadurch unkontrollierte Gedanken freisetzen. Das ist Medienverschmutzung.

JaLo: Eine gute Antwort, mein Lieber, eine hervorragende Antwort – und sogar richtig. Diese armen bedauernswerten Wesen bestehen auf der verrückten Ansicht, daß Bücher, Stifte und Papier zu ihrem Leben gehören. Sie haben bis heute nicht begriffen, daß es für jeden von uns einfacher und verständlicher ist, über die Tri-Vi-Sender oder die 4-D-Audits, die neuen interaktiven Vid-Marathons, die Welt zu erleben. Ich gehe davon aus, liebe Zuschauer, daß Sie, ebenso wie ich, keine endlos lange Zeit mehr mit dem Erlernen des Lesens verschwendet haben. Heutzutage gibt es schließlich den allgegenwärtigen Comp-Link, den Computer, der aufs Wort gehorcht. Die neue Version der Firma Microgates ist übrigens sogar in der Lage, Ihre Träume zu analysieren. Sie bekommen die neue Version als Upgrade über den Tri-Vi-Link von CCC für lächerliche 99 Credits. Lassen Sie sich diese neuartige Berieselung nicht entgehen, Sie verpassen sonst etwas Aber versuchen wir, beim Thema zu bleiben. Die Technik macht stets weitere Fortschritte. Wozu sollte sich noch jemand die Mühe machen, seine Augen und seinen Kopf mit sinnlosen Buchstaben vollzustopfen?
Vielleicht können wir dieser Frage heute noch auf den Grund gehen, denn die Book-Guards, unsere Beschützer, führen uns nun endlich durch den streng abgesicherten Eingang. Wir betreten eine andere Welt, liebe Zuschauer. Nun ja, bis jetzt sieht es hinter dem Elektrozaun noch relativ normal aus. Kleine Häuser stehen in Reih und Glied, so wie in anderen Siedlungen auch. Nur wenige Menschen sind auf der Straße zu sehen.
Sie, hallo, Sie sind ebenfalls Besucher. Was halten Sie davon?

Besucher 2: Ich finde, daß diese ganze Anlage sehr teuer und großzügig ausgestattet ist. Ich bin erstaunt, wie viele Steuergelder ausgegeben werden, um diese Außenseiter der Gesellschaft so luxuriös unterzubringen. Davon abgesehen wirken sie wie ganz normale Menschen. Sind sie wirklich so gefährlich? Ich meine – lesen und schreiben ist doch sicher eine erlernte Fähigkeit, die unsere Vorfahren einmal alle beherrscht haben. Was kann so schlimm daran sein… (Bevor er zuende sprechen kann, wird er von kräftigen Männern der Book-Guard betäubt und abgeführt)

JaLo: Sie sehen, liebe Zuschauer, dieser Virus ist tatsächlich überall aufzufinden und infiziert mit unglaublicher Schnelligkeit. Wir alle müssen sehr wachsam sein, um die Ansätze gleich auszurotten, bevor solche defätistischen Ansichten Zugang in unsere schöne bunte Tri-Vi-Welt finden. Hat dieser Mann nicht ausgesehen wie ein ganz normaler Mensch? Dabei ist er ein verkappter Literat, darauf würde ich wetten Aber es macht sie ja gerade so gefährlich, daß man ihnen nicht schon am Gesicht ansehen kann, daß sie Literaten sind.
Bei alledem dürfen Sie als normaler Mensch aber nicht vergessen, daß einige dieser Außenseiter dazu verpflichtet sind, der Regierung beizustehen. Leider ist es immer noch notwendig, daß neue Programme für unsere Computer eingerichtet werden, die grundsätzliche Fähigkeiten des Schreibens und Lesens erfordern. Es sollte daher in unserem Interesse sein, daß diese Wesen zufrieden sind, damit wir alle davon profitieren können. Aus diesem Grund werden sie auch relativ gut behandelt.
Aber jetzt wollen wir doch endlich eines dieser Häuser betreten, um festzustellen, was die Literaten von uns normalen Menschen unterscheidet.
Für Sie daheim, liebe Zuschauer, gibt es jetzt eine kleine Werbepause mit den neuesten Produktinformationen. Schalten Sie nicht ab, hier geht es gleich spannend weiter.

