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Night Train to Munich


Lange Zeit ist Carol Reeds “Night Train to Munich” als ein Klon von Alfred Hitchcocks deutlich populärerem „A Lady Vanishes“ angesehen worden. In beiden Filmen spielen Agenten eine wichtige Rolle und auch einige der Nebenrollen sowie Margaret Lockwood haben in beiden Filmen wichtige und gewichtige Auftritte.
Aber der von Sidney Gilliat und Frank Launder – ebenfalls eine Gemeinsamkeit zu Hitchocks Meisterwerk – geschriebene Thriller ist unabhängig von dem schwachen Modellwerk sowohl während des Showdowns als auch zu Beginn ein viel ambitionierteres Werk. Das beide Filme verbindende Element des Zuges wird aber unterschiedlich eingesetzt. In „A Lady Vanishes“ ist es Bestandteil des Agentenabenteuers, während im vorliegenden Streifen der Zug zwei Gefangene von Berlin nach München transportieren soll. Die Flucht gelingt ihnen auch erst im Hauptbahnhof.
Es ist der Auftakt mit einer weiteren Kamerafahrt direkt in das Büro Hitlers in seiner in den Bergen liegenden Residenz, der nachdenklich stimmt. Absichtlich zeigen Carol Reed und seine Drehbuchautoren im Zeitraffer die Einverleibung Österreichs, des Elsass, den Sudentenlands und schließlich der Tschechoslowakei. Wenige Stunden vor dem Einmarsch der Truppen in Prag kann der Ingenieur Axel Bomasch – James Harcourt – noch außer Landes gebracht werden. Er hat eine neue Legierung erfunden. Bomasch Tochter Anna – Margaret Lockwood – wird allerdings verhaftet und in ein Konzentrationslager geschafft, nachdem sie sich weigert, Auskunft über ihren Vater zu geben. Im Lager freundet sie sich mit dem Gefangenen Karl Marsen (Paul Henreid) an, der vorgibt ein inhaftierter Lehrer zu sein. Da ihn die Gestapo auch foltert, glaubt sie seine Geschichte. Gemeinsam fliehen sie aus dem Lager und können auf eher konstruierten Umwegen nach England gelangen, wo Anna nach ihrem Vater mittels einer Anzeige suchen soll. Kontaktmann ist Dickie Randall – Rex Harrison - , der sie zu ihrem Vater bringt.
Warum ihr Vater anschließend allerdings in einer kleinen Wohnung leben und arbeiten kann, die nur von Randall bewacht wird, wird nicht weiter extrapoliert. Auf jeden Fall arrangiert Marsen die Entführung von Vater und Tochter. Der Zuschauer weiß im Gegensatz zu den Protagonisten, dass Marsen ein Nazi und ein eingeschleuster Agent ist, der über Anna den Aufenthaltsort ihres Vaters in Erfahrung bringen sollte.
Marsen bringt die beiden an Bord eines deutschen U Bootes, das vor der Küste gelegen ist. Eine vergleichbare Szene findet sich am Ende der ersten Verfilmung der „39 Stufen“, wobei in diesem Fall die aufgeflogenen Spione versuchten, an Bord eines U Bootes zu fliehen.
Dickie Randall macht sich als eine Art James Bond und persönlich getroffen auf, Anna und ihren Vater aus den Händen der Nazis zu befreien. Als Major Ulrich Herzog schindet er Eindruck bei den Offizieren, welche die Bomasch gefangen halten. Zusätzlich versucht er sich als ehemaliger Geliebter Anna in Prag zu etablieren, was aber das Misstrauen des ebenfalls anwesenden Marsen erweckt. Randall versucht die Beiden an Bord eines in der Nähe von Berlin wartenden Flugzeuges außer Landes zu schmuggeln. Obwohl der Film wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen spielt und die Kriegsmaschinerie im Hintergrund noch am Anlaufen ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass ein falsch registriertes Flugzeug von Berlin aus die Gefangenen bzw. dann Flüchtlinge nach England bringen könnte. Der Plan erscheint improvisiert und so ist es keine Überraschung, dass die deutschen Offiziere ihnen auch einen Strich durch die Rechnung machen. Die Bomasch sollen per Nachtzug nach München gebracht werden, wo ihr Wille gebrochen werden soll. Randall gelingt es, sich ebenfalls an Bord des Zugs zu begeben, wo er nicht nur zwei Engländer als Landsleute (mit einem ist er auch zur Schule gegangen) trifft, sondern die Bomasch und Marsen im Auge behalten kann.
