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Leseprobe 3

SCHATTENHAUCH

Tanja Bern
Roman / Fantasy

Fabylon

eBook, 263 Seiten

Jul. 2017, 3.99 EUR
auch als eBook erhältlich

In der Luft lag der schwere Geruch von Chemie. Am Ende der Schlucht stiegen Dämpfe auf, die seine Gefährten nicht wahrzunehmen schienen. Derlyn hielt Amelie und Viktor davon ab, näher zu treten und blickte betroffen auf das Ende des schmalen Kraters, wo sich ein riesiges Metallgestell befand. Geschwärzt von der Witterung erhob sich das Gerüst zum Himmel. In der Mitte befand sich ein langer, runder Stab, der so dick war, dass Derlyn ihn nicht umfassen könnte. Er bohrte sich tief in den Boden, wie ein Dolch, der die Erde erstach.
Derlyns Blick schweifte über die niedrigen Gebäude, die sich verfallen hinter einem zerstörten Zaun befanden. Das Glas der Scheiben war zerstört und Schmutz hatte sich wie ein schmieriger Film auf die einst hellen Fassaden gelegt. Überall lagen zerschlagene Gegenstände und umgefallene Metallstreben. Der verkrustete Untergrund flimmerte rötlich.
»Wir können hier nicht durch«, flüsterte Derlyn heiser und wich vor dieser Stätte zurück.
Er sah, wie Amelie den Kopf weit in den Nacken legte, um die Bauvorrichtung zu betrachten. Derlyn wollte fort, er konnte den Anblick dieser Tötungsmaschine nicht mehr ertragen. Dies hatte die alte Welt zerstört.
»Das hier war eine der letzten intakten Bohrstationen«, sagte Viktor dumpf. »Die Anlage hat sich früher über die ganze Ebene ausgebreitet.«
Derlyn war schwindlig, nicht von den für die anderen unwahrnehmbaren Dämpfen, sondern von dem Gefühl, das auf diesem Ort lag. Mit klammen Fingern griff es nach ihm, drang in ihn und ließ seine Eingeweide brennen. Tränen schossen ihm in die Augen.
»Geht … nicht … dahin«, brachte er nur noch hervor und taumelte zurück.
»Derlyn!« Amelie eilte zu ihm und fing ihn auf, bevor er diesen seltsamen Boden berühren musste.
»Was hast du, Junge?« Tief besorgt näherte sich Viktor.
Derlyn entfuhr ein ersticktes Schluchzen, er rappelte sich aber auf und zog Amelie von den Gebäuden fort. Als der Abstand zu dieser Einrichtung größer wurde, fing Derlyn sich wieder. »Es ist giftig dort«, sagte er.
Ohne zu zögern nickte Viktor und starrte Derlyn an. »Bist du … empfindlicher als wir?«, fragte der Arzt behutsam.
Entschieden schüttelte Derlyn den Kopf. »Es sind nicht die Dämpfe«, hauchte er. »Etwas Dunkles liegt über diesem Ort.« Er fixierte Viktor. »Was ist hier passiert?«
Blinzelnd begegnete Viktor seinem eindringlichen Blick, als würde er von Derlyns Gabe ahnen. Nie zuvor war es so präsent, so mächtig gewesen. Seine Empathie schien die alten Gefühle von Schuld, Angst und Tod aufgefangen zu haben.
»Wir brachten die Toten hierher. Es waren zu viele … Wir konnten nicht alle verbrennen«, antwortete Viktor so leise, dass man seine Worte nur erahnen konnte. Betroffen sah er zu den Häusern.
Amelie deutete seinen Blick richtig. »Sie wurden in den Fabrikgebäuden bestattet?«
Ihre Worte verhallten in der erdrückenden Stille, die wie ein Schleier alle Geräusche dämpfte. Viktor nickte und senkte den Kopf.
Sie wichen vor der Fabrik zurück und Derlyn schaffte es, dieses furchtbare Gefühl annähernd zu vertreiben, er sah vor sich auf den erstarrten Sand – vor ihnen zerstörten Fußabdrücke die Unberührtheit. Sie führten an der Anlage vorbei.
Sie hat die Bohrstation gemieden! Derlyn lächelte. Gutes Mädchen.