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JaLo: Hier also befinden wir uns in einer sogenannten Studierstube. Und wirklich, meine lieben Zuschauer, es wirkt für uns, die wir uns hier befinden, noch grauenerregender als für Sie an den Bildschirmen. All diese Bücher, Relikte aus einer längst vergessenen Zeit, die uns noch dunkler vorkommt als das Mittelalter. Ich bin sicher, niemand von Ihnen hegt ernsthaft den Wunsch, sich damit abzugeben.
Aber hier haben wir einen der Literaten. Fragen wir ihn, warum er sich selbst außerhalb der bestehenden Medien-Gesellschaft stellt.
Also – Mister – ach, Sie sind Nummer 138911-4? Was hat Sie dazu gebracht, sich dem allgegenwärtigen Tri-Vi-Konsum zu entziehen und sich stattdessen der Vergangenheit, also dem gedruckten Wort, zuzuwenden?

Literat: Das ist einfach zu erklären und für jemanden wie Sie wahrscheinlich schwer zu verstehen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie alle, die Sie sich rund um die Uhr von nichtssagenden Sendungen berieseln lassen, nicht mehr in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden? Sie haben die Geschichte verdrängt, aus der wir eigentlich alle lernen sollten. Sie haben die großen Dichter und Denker totgesagt, die noch in der Lage waren, uns etwas zu vermitteln. Sie alle sind gleichgeschaltet, haben nur noch eine Meinung, die Ihnen von außen eingeflößt und von der herrschenden Klasse bestimmt wird. Sie alle wissen nichts mehr über die Welt, die Vielfalt der Natur, und schon gar nichts mehr darüber, daß wir alle eigentlich ein fruchtbares Miteinander, meinetwegen auch Gegeneinander, bilden sollten. Menschen haben einmal dafür gekämpft, lesen und schreiben erlernen zu dürfen…

JaLo: Ja, danke, ich glaube, das reicht jetzt. Aber wer braucht schon eine eigene Meinung, liebe Zuschauer?
(Schiebt den Literaten beiseite) Sie haben uns jetzt sehr ausführlich erklärt, daß Sie sich nicht bereit finden wollen, gesellschaftskonform zu leben. Auch ich halte diese Ansichten für extrem gefährlich. Und ich denke, wir sollten diesen Besuch jetzt abbrechen. Sie sehen, liebe Zuschauer, es ist eine Art Geisteskrankheit, von der die Literaten befallen sind, und wir tun gut daran, sie wegzusperren, zu unser aller Bestem. Wie auch ich sehnen Sie sicherlich alle den Tag herbei, an dem wir auf die Hilfe dieser Außenseiter nicht mehr angewiesen sind, den Tag, da auch die letzten hoheitlichen Aufgaben endlich komplett von den Computern übernommen werden können. Und dann wird es hoffentlich auch möglich sein, solche fehlgeschalteten Individuen schon vor der Geburt zu erkennen und zu eliminieren. Bis dahin kann ich Ihnen allen nur raten, achten Sie auf Ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten. Sorgen Sie dafür, daß diese gefährlichen Außenseiter nicht frei zwischen uns herumlaufen können. Melden Sie jeden Verdächtigen der Book-Guard, um jede Gefahr gleich aus dem Verkehr zu ziehen.
Unsere Sendezeit für diesen außergewöhnlichen Besuch ist um. Wir verwöhnen Sie mit einer kleinen Werbepause, danach schalten wir um zur täglichen Quiz-Show „Rate oder stirb“. Die heutigen Gladiatoren werden bemüht sein, Sie bis zu ihrem bitteren Tod zu unterhalten. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Jason Low fuhr mit seinem Schwebegleiter nach Hause, verschloß alle Türen und Fenster und steckte sich Pfropfen in die Ohren, um die Dauerberieselung durch die nicht auszuschaltenden Monitore abzublocken. Dann öffnete er ein Geheimfach und nahm einen Gegenstand heraus. Wenig später glitt ein Lächeln auf sein Gesicht. In den Händen hielt er ein Buch, in dem er mit Vergnügen las: William Shakespeare „Viel Lärm um Nichts“

13. Jan. 2009 - Margret Schwekendiek

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