Parallel stellt sich heraus, dass es einen Ulrich Herzog in der entsprechenden Einheit nicht gibt. Das Auffliegen seiner Tarnung zwingt Randall schließlich zum Handeln, wobei Carol Reed auch in diesem Fall eher auf eine klassische, dramaturgisch gut inszenierte Verfolgungsjagd setzt als den Einsatz moderner Technik, mit deren Hilfe die Flucht der Fünf – neben Randall und bei beiden Bomasch begleiten ihn auch die beiden Engländer – viel früher zu Ende gewesen wäre.
Der Film ist gut strukturiert, auch wenn er weder die charakterliche Tiefe der späteren Thriller wie „The Fallen Idol“, „The Third Man“ oder „Odd man Out“ missen lässt. Carol Reed zeigt mit der langen Kamerafahrt von Beginn an, dass er seine Zuschauer in die Handlung hineinziehen will, wobei Hitlers sich offenbarender Größenwahn gleich die erste Sequenz dominiert. Anschließend folgt in der Tradition der Wochenschau ein Überblick über die Ereignisse der letzten Jahre mit entsprechend authentischen Material sowie kartographischen Hinweisen. Auch der Hinweis, dass der Film in einem kurzen Abschnitt um die Tage des 3. Septembers und damit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt, soll noch einmal verdeutlichen, wie aktuell der ein Jahr später entstandene Thriller in Wirklichkeit noch ist. Aus der heutigen Distanz zeigt sich, dass die lange Leine, mit welcher Hitler ein Land nach dem Anderen sich einverleibt hat, ein politischer Fehler gewesen ist. In der komprimierten Form wird das noch deutlicher.
Ebenfalls politisch interessant ist, dass der Begriff des Konzentrationslagers – allerdings noch für politische Gefangene – ebenfalls bekannt ist, denn Carol Reed führt die Kamera an einem entsprechenden Schild vorbei in die Gefängnispraxis, in welcher Anna unter einem sadistischen Arzt arbeitet, der vordergründig jeden zur Bestrafung vorgesehenen Gefangenen noch einmal oberflächlich untersucht.
Alle anderen politischen Anspielungen sind ambivalent und passen sich der Masse von spannenden Kriegsthrillern ohne Frage an. Nur hinsichtlich des uniformierten Personenkults erlauben sich die Drehbuchautoren einen kleinen Scherz, wenn Randall durch eine offensive, autoritäre Art und Weise um das Zeigen von nicht vorhandenen Ausweispapieren herum kommt.
Immer am Rande der Propaganda zeichnet aber Carol Reed ein erstaunlich ambivalentes Bild der zivilisierten Deutschen allerdings direkt im Herzen des Reiches. Wie erwähnt ist der Lagerarzt ein Sadist, der sich am Leiden seiner Gefangenen erfreut. Aber die Offiziere in Berlin inklusiv eines älteren Gentlemans, der von den Abzeichen auf seiner Uniform zu den Admirälen gehören müsste, zeigen ein ambivalenteres Bild. Alleine Marsen ist ein hundertprozentiger Nazi, wobei auch hier die Drehbuchautoren ihn vor allem als klassischen, entschlossenen bis besessenen Antagonisten zeigen, der auch ein Interesse an der schönen Anna über seinen eigentlichen Auftrag hinaus zeigt. Er riskiert viel, als er beginnend mit seinem Aufenthalt im Konzentrationslager nach England geht und die Bomasch an Bord des U- Boots zurückbringt. Im Reich selbst ist er verantwortlich, dass die beiden Flüchtlinge im angesprochenen Nachtzug auch in München im Allgemeinen und dem neuen Forschungsgelände im Besonderen ankommen. Ein Scheitern seines Auftrags könnte für ihn drakonische Strafen nach sich ziehen, so dass sein bis zum Ende entschlossenes, aber niemals über Gebühr brutales Vorgehen/ Handeln/ Verfolgen sogar nachvollziehbar ist. Als Charakter darf das Drehbuch während des Kriegs entstanden dem Deutschen keine wirklich sympathische Seite zugestehen und Paul Henreid schafft es, diesen Charakter anfänglich aufrührerisch, aber auch sympathisch, später rücksichtslos und entschlossen darzustellen. Es ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung, zumal Marsen spätestens mit dem Auftauchen seines auch im Kampf um Anna Widersachers Randall selbst im eigenen Land zu reagieren kann.
Rex Harrison als Randall erscheint erst als eine Art Unterhaltungskünstler in dem kleinen Küstenort, der seine eigenen Liedertexte und Platten verkauft. Dieses Dandyverhalten irritiert. Mit der Entschlossenheit, mit welcher er schließlich nach Deutschland in James Bond Manier fährt, um die beiden Bomasch eigenhändig herauszuholen, überrascht er schließlich.