Amelie ergriff seine Hand. »Geht es dir besser?« Er begegnete ihrem Blick, schaute in ihre zimtfarbenen Augen. Das erste Mal fielen ihm die hellgrünen Sprenkel in ihren Iriden auf. Ihn durchfuhr ein warmes Gefühl, das so sehr im Gegensatz zu der dunklen Empfindung stand, dass er tief durchatmete.
»Derlyn?«
»Ja, mir geht es gut.« Er drückte Amelies Hand fester, ließ sie nicht los und zog sie mit sich, den Fußspuren hinterher.
Vor ihnen breitete sich eine zerstörte Landschaft aus. Verrottete Baumstümpfe harrten auf karger Erde, auf der nicht ein Grasbüschel wuchs. Die Baumreste zogen sich bis zu den Ruinen der Stadt.
»Warum hat man sie alle gefällt?« Amelie löste sich von Derlyn und strich sachte über das tote Holz.
Viktor fühlte sich wohl angesprochen, denn er räusperte sich leise und sagte: »Die Chemie wirkte bei den Pflanzen wie ein starker Dünger. Die Bäume nahmen es auf, wandelten es um und neutralisierten das Gift. Aber … dieser Wald wurde gefällt, bevor man es wusste. Die Pflanzen wuchsen damals plötzlich erschreckend schnell und man fürchtete sich.«
Derlyn konnte nicht anders, als sich einem der Stümpfe zu nähern. Vorsichtig legte er eine Hand auf die raue Fläche des Schnitts, hoffte auf eine Regung, auf ein Gefühl. Normalerweise spürte er die Schwingungen der großen Bäume, selbst das tote Holz im Wald war noch mit dem Kollektiv verbunden. Hier herrschte erschreckende Leere, als hätte man dem Land die Seele geraubt.
Seine Gefährten sahen abwartend zu ihm und er fügte sich ihrem Willen weiterzugehen. Die ersten Häuser der Stadt tauchten auf, hier schien einst ein Vorort gewesen zu sein. Mittelgroße Häuser reihten sich an eine rissige Steinstraße. Trotz der Unebenheit sah man glatte Flächen, erahnte, wie gerade und perfekt dieser Weg einst verlief.
»Das ist Asphalt«, sagte Derlyn. Er kannte dieses Machwerk der Menschen nur aus Büchern. Es jetzt vor sich zu sehen, erfüllte ihn mit verstörenden Gefühlen. Auf den Bildern der Schulbücher hatten diese Wege schön gewirkt, mit Grünbepflanzungen und Vorgärten. Nun sah er, dass nur wenig Gras übrig geblieben war. Auch hier hatte man die Bäume gefällt und sich so der einzigen Rettung beraubt. Wie ein Netz aus Stein erstickte der Asphalt das Erdreich. Die einzigen Pflanzen, die hier wieder die Oberhand zurückgewannen, waren Dornensträucher mit graugrünen Blättern, die Derlyn noch nie zuvor gesehen hatte. Stumm liefen sie an den verlassenen Ruinen vorbei, wagten keines der Häuser zu betreten. Lillyns Spuren verschwanden mit den sonderbaren Straßen und Derlyn konnte nur nach Gefühl weitergehen. Ob er tatsächlich noch ihrer Fährte folgte, konnte er bald nicht mehr sagen.
Langsam schritten sie über die verlassenen Straßen und die Gebäude schienen immer mehr in den Himmel zu wachsen. Derlyn sah fassungslos auf die unzähligen Fenster eines der Hochhäuser. Wie viele Menschen mochten hier auf engstem Raum zusammen gelebt haben? Im Tal hatte jeder ein kleines Zuhause für sich, blieb eng mit der Natur verbunden. Hier herrschte Beton, Asphalt, Glas und Metall vor. Ein langer Riss teilte das Bauwerk, als ob ein Riese es entzweigeschlagen hatte.
»Die Erdbeben haben … hier schlimm gewütet«, sagte Viktor leise. Seine Stimme brach fast, die Worte brachte er nur schwer hervor.
Derlyn warf ihm einen Blick zu. Der Arzt schien gealtert zu sein. Jede Regung war aus seinen sonst immer freundlichen Gesichtszügen verschwunden. Nie zuvor hatte er den Arzt so erlebt.
Amelie schaute sich mit ängstlichem Blick um, fasste nach Derlyns Arm und umklammerte ihn. Beruhigend streichelte er über ihre Hand.
