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Die Toten sterben nicht


1975 folgte ein weiterer Fernsehfilm von Curtis Harrington, in dem der Regisseur dieses Mal nach einem Drehbuch von Robert Bloch eine Reihe von auch heute noch bekannten Namen engagierte. Für diesen Film Noir Horror Thriller – inzwischen ist diese Genrevermischung auch mehrfach im Kino angewandt worden- standen mit George Hamilton, Linda Cristal oder Ray Milland bekannte Namen vor der Kamera. Robert Prince hat einen noch heute hörenswerten Soundtrack beigesteuert.
Wie bei vielen seiner anderen Fernseh- und Kinodrehbücher hat Robert Bloch eine seiner vielen Kurzgeschichten als Vorlage genommen. Dieses Mal ist der Text schon 22 Jahre vor der Entstehung des Drehbuchs entstanden.
Curtis Harrington hat sich bemüht, den deutlich ambitionierter als zum Beispiel bei „How Awfull about Allan“ zu gestaltenden Plot inklusiv der historischen Hintergründe im Fernsehformat ansprechend zu inszenieren.
Die Handlung beginnt fast klischeehaft und der Plot spielt im Jahr 1934. Don Drake – George Hamilton - kehrt nach einer langen Seereise nach Chicago zurück. Sein Bruder ist wegen des Mordes an seiner Frau verurteilt worden. Drake kann ihn nicht vor dem elektrischen Stuhl retten, aber er will trotzdem dessen Namen reinwaschen. Die Spur führt in einen Tanzsalon namens Loveland Ballroom, wo seine Frau ums Leben gekommen ist. Anscheinend hat sein Bruder an einem der Tanzmarathons teilgenommen, die in „They shoot horses, don´t they?“ so dramatisch und schockierend zugleich dargestellt worden sind.
Während seiner Ermittlungen beginnt Drake seinen Bruder angeblich in den nebligen Straßen zu sehen. Als er angriffen wird, meint er sogar einen Mann zu erkennen, der eigentlich tot und begraben ist.
Während die Kurzgeschichte deutlich kompakter ist und einige Längen dieses Fernsehfilms vor allem nach dem dynamischen Auftakt geschickt umschifft, ist es Curtis Harrington gelungen, eine atmosphärisch dichte historisch nicht unbedingt korrekte Betrachtung Chicagos zu entwickeln. Es ist kein Zufall, dass der Plot ausgerechnet in der Stadt der Gangster in den dreißiger Jahren spielt. Nicht selten greifen Robert Bloch und Curtis Harrington absichtlich auf die entsprechenden Klischees zurück und spielen mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Es wirkt ein wenig bemüht, dass Drake von einer langen Seereise ohne nachhaltige Informationen über den Tod seiner Frau und der Verurteilung seines Bruders zurückkommt. Auch an einigen anderen Stellen kann die Handlung nur funktionieren, wenn der Leser der historischen Prämisse folgt und die in den fünfziger bzw. siebziger Jahren – Entstehung der Kurzgeschichte und Produktion des Films – gängigen Kommunikationsmedien ignoriert. Wie bei den gebrochenen Film Noir Helden muss dem erstaunlich aktiven und nicht wie ein Seemann wirkenden Drake erst der Boden unter den Füßen entzogen werden, damit er seine verzweifelte Mission beginnt. Der Film verzichtet auf eine Vorgeschichte. Es gibt zwar insbesondere zu Beginn einige wenige leicht schmalzige Rückblicke und Hinweise auf das Vorleben der wichtigsten Protagonisten, von denen zwei tot sind, aber sie lassen die einzelnen Protagonisten deswegen trotzdem nicht dreidimensional oder zugänglich genug erscheinen.
Drakes Suche wird von zwei sehr unterschiedlichen Charakteren unterstützt. Entgegen der klassischen Krimis ist es ein Polizei Sergeant, der Zweifel an der rechtmäßigen Verurteilung Drakes Bruder heckt. Ralph Meeker gibt sich Mühe, seinen anfänglich eindimensionalen Charakter lebhafter und vor allem vielschichtiger zu gestalten. Wer steht zwar klar im Schatten von Drake, muss aber immer eingreifen, wenn unabhängig von den surrealistischen Traumsequenzen die mehr oder weniger starke Hand des Gesetzes gefragt ist. Der dritte Mann im Bunde ist der Besitzer der Tanzhalle, gespielt von Ray Milland. Der ist vom Leben gezeichnet. Kritiker sprechen davon, dass er lustlos seine Leistung abgeliefert hat, aber wer genau hinschaut, wird erkennen, dass Milland sich bemüht, den Mann auf der einen Seite ohne Frage müde und vielleicht auch ein wenig frühzeitig gealtert zu zeigen, auf der anderen Seite kann der Schauspieler auch Sympathie im Zuschauer für diesen gebrochenen, aber auch irgendwie am verkehrten Ort zur falschen Zeit ehrenwerten Mann erwecken.
Es dauert seine Zeit, bis die drei Protagonisten zusammengefunden haben und an keiner Stelle bilden sie plötzlich ein unschlagbares Team. Ganz bewusst haben Robert Bloch und Curtis Harrington auf den Humor und vielleicht auch parodistischen Einschlag mancher in den siebziger Jahren entstandenen Hommage verzichtet und erzählen die Geschichte geradlinig und möglichst dunkel ohne Brutalitäten. Das liegt vor allem auch daran, dass Curtis Harrington aus den Budgetbegrenzungen eine Tugend macht und die Handlung fast ausschließlich bei Nacht, nur selten bei Kunstlicht spielen lässt. Im natürlichen Ablauf hätten einige Szenen auch tagsüber ablaufen können, aber mehr und mehr rückt das Geschehen in diese imaginäre Zwischenwelt, die im Fernsehen „The Twillight Zone“ repräsentierte oder die Val Lewton in seiner Handvoll Horrorfilme in den vierziger Jahre herauf beschworen hat. Ohne diese Qualität zu erreichen erschafft Curtis Harrington als Einleitung zum langen finalen Showdown eine bedrohliche Atmosphäre, in welcher der bisherige Sucher/ der Beobachter mehr und mehr zum Beobachteten, zum Opfer wird und sich die einzelnen Positionen zu verschieben beginnen.
Wie stark die Grenzen verschwimmen zeigt der Blick in den Tanzsaal während des schon angesprochenen Tanzmarathons. Die einzelnen Paare sehen erschöpft aus wie die lebenden Toten, die eher klassischen Zombies unter Voodoo Einfluss. Die Grenzen sind fließend. Da Curtis Harrington immer wieder auf derartige Traumsequenzen und Überblendungen setzt, verliert nicht nur Drake relativ schnell die grundlegende Orientierung, der Zuschauer folgt ihm. Die Gegenrichtung ist, wenn der Zuschauer zum Beispiel fast erwartet, dass einer der lebenden Toten seinen Sarg verlässt und er es in dem Augenblick macht, in dem niemand damit rechnet. Auch hier fließen Realität und Irrealität geschickt ineinander, ohne dass Robert Bloch oder Curtis Harrington erläutern, was nun in diesem Moment wirklich, was unwirklich ist. Es sind nicht viele Szenen, in denen die Zombies zu agieren beginnen und strukturell konzentrieren sie sich zu stark einmal auf das Ende, aber vor allem wirken sie teilweise sich auch wiederholend, ohne die eigentliche Handlung voranzutreiben. Der Film funktioniert am besten über die nicht immer subtile Art, Stimmung zu erzeugen anstatt auf Action zu setzen.
Kritisch besprochen funktioniert der Handlungsbogen nicht immer. An einigen Stellen wird zu sehr auch auf den Faktor Zufall gesetzt und der Zuschauer kann nicht allen Ermittlungen auf Augenhöhe wirklich folgen. Erstaunlich ist weiterhin, dass der kriminaltechnisch eher unbedarfte Seemann Drake die Zügel in der Hand hält und ihm der Polizist eher beschwerlich folgt.
Herausragend ist der markante Reggie Nalder mit einer ungewöhnlichen, aber wie bei einigen frühen Renfield Schauspielern in Anspielung auf Dracula auch schmierigen, unheimlichen schauspielerischen Leistung. Zusammen mit seiner Darstellung als Barlow in der ersten Verfilmung von Stephen Kings „Salem´s lot“ seine beste schauspielerische Leistung im Fernsehen. Es ist selten, dass man die Spezialisierung vielleicht auch wider Willen einzelner Schauspieler herausheben muss oder darf, aber Reggie Nalder hat eine Lücke vor allem im Horrorfilm geschlossen, die Boris Karloff als Gentlemen und George Zucco bei den B Produktionen hinterlassen haben.
Linda Cristal darf erotisch erscheinen, wobei aus heutiger Sicht eher indirekt Vergleich zu ihrer späteren „Denver“ Clan Rolle gezogen werden müssen.
Unabhängig von den bekannten Gesichtern, welche dem Fernsehfilm zumindest „äußerlich“ ein besseres Image verleihen, ist es die abschließende Plotwende mit Erklärungen hinsichtlich der Hinrichtung und Wiederauferstehung von Drakes Bruder, die „The Dead don´t Die“ zufriedenstellend abrunden.
Vor allem ist dieser Fernsehfilm wie auch „Salem´s Lot“ eine der Produktionen, die sich an ein erwachsenes Publikum wenden und dieses solide wie grundehrlich unterhalten wollen. In nicht nur dieser Hinsicht unterscheidet sich „The Dead don´t die“ von den vielen Teenie Horror Filmen, die kurze Zeit später leider aus zu vielen Löchern gekrochen und das Genre unterminiert haben.