Echte Chemie kommt zwischen Harrison und Margaret Lockwood nicht auf. Zu Beginn als verwöhntes Mädchen aus reichem Haus dargestellt, im KZ zum Arbeitsdienst verpflichtet ist sie die treue, aber auch ein wenig naive und zu vertrauensselige Tochter in schwierigsten Zeiten. Im Gegensatz zu ihrer ambitionierten Rolle in „A Lady Vanishes“ schwimmt die Schauspielerin eher in einem solide zusammengestellten Team mit.
Unabhängig davon ist aber die Zeichnung der handelnden Personen für einen Carol Reed Film positiv typisch. Er stellt Menschen in allen Lebenslagen da, ohne sie wirklich zu verurteilen oder das Publikum hinsichtlich ihrer menschlichen Qualitäten zu beurteilen. Orson Welles Charakter in „The Third Man“ ist genauso wie James Mason in „Odd Man Out“ sind klassische Beispiele. Auch wenn beide Verbrecher sind und am Ende des Films jeweils sterben werden, sind sie doch sympathisch. Hinzu kommen eine Reihe von visuellen Anspielungen wie die „Mein Kampf“ lesenden Engländer, die das Buch als einen besonderen Ratgeber gekauft haben. Ohne die kleinen Streiche, die Carol Reed dem geordneten Leben in Deutschland spielt, in dem er den Uniform- und Ordnungswahn der Deutschen parodiert. Hier dienen die angesprochenen Charaktere Charters und Caldicott am ehesten als ein Resonanzspiegel der britischen Arroganz, die in einer zu diesem frühen Zeitpunkt des Krieges aber unrealistischen Überlegenheit des Empire gegenüber den Emporkömmlingen aus Deutschland gipfelt. Allerdings greifen die Beiden auch während der abschließenden Verfolgung im Gegensatz zum Hitchock Streifen aktiv in das Geschehen ein und in den deutschen Uniformen machen sie selbst aus britischer Sicht einen souveränen Eindruck.
„Night Train to Munich“ ist deutlich besser strukturiert als „A Lady vanishes“. Das Tempo ist durchgehend hoch- vor allem der angesprochene historische Hintergrund beginnend auf dem Berghof und endend in den fiktiven Bergen zwischen Deutschland und der Schweiz in dieser Form sind hier zu erwähnen - und die wenigen belustigenden Szenen sind immer mit einem Element der Bedrohung unterlegt worden. Carol Reed liebt es normalerweise, seine Filme in einer gemächlichen, die Charaktere betonenden zu inszenieren. Lange Kamerafahrten und Schattenspiele, welche die Phantasie der Zuschauer beflügeln. Über weite Strecken ist „Night Train to Munich“ das genaue Gegenteil. Nur die Fahrt zum Berghof entspricht genau Carol Reeds späterem Stil, während er in einigen wichtigen Szenen auf rasante Zwischenschnitte und vor allem keine Totalen setzt, die aufgrund des geringen Budgets auch nicht überzeugt hätten. Durch die schnellen Schnitte kann der Regisseur aber nicht in allen Szenen Spannung erzeugen. Während der finalen Auseinandersetzung in und an der Seilbahn ist es notwendig, immer wieder eine gewisse Distanz aufzubauen, um das Szenario in seiner Komplexität zu zeigen. Am Ende verzichtet Carol Reed auf ein nihilistisches, aber folgerichtiges Ende.
Diese kleinen Abweichungen von der Masse der Propagandafilme hebt „Night Train to Munich“ vor allem auch als spannenden Thriller aus vielen Produktionen dieser Zeit heraus. Wie stark Graham Greene in seiner Nachkriegstrilogie “The Fallen Idol“, „The Third Man“ und schließlich auch „Our Man in Havanna“ beeinflusst und geführt hat, lässt sich an den erkennbaren spannungstechnischen und emotionalen Schwächen des vorliegenden 1940 entstandenen Films erkennen. Alleine inszenierte Carol Reed sieben Jahre später ja „Odd Man Out“, sein persönlichstes Meisterwerk. Qualitativ ist „Night Train to Munich“ nicht mit diesen Streifen zu vergleichen und die morbide Zeitlosigkeit der angesprochenen Filme inklusiv des fast grotesk erscheinenden Humors in der in den sechziger Jahren entstandenen Agentenfarce mit Alec Guinness als Staubsaugervertreter auf Kuba fehlt dem Zugabenteuer. Auf der anderen Seite kann der Zuschauer erkennen, wie Carol Reed sich als Regisseur zwischen diesen Streifen weiter entwickelt hat.
Es empfiehlt sich, auf die Criterion DVD oder Blue Ray zurückzugreifen. Neben dem herausragenden Bild und der überzeugenden Tonqualität ist ein kleines Begleitheft beigefügt, das noch einmal die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen „A Lady Vanishes“ und „Night Train to Munich“ herausarbeitet.

CINE TRASH & TREASURY
Beitrag Night Train to Munich von Thomas Harbach
vom 07. Dez. 2017


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