Als sie aus der Gasse traten, bot sich ihnen ein furchtbares Bild. Sie verharrten zwischen den hohen Häusern. Die Zerstörung der Stadt hatte hier ihren Mittelpunkt gefunden, die meisten Gebäude standen verfallen oder auseinandergerissen von den Beben zu beiden Seiten einer breiten Hauptstraße. Autowracks lagen wie große Leichen auf dem Asphalt. Derlyn sah die Überreste von Menschen, die man zurückgelassen hatte – die an diesem Ort ihren Tod gefunden hatten, vielleicht in ihrer Verzweiflung versucht hatten, ihren Angehörigen zu folgen. Nach dreißig Jahren war nicht mehr viel erhalten, doch Derlyn sah trotz der Zeitspanne bleiche Knochen zwischen Unrat liegen, als hätte die Vergiftung die Skelette konserviert.
Hier auf dieser Kreuzung begriff Derlyn, warum die Menschen in Panik geraten waren, wieso sie alles zurückgelassen hatten. Und er verstand endlich, warum die Älteren im Tal nach wie vor ihre Schuldgefühle wie ein Verhängnis in ihren Herzen trugen. Denn er spürte es jedes Mal, wenn er ihnen nahe kam.
Viktor keuchte auf, wich mit geweiteten Augen zurück, und erbrach sich. Auch hier drohte die Schuld ein Herz zu ersticken, Derlyn spürte es deutlich. Amelie begann leise zu weinen. Er jedoch war nun vorbereitet, schottete sich ab vor den wahnsinnigen Gefühlen, die an dieser Stätte noch immer tobten, als hätten die Seelen der Verstorbenen ihre letzten Empfindungen zurückgelassen. Er würde sich nicht noch einmal von so etwas überwältigen lassen, er musste sich innerlich schützen.
Oder lebte noch etwas in diesen zerstörten Mauern?
Hoffnung keimte in ihm auf, doch im selben Moment wusste er, dass diese Aura nicht allein von Lillyn stammen konnte.
»Wir müssen weiter«, sagte er ruhig zu den anderen beiden, um sie aus ihrer Erstarrung zu reißen.
Derlyn ging über die Kreuzung, mied den Blick zu den Toten und konzentrierte sich auf etwas, das er mit seinen scharfen Augen in der Ferne erspähte. Wind fegte mit leisem Heulen durch die einsamen Gassen, wirbelte uralten Müll auf. Niemand sprach, schweigend folgten sie ihm.
Angst schwebte wie ein kalter Hauch über Derlyn und auch er konnte dem nicht entrinnen. Das Gefühl ähnelte der Furcht vor den Schatten, ließ sein Herz viel zu schnell pochen und beschleunigte seinen Atem, so dass er regelrecht nach Luft rang.
Sein Fixpunkt waren die schmalen Bäume, die er zwischen den Wolkenkratzern sah. Je mehr sich der Abstand zwischen ihnen und der alten Fabrik vergrößerte, desto mehr gewann die Natur hier die Oberhand. Derlyn vermutete, dass die Chemikalien in hoch konzentrierter Form auch die Pflanzen beschädigt hatten. Auch sie hatten nicht die volle Wucht auffangen können und waren zu Grunde gegangen. Je weiter sie sich von der alten Bohrstation entfernten, desto mehr konnte man sehen, dass die Natur wieder erstarkte. Kletterranken schlängelten sich die Wände hinauf, Sträucher überwanden den Asphalt und wuchsen aus dessen Rissen. Vier Eschen hatten ihren Platz zwischen den Häusern eingenommen. Die Bedingungen machten der kargen Natur trotzdem zu schaffen. Der seltsame Staub auf den Straßen hatte die Blätter grau gefärbt. Wassermangel tat sein Übriges und Derlyn sah, dass jede Pflanze gegen das Verdorren ankämpfte.
Vorsichtig näherte er sich einem der Bäume und legte seine Handfläche auf den Stamm. Eine Brise raschelte in den wenigen Blättern.
»Derlyn«, hauchte Amelie. Ihre Stimmlage alarmierte ihn und er folgte ihrem Blick.

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