Auch wenn es auf den heutigen DVD Kopien bzw. bei youtube kaum zu erkennen ist, hat Curtis Harrington dem Film absichtlich einen leicht grauen, verwaschen wirkenden optischen Anstrich gegeben. Mit dieser farbtechnischen Verzerrung – am Ende von „How awfull about Allan“ hat es Harrington das erste Mal effektiv umgesetzt – wird die zeitliche Distanz zwischen den dreißiger Jahren, in denen der Film spielt, und der Gegenwart der Siebziger noch deutlicher gemacht. Dadurch erschienen auch die Übergänge zu den einzelnen Traumszenen fließender und die vielen auf den ersten Blick bizarren Details geben dem ganzen Plot eine unheimliche, eine einzigartige und auch heute noch für einen Fernsehfilm ungewöhnliche Atmosphäre.
Zusammengefasst ist “The Dead don´t die“ unter Curtis Harringtons Fernsehfilmen trotz einiger kleiner Schwächen ohne Frage der Originellste. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Robert Bloch ist sich der Filmemacher der Gesetze des Genres bewusst hat und eine makabre Freude, sie an einigen wichtigen Stellen auch auf den Kopf zu stellen.

CINE TRASH & TREASURY
Beitrag Die Toten sterben nicht von Thomas Harbach
vom 17. Jul. 2017


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